Liebe Leserin, lieber Leser, mal ehrlich: Saßen Sie schon einmal vor einem (Internet-)Wörterbuch und haben dort nach Wörtern gesucht, die Körperteile oder Handlungen benennen, die beim Geschlechtsakt zentrale Rollen spielen? Wörter, die durchaus unterschiedlichen Stilebenen angehören können, von Fellatio und Penis über ficken und pimpern bis Fotze und … Vorschläge mit p werden noch angenommen. Wenn ja — Sie sind nicht alleine.

Die diesjährige Jahrestagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik ist ja schon wieder seit ein paar Tagen vorbei und die Vorträge der Sektion Lexikographie waren wirklich interessant. Thema war heuer die Wörterbuchbenutzung und in der Vorbereitung meines Vortrags habe ich einige Texte wieder oder neu gelesen, über die ich auf das Titelthema dieses Blogeintrags gekommen bin. Texte wie Docherty 2000, in dem man liest:

In the late 1980s Langenscheidt had a medium-sized bilingual English-German dictionary „smuggled“ onto the Internet by a student who had been given the dictionary data for research purposes. When Langenscheidt finally found out about it […], an analysis of the data provided showed that — surprise, surprise — the F-word was by far the most popular word looked up, especially by the academic community, which in those days had almost exclusive access to the Net. It was clear that — at least at that point — the resource was not considered a serious linguistic tool, but in many cases used for pleasure or to while away the time. Had access to the dictionary been liable to a fee, this sort of pubertile use would almost certainly not have occured. (Docherty 2000: 73)

Aber nicht dass Sie jetzt glauben, diese „pubertäre“ Art der Wörterbuchbenutzung läge vielleicht an irgendeiner speziell deutschen Eigenart in Sachen Sexualität. In Afrika (wo man ja, wie manche Leute zu wissen glauben, besonders gern schnackselt), genauer gesagt bei einem Wörterbuch mit Englisch und Sesotho sa Leboa, einer Bantu-Sprache, sieht es nach de Schryver/Joffe 2004 so aus:

In the top 100 searches […] no less than 17 either have to do with the sexual sphere or are extremely offensive: marêtê ‘testicles’, masepa ‘(off.) shit’, mogwêtê ‘(off.) anus’, mpopo ‘(off.) private part (vagina; penis)’, nnyô ‘vagina’, nnywana ‘(off.) cunt’, ntoto ‘penis’, nyôba ‘(vulgar) fuck’, sefêbê ‘prostitute; (off.) bitch’, thôbalanô ‘sex’, etc. This latter phenomenon might very well be the case for all (Internet) dictionaries. The following note was for example added to the yearly top 50 of the Cambridge Dictionaries Online (http://dictionary.cambridge.org/): ‘The list had to be edited slightly for prurient content’. One may therefore conclude that genuine frequent words are looked up on the one hand, and then those words that only mother-tongue speakers know but, as they are taboo, never pronounce in public. (de Schryver/Joffe 2004: 190)

Für ein dänisches Wörterbuch schreiben Bergenholtz/Johnsen 2005:

As was the case in the log files described by de Schryver/Joffe (2004), the number of searches for sexually related expressions on the top 100 list is quite high, e.g. pik (cock) is number 25, fisse (cunt) is number 29. (Bergenholtz/Johnsen 2005: 126)

Diese Verwendungsweise wird von ihnen als „lexicotainment“ bezeichnet (S. 122); interessant ist auch der Kommentar: „Such words are mainly looked for in the evening and during the night.“ (S. 126)

Auch in den Wikipedia-Statistiken (z.B. auf http://stats.grok.se oder http://wikistics.falsikon.de) lässt sich das Phänomen belegen; in den Top 100 finden sich etwa die Einträge Sex, Vagina, Penis, Masturbation und List of sex positions.

Dienen diese Online-Quellen damit zur Volksaufklärung, wie sich der jüngst verstorbene Oswalt Kolle das sicherlich hätte gefallen lassen, oder handelt es sich doch eher um Unterhaltung, um pubertär-verklemmte Neugier oder um das berechtigte Interesse zu überprüfen, ob auch Ausdrücke aus der „Schmuddelecke“ gemäß hohen linguistisch-lexikographischen Standards bearbeitet wurden? Nichts Genaues weiß ich nicht, wahrscheinlich spielen alle Aspekte, mal mehr, mal weniger, eine Rolle. Wem im übrigen diese paar Einträge in Wörterbüchern noch zu wenig sind, kann ich sehr das Wörterbuch Sex im Volksmund von Ernst Bornemann ans Herz legen. Nicht so sehr zur Aufklärung, sondern aufgrund der bildhaften, metaphernreichen und teils auch derben Ausdrücke, die darin für alles mögliche gesammelt wurden, was zwischen den Geschlechtern, innerhalb der Geschlechter, zwischen Menschen, zwischen Menschen und anderen Liebesobjekten etc. so geschehen kann. Dieses Wörterbuch ist ein Dokument der sprachlichen Kreativität in Gesellschaftsschichten, denen man diese vielleicht nicht zuallererst zugetraut hätte.

So. Inzwischen ist es spät geworden; die Zeit, in der nach Bergenholtz/Johnsen die meisten Suchen nach Geschlechtlichem durchgeführt werden. Ich habe deren Zahl soeben auch noch einmal in die Höhe getrieben, mit folgendem Ergebnis: Zu schnackseln findet sich über die Duden-Suche ein Wörterbuchartikel im Duden-Universalwörterbuch, außerdem gibt es einen Eintrag im Wiktionary, und bei Wikipedia wenigstens noch eine Weiterleitung. Bei Pons, Wahrig und Bertelsmann sowie Woxikon dagegen nichts.

Aber ich überlasse es gerne Ihnen, herauszufinden, welche anderen Wörter, die Sie Ihrem Chef gegenüber nicht laut aussprechen würden, noch in Wörterbüchern zu finden sind — oder auch nicht. Mein Vortrag auf der GAL-Tagung hatte im übrigen ein ganz anderes Thema — aber auf diese Weise ist aus der Beschäftigung mit der Lektüre dann immerhin noch dieser Blog-Eintrag entstanden.

Quellen:

  • Bergenholtz/Johnsen 2005 = Bergenholtz, H./Johnsen, M.: Log Files as a Tool for Improving Internet Dictionaries. In: Hermes. Journal of Linguistics 34.2005: 117–141.
  • Docherty 2000 = Docherty, V.J.: Dictionaries on the Internet: an Overview. In: Heid, U. et al. (eds.): Proceedings of the Ninth EURALEX International Congress, EURALEX 2000. Stuttgart, Germany, August 8th–12th, 2000. Vol. I. Stuttgart 2000: 67–74.
  • de Schryver/Joffe 2004 = de Schryver, G.-M./Joffe, D.: On How Electronic Dictionaries are Really Used. In: Williams, G./Vessier, S. (eds.): Proceedings of the Eleventh EURALEX International Congress, EURALEX 2004. Lorient, France, July 6–10, 2004. Lorient 2004: 187–196. Auch im Internet: <http://tshwanedje.com/publications/euralex2004-LOGS.pdf>, zuletzt aufger. am 03.10.2010.