Ich hatte ja angekündigt, mir Gedanken darüber zu machen, ob ich die Petition von Anatol Stefanowitsch, die deutsche Sprache nicht ins Grundgesetz aufzunehmen, unterzeichnen will oder nicht. Das war kein leeres Versprechen, und ich bin zu einer Entscheidung gekommen.

Ich hatte auch gesagt, es sei mir im wesentlichen egal, ob die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufgenommen wird oder nicht. Das ist auch weiterhin so, muss aber vielleicht etwas präzisiert werden. Es folgt eine persönliche Argumentation und keine systematische Diskussion irgendeines einzelnen, speziellen Streitpunkts. Dabei sind manche, aber nicht alle Gedankengänge angestoßen von Kommentaren zu dem Thema, über die im Sprachlog gerade eine Übersicht zusammengestellt wurde.

Dass ich Anglizismen (und auch andere Fremd- und Lehnwörter) generell nicht besonders schlimm finde, ist durch meine Teilnahme an der Wahl zum Anglizismus des Jahres vermutlich deutlich geworden. Das heißt wohl gemerkt nicht, dass es nicht auch das eine oder andere Wort, den einen oder anderen Ausdruck gibt, der mir persönlich nicht so gut gefällt. Aber nur, weil ich einen Ausdruck nicht so schön finde, muss ich nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu versuchen, diesen Ausdruck aus der Sprache zu verbannen. Ich benutze ihn eben selbst nicht und lasse den anderen ihren Frieden. Im Gegensatz zu Petitions-Kommentatoren, bei denen man den Eindruck gewinnen kann, sie haben die VDS-Petition unterstützt in der Hoffnung, dass dann bald die Anglizismen in der Werbung verschwinden (und die sind überhaupt nur der Grund, weshalb ich diese Passage hier schreibe).

Womit ich wiederum auch nicht sagen will, dass ich gegen Verdeutschungen bin. Der Anglizismenindex des VDS tut bis jetzt niemandem weh, und wenn jemand eine dort aufgelistete Verdeutschung verwenden will (und glaubt, dann immer noch von seinen Zeitgenossen verstanden zu werden), nur zu … Genauso wie Fremdwörter hat es in der Geschichte des Deutschen auch immer schon Eindeutschungen gegeben — und genauso wie manche Fremdwörter dauerhaft erhalten bleiben, weil sie etwas Wichtiges offensichtlich gut bezeichnen, und andere Fremdwörter wieder vergessen werden und verschwinden, setzen sich manche Verdeutschungen in der Allgemeinsprache durch und andere bleiben Anekdoten.

Das war so, das ist so, das soll und wird auch so bleiben.

Ich bin prinzipiell auch dafür, dass Menschen, die aus einem anderssprachigen Mutterland dauerhaft nach Deutschland kommen, die deutsche Sprache lernen. Das ist eine Grundvoraussetzung, um auch außerhalb des eigenen Wohnblocks am öffentlichen Leben teilzunehmen. Es ist, zumindest mittel- und langfristig, im eigenen Interesse, um kulturelle Angebote, Bildungsprogramme usw. wahrnehmen zu können, um sich selbst gesellschaftlich, politisch usw. engagieren zu können und um den eigenen Kindern die Teilnahme an solchen Angeboten und Aktivitäten zu vereinfachen. Es ist eine Notwendigkeit, um Behördengänge und Verwaltungsangelegenheiten möglichst reibungslos hinter sich zu bringen (wenn ich an die in einer bestimmten Varietät des Deutschen verfassten Steuererklärungsformulare denke, die bald wieder auf mich zukommen, läuft es mir schon kalt den Rücken herunter). Es ist auch eine Sache der Höflichkeit, um sich mit deutschen Nachbarn und Mitbürgern unterhalten zu können. Wenn ich an diese Auswanderersendungen denke, in denen Deutsche in Spanien ein neues Leben anfangen wollen und sich dann wundern, dass man dort Spanisch oder gar Katalanisch spricht … manche deutschen Auswanderer machen es offensichtlich nicht besser als manche nichtdeutschen Zuwanderer (die ja nicht immer freiwillig kommen). Es wäre aber in ihrem eigenen Interesse, wenn doch.

