Nachtrag zum Post „unkommentiert“ vom 14.10. — jetzt doch kommentiert …

Ist ja schon etwas wenig, so einen Hinweis auf einen linguistisch fragwürdigen Artikel zu geben und die Arbeit dann andere Leute machen zu lassen. Geradezu unhöflich, weshalb ich einen kleinen Kommentar hier nachtrage — und damit auch schon beim Thema bin:

Der Verfasser des fraglichen Artikel/Kommentars beschwert sich über die seines Erachtens grammatisch (wahlweise auch grammatikalisch) falsche Verwendung der Formulierung „Ich würde sagen, …“. Das Adjektiv „falsch“ kommt in dem gar nicht so langen Artikel neunmal vor. Nur zweimal klingt durch, was der Verfasser wohl wirklich meint, nämlich wenn er sagt, dass dieses „ich würde“ „grammatisch falsch, lästig und damit überflüssig“ und eine „Floskel“ sei. Eine lästige Floskel also. Nun ist „ungrammatisch“ bzw. „falsch“ etwas anderes als „lästig“. Ob etwas ungrammatisch ist, lässt sich, zwar auch nicht mit letztendlicher Gültgkeit, aber doch gewisser Zuverlässigkeit, durch den Blick in kodifizierte Normen und Regeln feststellen. Ob etwas lästig ist, entscheidet jede(r) für sich. Für den hier angesprochenen Fall des „ich würde“ lässt sich mit einem schnellen Blick in die Duden-Grammatik (7. Aufl., §§758f) feststellen:

Der Konjunktiv II wird häufig in den Dienst der Höflichkeit genommen […].

Der Indikativ würde in diesen Fällen härter und schroffer wirken. — Formelhaft sind schon Sätze wie

Ich würde sagen/meinen, dass … […]

Dies wird als der „‚höfliche‘ Konjunktiv II“ bezeichnet, mit dem Hinweis: „Ernst gemeint sein muss die Abmilderung der Bitten, Aufforderungen oder Feststellungen selbstverständlich nicht.“ Es findet sich jedoch in diesem Kontext nirgendwo eine Charakterisierung dieser Formulierung als ungrammatisch oder sonst irgendwie falsch. Der Verfasser des Artikels scheint sich seiner Verteufelung dieser von „Sprachsündern“ begangenen „Unsitte“ selbst nicht ganz sicher zu sein, wenn er mit dem richtigen Hintergedanken fragt: „oder ist dabei eine gewisse Diplomatie im Spiele?“ Letztendlich siegt dann aber doch die von ihm empfundene Lästigkeit über den allgemeinen Sprachgebrauch.

Über als lästig empfundene Formulierungen möge sich gerne beschweren wer will; für individuelle Meinungen wäre die Leserbriefseite aber wohl der bessere Platz. Über die im konkreten Fall genannte höflich-diplomatische, bisweilen pseudodemokratisch-hierarchieverschleiernde und eine nicht wirklich wählbare Alternative andeutende Formulierung kann man gerne streiten (für das „nicht wirklich“ würde mich der VDS jetzt schon wieder kritisieren). Aber für solch kategorische Urteile wie „grammatisch falsch“ sollten doch noch andere Meinungen hinzugezogen werden. Auch wenn es dem Artikelautor nicht gefallen mag, es ist eben tatsächlich so, dass „auch falsche Schreibweisen zu[ge]lassen [werden], wenn sie im Volke praktiziert werden“. Das ist eine einfache, aber treffende Beschreibung für Sprachwandel.

PS: Diese Ausführungen würde ich natürlich auch auf die Kommentarseite des Originalbeitrags stellen, aber dazu müsste ich mich bei der Märkischen Allgemeinen anmelden … und das ist mir gerade zu lästig.