Ein Nachtrag zum Post schlaü technik, in dem ich dem Wörterbuchnetz eine Abweichung vom Original untergeschoben habe. Schande über mich, aber das stimmt wahrscheinlich in dem genannten Fall nicht (dafür wohl in einem anderen). Trotzdem ist die Angelegenheit etwas undurchsichtig — zu meiner Ehrenrettung kann ich aber anführen, dass ich zumindest noch einmal nachgesehen habe.

Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass auch in der elektronischen Adelung-Ausgabe der Digitalen Bibliothek (Band 40) der Eintrag „Weißagen“ mit ß im Artikelindex steht. Diese Ausgabe ist (im Gegensatz zum Wörterbuchnetz, wo ich nicht einmal einen Hinweis auf die verwendete Auflage gefunden habe) verlinkt mit Scans des Druck-Originals und ausgezeichnet als „Elektronische Volltext- und Faksimile-Edition nach der Ausgabe letzter Hand Leipzig 1793–1801“; es ist also die zweite Ausgabe des Adelung’schen Wörterbuchs. Es ist damit dieselbe Auflage, die auch von zeno.org online gezeigt wird. Hier der fragliche Artikel im Bild:

Ich halte fest: Da steht tatsächlich ein „Weißagen“, kein „Weissagen“ als Lemma. Inhaltlich ist dieser Titel identisch mit dem, der im Wörterbuchnetz (in Textformat) gezeigt wird — mit einer Ausnahme: Im vorletzten Satz steht dort: „Daher ist die gewöhnliche Schreibart weißagen für weissagen, oder besser desselben weissagen die unrichtigere.“ (Hervorhebung von mir.) Dieses „desselben“ findet sich auch in der Textversion der Digitalen Bibliothek und in der Textversion auf zeno.org. Nach anfänglicher Verwunderung gehe ich davon aus, dass damit auf die nur im Antiqua-Text identischen, in der Fraktur aber unterschiedlichen Wortformen, einmal mit zwei langen s, einmal mit rundem und langem s, hingewiesen wird. Das Wörterbuchnetz scheint also die zweite Auflage zu verwenden, die Uni Bielefeld, auf die ich zum Beweis des Fehlers verlinkt hatte, verlinkt eine spätere Auflage, nämlich die von 1808. Hier das Bild:

Hier steht ganz offensichtlich kein ß, sondern rundes und langes s (ein weiterer kleiner Unterschied ist der zwischen „Sclavon.“ und „Slavon.“ in der Anmerkung). Dieser Text ist auch identisch mit der Ausgabe von 1811 (bei digitale-sammlungen.de), die ebenfalls rundes und langes s hat (dass dort „theils in den höhern Schreibart“ statt „theils in der höhern Schreibart“ steht, ist wohl ein Missverständnis, das aber immerhin zeigt, dass irgendjemand diese beiden Auflagen unabhängig voneinander bearbeitet und transkribiert hat). Mit der Änderung der Schreibung wird auch umgesetzt, was bereits im Artikel von 1801 gesagt wird, dass nämlich die Schreibung mit zwei s die bessere, die Schreibung mit ß aber die unrichtigere sei. 

Ist der Fall damit klar? Man könnte es meinen — aber mit einem Blick in die erste Auflage von 1786, zu finden über Google-Books, werden wir eines Besseren belehrt:

Auch hier stehen, wie in den späten Ausgaben, zwei s (allerdings zwei lange s, kein rundes s) im Lemma; wiederum der Anmerkung entsprechend: „Daher ist die Schreibart weißagen für weissagen die unrichtigere.“

So gesehen ist es doch bemerkenswert, dass die „unrichtigere“ Schreibung „weißagen“, die in der ersten Auflage nicht zur Angabe des Lemmas genutzt wird, in der zweiten Auflage zum Lemma wird. Adelung orientiert sich wohl, überaus benutzerfreundlich, an der herrschenden Gewohnheit, denn er bezeichnet „weißagen“ ja als die „gewöhnliche Schreibart“. Unter dieser würde ein Wörterbuchbenutzer wohl auch nachschlagen. Dass diese „gewöhnliche“ Schreibung nicht so schön ist, erfährt er dann erst im Text.

Die spätere erneute Änderung zur Rund-s-lang-s-Schreibung (von der 1786 noch gar keine Rede war) kann man damit aber nicht mehr erklären, denn die gewöhnliche Schreibung bleibt die mit ß. Es darf spekuliert werden — oder geweissagt.

Was bleibt? Offensichtlich war man um 1800 nicht zu faul, ein vierbändiges Wörterbuch mehrmals zu überarbeiten — und wenn auch nur die s-Schreibung geändert wurde. Offensichtlich hat die deutsche Sprache die dreimalige Änderung der s-Schreibung innerhalb von 20 Jahren gut verkraftet, so dass wir uns trotz der Rechtschreibreform keine allzu großen Sorgen ums Deutsche zu machen brauchen. Offensichtlich war ich etwas voreilig mit der Behauptung, „weissagen“ schreibe man nicht mit ß. Offensichtlich steht aber im Wörterbuchnetz manchmal (mindestens einmal) „desselben“, wenn es im Original höchstwahrscheinlich gar nicht vorkommt (was man nicht überprüfen kann, weil jede Verlinkung fehlt und auch in den Benutzerhinweisen nicht darauf hingewiesen wird). Offensichtlich ist es möglich, unterschiedlichste Auflagen dieses über 200 Jahre alten Wörterbuchs im Internet zu finden, auf die man auch noch kostenlos zugreifen kann — das finde ich schon sehr erfreulich. Und wenn’s am erfreulichsten ist, soll man aufhören, daher verabschiede ich mich jetzt für dieses Mal.