Was fürs Deutschlernen in den Fällen, in denen das nicht freiwillig getan wird, benötigt würde, wäre zum einen sicherlich eine Einstellungsänderung bei manchen Zuwanderern, was Rollenbilder und Aufgabenverteilung in Familie und Gesellschaft angeht. Benötigt wäre zum anderen aber auch eine Einstellungsänderung bei vielen Deutschen: Wenn selbst fleißige Schüler mit guten Noten auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt benachteiligt werden, nur weil sie einen nichtdeutschen Namen haben; wenn in vielen Medien undifferenziert von “den” Migranten gesprochen wird, die alle faul, gewaltbereit, fanatisch und antisozial sind; wenn man seinen (in dem einen oder anderen Fall sicherlich auch berechtigten) Ärger zwar “auch mal sagen können” will, aber für Gegenargumente taub ist, braucht sich doch niemand zu wundern, wenn manche Zuwanderer oder manche von deren Kindern nicht die größte Motivation verspüren, sich dieser feindlich gesinnten Gesellschaft zu nähern.

Was fürs Deutschlernen jedoch nicht notwendig ist, ist eine Änderung des Grundgesetzes.

Ich bin nicht dagegen, wenn die deutsche Sprache in der EU-Verwaltung eine größere Rolle spielen soll, ich fände es auch bedauerlich, wenn die deutsche Sprache im Ausland noch weniger gelernt würde, und das kann passieren, wenn die deutsche Sprache in Europa noch weniger zu sehen und zu hören ist. Ich bin mir natürlich auch im Klaren darüber, dass es noch eine Menge anderer Sprachen in Europa gibt, die im Vergleich zum Deutschen noch weniger eine Rolle spielen. Eine Lösung für dieses Problem habe ich auch nicht. Aber eine Grundgesetzänderung wird weder die Stellung des Deutschen noch anderer Sprachen in der EU-Verwaltung irgendwie verändern.

Ich halte die bisher schon landesgesetzlich als Minderheitensprachen festgelegten Sprachen zwar nicht wirklich für durch die VDS-Petition, die ausschließlich die deutsche Sprache nennt, gefährdet — obwohl es, wie das Sprachlog schreibt, schon erstaunlich ist, dass die Minderheitensprachen bei den Vorschlägen von Lammert, VDS und Co. gar keine Rolle spielen. Ich glaube zwar, dass man am Beispiel anderer Länder, in denen die jeweilige Hauptverkehrssprache alleine oder zusammen mit anderen Sprachen in der Verfassung genannt wird, sehen kann, dass das nicht zum Untergang der Zivilisation und auch nicht zum Abbruch aller internationaler Beziehungen führt. Ich halte die Petition des VDS zwar für überflüssig und finde die beleidigenden, nationalistischen und, mit Verlaub, saudummen Kommentare auf Stefanowitschs Gegenpetition empörend und frustrierend zugleich, aber nur weil Idioten gegen etwas sind, bin ich nicht automatisch dafür.

Ich bin dafür, weil ich die VDS-Petition für zu wenig begründet und zu wenig durchdacht halte, und weil der Status quo nicht nur besser als eine schlecht durchdachte Grundgesetzänderung ist, sondern sogar ziemlich gut. Und um den Erhalt des Status quo geht es ja überhaupt “nur”.

