Auf Spektrum.de gibt es den Beitrag Wie die Sprache das Denken formt aus der April-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft schon jetzt. Der Text ist von Lera Boroditsky, die bereits in den vergangenen Jahren mit ihren Arbeiten zu dieser Frage von sich hören machte. Der Inhalt kommt mir ganz glaubhaft vor; ich bin allerdings kein Spezialist in diesem umstrittenen Thema, das unter das Schlagwort Sapir-Whorf-Hypothese gefasst werden kann. Die selten unkritischen Kommentatoren vom Language Log halten Boroditskys Arbeit generell für einigermaßen ordentlich, also tut man wahrscheinlich nicht zu viel falsch, wenn man den Artikel liest und sich auch das eine oder andere Beispiel merkt.

Wer ein Beispiel dafür sehen will, wie die Zusammenhangsannahme zwischen Sprache, Denken und schließlich auch Handeln ins Extreme getrieben werden kann, sollte sich den Beitrag auf FAZ.net Warum die Griechen mit Deutsch weniger Schulden hätten ansehen. Dort wird eine Studie (PDF) zitiert und auf deren Grundlage behauptet, dass es am sprachlichen (grammatischen) Umgang mit der Zeit liegen könnte, dass einige Länder momentan stärker von der Krise gebeutelt sind als andere. In denjenigen Ländern nämlich, in denen sprachlich eine klare Trennung zwischen “heute” und “morgen” bzw. zwischen Gegenwart und Zukunft gemacht wird (wie etwa im Englischen, Französischen, Portugiesischen, Italienischen, Irischen, Griechischen und Spanischen), sei der kurzfristige Profit wichtiger als die langfristige Planung. In Sprachen mit schwacher Gegenwart-Zukunft-Trennung (darunter das Deutsche) habe man stärker die Zukunft im Blick und sei daher vorausschauender.

Im übrigen gebe es, ausgehend von der Sprache als unabhängiger Variable, auch Unterschiede im Gesundheitsbewusstsein: Die eher im “Heute” Lebenden rauchten mehr, trieben weniger Sport und wären fettleibiger. Tja, Sprache 1, mediterrane Küche 0.

Was mich ja interessieren würde: Ist das auch für die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte tragbar? Ist Island nur ein Ausrutscher oder vom Englischen (?) unterwandert? — Isländisch hat keine starke grammatische Gegenwart-Zukunft-Trennung, ist aber von der Krise extrem betroffen. Ich bin schon etwas skeptisch, was den Kausalzusammenhang angeht. Trotzdem sind das aber interessante Zusammenhänge, und wenn nicht die Sprache die Ursache dafür ist, was dann? Oder ist sie’s am Ende doch?

Wenn ja, wäre das eben schon ein extremer Punkt für die Sapir-Whorf-Hypothese. Und man müsste, da laut den Daten der Studie in 87 von 122 Sprachen (rd. 71%, darunter Englisch, alle romanischen und slawischen Sprachen, die indischen Sprachen und das Arabische) eine starke Gegenwart-Zukunft-Trennung vorgenommen wird, langfristig schwarz sehen für das Wohlergehen der Erde. Oder hoffen, dass das Chinesische doch zur vorherrschenden Sprache der internationalen Wirtschaft wird, denn die Chinesischen Sprachen (Mandarin, Kantonesisch, Hakka) gehören zu den “vorausschauenden” Sprachen.

(Weitere Artikel dazu: The Globe and Mail, The Guardian)

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