Den Anlass zu Folgendem gab diese Artikelüberschrift: Weiterer Schritt richtung Gymnasium getan (all-in.de). Auffällig: die Kleinschreibung von richtung. Die Frage: Ist hier ein Sprachwandelprozess im Gang, infolge dessen R/richtung als Präposition verwendet werden kann? Das Resultat wäre dann ein neuer Wörterbucheintrag, der etwa so aussehen könnte:

rich·tung (Präp. mit unflektiertem Subst.): in die Richtung von etwas (Ort, Ziel), auf etwas zu: er fuhr richtung Koblenz; sie schritt richtung Ausgang; ein Erfolg wäre ein wichtiger erster Schritt richtung Mittelfeld; ein weiterer Schritt richtung Gymnasium.

Aber: Ist das nur so ein Gefühl (und das wäre unter empirisch arbeitenden Sprachwissenschaftlern und Lexikographen kein Argument) oder lässt sich diese Entwicklung auch an Daten festmachen?

COSMAS‘ Corpus „W-öffentlich“ listet am 27. April 2010 folgende Treffer auf:

360613 Fundstellen für „richtung“ ohne Beachtung der Groß- und Kleinschreibung.
217 Fundstellen für „richtung“ in Kleinschreibung.

Teil dieser 217 Fundstellen sind aber auch Vorkommen von richtung innerhalb von (Buch-)Titeln, fehlerhafte oder nicht rückgängig gemachte Trennungen, Ergänzungsstriche (etwa: „Windstärke und -richtung“), Fälle genereller Kleinschreibung aller Substantive und einige ganz unklare Fälle. All diese werden aussortiert — übrig bleiben

68 Fundstellen, in denen richtung klein geschrieben wird — teilweise in einer quasi-präpositionalen Verwendung wie oben erwähnt (an diese Fundstellen habe ich mich auch bei der Formulierung des „Wörterbuchartikels“ oben angelehnt), teilweise aber auch nach Artikeln, also als Substantiv. Nun kann es sich bei all diesen 68 Fundstellen auch um schlichte Flüchtigkeitsfehler oder Vertipper handeln. Wie also überprüfen, ob richtung hier tatsächlich absichtlich klein, wie eine Präposition, geschrieben wurde?

Vier Vergleichssubstantive können vielleicht Licht in die Angelegenheit bringen: Wenn deren Anteil klein geschriebener Fundstellen vergleichbar mit dem entsprechenden Anteil bei richtung ist, handelt es sich wohl um Schreibfehler, die bei allen Wörtern vorkommen. Falls deren Anteil klein geschriebener Fundstellen aber signifikant kleiner ist als bei richtung, kann das auf eine zielgerichtete Verwendung von richtung als Präposition hinweisen. Die Wörter Leistung, Stimmung, Beispiel und Gegend wurden intuitiv gewählt (Kriterien waren bei den ersten drei gleiche Buchstaben- und Silbenzahl und annähernd vergleichbare Vorkommenshäufigkeit im Corpus, das letzte, Gegend, wurde als Kontrastwort hinzugezogen). Ihre Werte lauten:

240703 Fundstellen für „leistung“ ohne Beachtung der GKS.
115 Fundstellen für „leistung“ in Kleinschreibung.
26 Fundstellen nach manueller Korrektur.

201153 Fundstellen für „stimmung“ ohne Beachtung der GKS.
89 Fundstellen für „stimmung“ in Kleinschreibung.
6 Fundstellen nach manueller Korrektur.

497570 Fundstellen für „beispiel“ ohne Beachtung der GKS.
169 Fundstellen für „beispiel“ in Kleinschreibung.
92 Fundstellen nach manueller Korrektur.

40764 Fundstellen für „gegend“ ohne Beachtung der GKS.
38 Fundstellen  für „gegend“ in Kleinschreibung.
14 Fundstellen nach manueller Korrektur.

Die Ergebnisse des Vergleichs mit richtung sehen aus wie folgt:

Signifikanz-Werte für „richtung“ und „leistung“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 5.49 
Log-Likelihood: LL = 6.28  
→ signifikant mehr „richtung“ als erwartet, wenn auch keine beeindruckenden Werte (p ≤ 0.05).

Signifikanz-Werte für „richtung“ und „stimmung“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 23.51
Log-Likelihood: LL = 30.97  
→ signifikant mehr „richtung“ als erwartet, deutliche Werte (p ≤ 0.001).

Signifikanz-Werte für „richtung“ und „beispiel“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 0
Log-Likelihood: LL = 0.02  
→ kein signifikanter Unterschied.

Signifikanz-Werte für „richtung“ und „gegend“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 3.58
Log-Likelihood: LL = 3.65
→ weniger „richtung“, mehr „gegend“ als erwartet, aber die Werte kratzen nur von unten an der Signifikanzgrenze.

Unterschiede sind also vorhanden, aber nicht über alle Vergleichssubstantive hinweg und auch nicht so deutlich wie im Fall richtung/stimmung.

Aber auch die Vergleichssubstantive untereinander zeigen keine homogene Verteilung der klein geschriebenen Formen:

Signifikanz-Werte für „stimmung“ und „leistung“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 8.2 
Log-Likelihood: LL = 10.14  
→ mehr „leistung“ als erwartet.

Signifikanz-Werte für „leistung“ und „gegend“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 11.99
Log-Likelihood: LL = 10.44  
→ mehr „gegend“ als erwartet.

Signifikanz-Werte für „stimmung“ und „gegend“:
Chi-Quadrat (mit Yates-Korrektur): χ² = 36.62 (ABER: erw. Häufigkeit in mind. einer Zelle < 5)
Log-Likelihood: LL = 27.65  
→ mehr „gegend“ als erwartet.

Den Vergleich von beispiel mit allen anderen liste ich nicht auf, da die Werte sich nicht allzu sehr vom Vergleich mit richtung unterscheiden.

Fazit: richtung wird teilweise, aber nicht durchgehend signifikant häufiger klein geschrieben als die Vergleichssubstantive. Das könnte auf einen Wandel (bzw. eine neue, zusätzliche Verwendungsweise) hin zur Verwendung als Präposition deuten. Allerdings zeigen auch die Vergleichssubstantive keine vergleichbare Verteilung von kleingeschriebener Varianten, so dass strenggenommen auch bei diesen nicht davon auszugehen ist, dass die Kleinschreibung auf Zufall beruht. Andere, noch unbekannte Faktoren sind evtl. einzubeziehen. Auf dieser Grundlage scheint es mir voreilig, jetzt schon einen Sprachwandelprozess zu konstatieren. Weitere Untersuchungen sollten folgen, schon allein, weil ich das Thema weiterhin spannend finde. Und deshalb erscheint dieser Eintrag auch hier, obwohl er gar kein so überdeutlich positives Ergebnis präsentiert.