Die Schweizerische Bundeskanzlei hat, offenbar schon seit ein paar Monaten, ein Anglizismen-Glossar ins Internet gestellt, um öffentlichen Verwaltungen ein Instrument an die Hand zu geben, Dokumente möglichst verständlich — auf Deutsch (oder Französisch oder Italienisch) — zu verfassen. Ich habe davon durch 20 Minuten und den Tagesanzeiger erfahren (etwas Kontext auch hier). Nun habe ich gar nichts dagegen, dass jemand sich deutsche Ausdrücke für englische Bezeichnungen ausdenkt; wenn sie gut sind, können sie sich durchsetzen. Wenn sie nicht gut sind, werden sie sich auch nicht durchsetzen. Bei den Einträgen des genannten Indexes gibt es natürlich auch ein paar Fragezeichen, insbesondere für das Deutsche (die genannten Meldungen listen ja schon ein paar Beispiele auf), und insbesondere an den Stellen, an denen der Verdeutscher noch nicht kapituliert hat. Zahlreiche Einträge weisen nämlich gar keinen deutschen Vorschlag auf:

compact disk read-only memory: (nur frz.) cédérom
multimedia: (nur frz.) multimédia
video: (nur frz.) vidéo
wow: (nur frz.) pleurage (laut Leo: ‚Tonhöhenschwankung‘) —  ich kenne den englischen Ausdruck nur als Interjektion, Leo kennt noch „wow and flutter“ mit der Bedeutung ‚Tonhöhenschwankung‘.

Vielleicht ist es ja wirklich notwendig, bei den obigen Beispielen auf die korrekten Akzente hinzuweisen. Aber ob so viele Leute wirklich compact disk read-only memory schreiben, nicht einfach CD-ROM? Dasselbe gilt für:

e-mail address: E-mail-Adresse — wer schreibt denn in Deutschland e-mail address? (Über die Kleinschreibung von „mail“ im Dt. könnte man auch noch sprechen.)

Zahlreiche Vorschläge fürs Deutsche sind hauptsächlich auf graphematischer Ebene „verdeutscht“, siehe etwa:

browser: Browser, Webbrowser, Web-Browser
eLearning: E-Learning (frz.: apprentissage en ligne, e-learning; ital.: apprendimento on-line, e-learning)
Internet network: Internet (frz.: internet)
laptop: Laptop, Notebook [!]
workflow: Workflow
World-Wide Web: World Wide Web, Web (frz.: web, toile d’araignée mondiale, toile mondiale, toile; ital.: World Wide Web, web)

Andere sind praktisch wohl kaum umsetzbar, etwa edutainment („spielerisch unterhaltsame Wissensvermittlung, Spass beim Lernen“) oder tenure track (ital. „contratto per ricercatori che precede l’eventuale immissione in ruolo“, fürs Deutsche ist dann nur „Tenure-Track“ eingefallen).

Für byte wird „Byte, Oktett“ vorgeschlagen, obwohl der entsprechende Wikipedia-Artikel (siehe Link) sagt: „[…] wird es [Oktett; MM] oftmals synonym mit Byte verwendet, was aber nicht ganz korrekt ist […]“. Google findet trotzdem Belege für Gigaoktett u.Ä., aber Google findet ja alles.

Was der Otto-Motor (nur frz.: moteur à allumage par étincelles, moteur à étincelles) in der Liste zu suchen hat, ist mir etwas unklar.

Wie nicht anders zu erwarten war, zeigt also auch diese Liste Unklarheiten. Ich hätte sie gerne mit dem Anglizismenindex des VDS verglichen, aber der ist momentan online nicht erreichbar. Mal sehen, wann der Verein auf meine Nachfrage reagiert, dann kann das evtl. nachgeholt werden. Derzeit kann ich nur so viel sagen: Der Schweizer Index hat rd. 2730 Einträge, der VDS-Index angeblich ca. 6500. Wie groß die Überschneidungen sind und ob auch der VDS Ausdrücke wie dense wavelength division multiplexing, heteroepitaxy, mesomerism, vertical take-off and landing aircraft oder World Future Energy Summit verdeutschen will, bleibt leider noch unbekannt.