Nehmen wir an, die Aufnahme des Deutschen ins Grundgesetz wäre wirklich nur Symbolpolitik und hätte überhaupt gar keine Auswirkungen. Dann ist sie wirklich so egal wie überflüssig. Nehmen wir aber an, die Aufnahme des Deutschen ins Grundgesetz wäre doch nicht nur reine Symbolpolitik und jemand versuchte, den Sprachgebrauch zu beeinflussen — es stellt sich wieder die Frage, die ich schon einmal gestellt habe: Was ist überhaupt “Deutsch”? Wer legt das fest? Wie sich in den Petitions-Diskussionen zeigt, gibt es eben doch Leute, die meinen (oder hoffen), die Aufnahme des Deutschen ins Grundgesetz sei der erste Schritt zum Verbot von Anglizismen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass eine Aufnahme des Deutschen ins Grundgesetz von so manchem als Aufhänger verstanden wird, die Diskussion um eine Deutsch-Quote im Rundfunk wieder aufzukochen. Es ist nicht unbedingt sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen, dass Rufe nach Quoten und Verboten tatsächlich erfolgreich sein werden, weil diejenigen, die darüber entscheiden müssen, zwar im Grundgesetz lesen: “Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch”, aber gar nicht wissen, wie sie damit umzugehen haben.

Ich bin der deutschen Sprache so weit mächtig, dass ich am öffentlichen und kulturellen Leben teilhaben kann und dass ich Verwaltungskram (nach bestem Wissen und Gewissen) erledigen kann. So weit, so gut. Ich möchte aber nicht, dass mir irgendjemand mit Hinweis auf eine undurchdachte Grundgesetzänderung vorschreiben kann, was ich sagen darf. Wenn ich englisch reden will, rede ich englisch, wenn ich spanisch reden will, rede ich spanisch und wenn ich deutsch reden will, rede ich deutsch und wenn ich den Mund halten will, halte ich den Mund. Und wenn ich mal einen Nietenhosenladen aufmache und an dessen Schaufenster die Aufschrift “Sale” anbringen will, möchte ich, dass ich das tun kann. Alle, die nicht verstehen, was damit gemeint ist, brauchen ja nicht hereinzukommen — mein Pech. Ich möchte auch nicht, dass irgendjemand vorschreibt, wie viele deutsche Musiktitel der Radiosender meiner Wahl zu spielen hat. Ich höre sogar ziemlich viel deutsche Musik, aber ich bin bei vielen englischen Liedern auch sehr froh darüber, einfach die Musik genießen zu können und die Texte nicht verstehen zu brauchen. Es gibt neben vieler schlechter englischer Musik und vieler guter deutscher Musik auch viele schlechte deutsche Musik und viele gute englische Musik.

Ich habe Germanistische Linguistik studiert und arbeite jetzt in diesem Fach an der Uni, weil mich die deutsche Sprache fasziniert: ihr Aufbau, ihre Verwendung und auch ihr Wandel. Diese Faszination hält an. Die VDS-Petition kann im Winde verpuffen oder ein Teil der Geschichte des Sprachwandels werden, der dann in hundert Jahren von anderen Sprachwissenschaftlern untersucht wird. Wenn sie ein Teil der Geschichte des Sprachwandels wird, kann das ohne einschneidende Auswirkungen auf uns ablaufen, oder es kommt tatsächlich dazu, dass es zu Eingriffen in den Sprachgebrauch kommt. So gering die Gefahr, das es so weit kommt, ist (und vielleicht ist sie nicht so gering, wie Susanne Flach in einem lesenswerten Post auf */ˈdɪːkæf/ schreibt, siehe insbesondere Argument 3) — die Tatsache, dass diese Gefahr überhaupt besteht, ist ein Grund für mich, meinen beruflichen Deskriptivismus beiseite zu legen, mein demokratisches Recht in Anspruch zu nehmen und mich gegen solche Eingriffe schon im Kern zur Wehr zu setzen.

Deswegen und als Gegenstimme zur undurchdachten und unerläuterten VDS-Petition — nicht, weil mich eine Grundgesetzaufnahme der deutschen Sprache in einer geeigneten Formulierung und nach einer gründlichen Diskussion mit Abwägung aller eventuellen Konsequenzen generell stören würde, aber: so nicht! — habe ich die Petition “Keine Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz” nun mitgezeichnet. Da es sich hier ja nicht um eine Abstimmung handelt, die entscheidet, ob eine Änderung wirklich durchgeführt wird, ist es sozusagen ein symbolischer Klick gegen Symbolpolitik: Der Status quo soll bleiben, solange eine Änderung nicht wirklich gut durchdacht wurde.

Der Link zur Petition: http://goo.gl/guB7e

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