Der Punkt „Verdeutschdemokratischung“ soll aber nicht unter den Tisch fallen. Der Artikel aus der 20 Minuten (s.o.) schließt mit einem Kommentar zur staatlichen Sprachregelung, in dem ein paar „Beispiele“ aus der DDR genannt werden: Schlauchapfel für Banane, Jahresendfigur für Engel, Lichtbildner für Fotograf. Komisch nur, dass mein DDR-Duden (17., neubearb. Auflage, Leipzig 1976) weder den Schlauchapfel noch die Jahresendfigur kennt, dafür aber die Banane und den Engel (mit zahlreichen Ableitungen). Dasselbe gilt für das DWDS, das auf den Daten des in der DDR erarbeiteten WdG basiert. Ob es die Jahresendfigur in der DDR wirklich gab, und wenn ja, ob dort selbst schon als Satire, ist mehr als unklar. Für den Schlauchapfel finde ich immerhin einen Beleg ungeklärter Qualität — für das Österreichische. Immerhin, der Lichtbildner ist in der genannten Ausgabe des DDR-Duden tatsächlich mit der Bedeutung ‚Fotograf‘ (schon in Zwei-F-Schreibung) verzeichnet, auch im DWDS; in der 5., durchges. Aufl. der 18. Neubearbeitung des Leipziger Dudens (1989) aber schon nicht mehr, dort steht nur noch Lichtbild (mit der Markierung: veraltet), das wir ja auch im Lichtbildausweis kennen. Vielleicht sollte der eine oder andere Redakteur — insbesondere, wenn er über Sprache schreibt — doch einmal einen Blick auf die Beleglage werfen, bevor solche halbwahren und halbgaren „Scherze“ herauskommen. Der staatliche Eingriff in etwas so Individuelles und Privates wie die Sprache wird sonst leicht verharmlost.

Nachtrag, 29.06.:

In einem weiteren Artikel wird der Schlauchapfel jetzt den Nationalsozialisten zugeteilt. Kommunisten, Nationalsozialisten … wen kümmern schon die Details. Immerhin habe ich irgendwo einen Hinweis auf Eduard Engels Verdeutschungsbuch gelesen, dem ich jetzt erst einmal nachgehen werde. Der war zwar übrigens durchaus national, aber auch jüdischer Herkunft und erhielt daher unter den Nazis Publikationsverbot. Wie auch die Nazis offiziell keine große Energie in die Verdeutschung solcher Alltagswörter verwendeten. Die meisten Germanisten werden das Zitat kennen (vgl. z.B. Astrid Stedje, Deutsche Sprache gestern und heute):

Der Führer wünscht nicht derartige gewaltsame Eindeutschungen und billigt nicht die künstliche Ersetzung längst ins Deutsche eingebürgerter Fremdworte durch nicht aus dem Geist der deutschen Sprache und den Sinn der Fremdworte meist nur unvollkommen wiedergebende Wörter.

Und so steht denn auch die Banane in allen Duden-Auflagen, die zur Zeit des Nationalsozialismus erschienen sind, der Schlauchapfel aber in keiner. Womit ich natürlich nicht die Nazis verteidigen will, sondern lediglich meinen Vorwurf gestärkt sehe, dass von den Redakteuren schlampig gearbeitet wurde. Immerhin, bis zur zehnten Duden-Auflage (1929) wurde die Banane noch als Paradiesfeige beschrieben (wie übrigens auch noch im wissen.de-Lexikon), aber davon war erstens in den oben genannten Zeitungsartikeln nie die Rede und zweitens verschwand auch diese Bezeichnung in der elften Auflage (1934).

Abgesehen davon steht der Schlauchapfel noch im Nervsprech-Lexikon der Spaß-Metaphern des Spiegel, und da gehört er meiner Meinung nach auch hin.

Nachtrag 30.06.:

Um diesen nun schon etwas länglichen Eintrag (hoffentlich) (vorerst) abzuschließen: Das Wort Schlauchapfel findet sich auch nicht in Eduard Engels Verdeutschungsbuch (5. Aufl., Leipzig 1928). Über dieses Buch und den nachlässigen Umgang damit von Seiten der Redakteure heutzutage ließe sich auch ein eigener Eintrag schreiben, aber das mache ich nicht heute.

Und noch eine weitere kleine Nachreichung: Der Anglizismenindex des VDS ist auch wieder erreichbar. Ein erster Vergleich mit dem Schweizer Glossar brachte rd. 630 gemeinsame Einträge zutage (zur Erinnerung: das Schweizer Glossar hat rund 2730 Einträge, der VDS-Index nicht 6500, wie ich oben schrieb, sondern rund 7200 Einträge). Eine genauere Untersuchung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede wäre natürlich interessant, aber auch hierfür fehlt mir heute die Zeit — vielleicht komme ich später noch einmal darauf zu sprechen. (Ach ja: die oben genannten dense wavelength division multiplexing, heteroepitaxy, mesomerism, vertical take-off and landing aircraft oder World Future Energy Summit sind nicht unter den Gemeinsamen.)

Damit sei dieser Eintrag aber nun beendet.

PS: Aus irgendwelchen Gründen wurde wohl auch dieser letzte Nachtrag nicht korrekt veröffentlicht, jetzt aber hoffentlich schon.