Zwar sind all die Wort-, Unwort-, Spruch- , …-Wahlen für 2010 noch nicht abgeschlossen (es fehlen etwa noch das „Wort“ für Südtirol, das „Unwort“ für Deutschland und evtl. auch das „Börsenunwort“ — und gibt es eigentlich noch das „überflüssigste Wort“ des VDS?), aber an dieser Stelle soll doch einmal ein kleiner zusammenfassender Blick auf die Wörter dieses Jahres geworfen werden.

Die Wörter 2010: Wutbürger (D), fremdschämen (A), Ausschaffung (CH), Industriezubringer (L).

Die Unwörter 2010: humane Abschiebung (A), FIFA-Ethikkommission (CH), Lebendversuch (L).

Die Jugendwörter 2010: Niveaulimbo (D), Kabinenparty (A), hobbylos (CH).

Wie schon von anderen festgestellt — und teilweise auch von den Wortwahl-Veranstaltern angekündigt –, wurden die allerwenigsten dieser Wörter aufgrund irgendwelcher sprachlicher Besonderheiten gewählt. Der Grund für ihre Herausstellung ist, zumindest bei den Wörtern und den Unwörtern, ihre Verwendung in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang; bei den Jugendwörtern ist es wohl einfach ein Trend. Dass Wörter gewählt werden, die gesellschaftspolitische Entwicklungen oder Aspekte daraus benennen, auf die zum Jahresende noch einmal hingewiesen werden soll, ist natürlich legitim und ich will daran hier gar nichts kritisieren (selbst wenn den Wörtern dabei eine Bedeutung verpasst wird, die eher der Vorstellung der Jury als der des prägenden Journalisten entspricht, siehe Wutbürger). Eine passendere Bezeichnung für diese Veranstaltungen wäre aber vielleicht „Etikett des Jahres“.

Der tatsächlich Sprachinteressierte (als den ich mich jetzt mal bezeichnen möchte) findet an diesen Wörtern wenig wirklich Herausragendes. Die meisten davon sind zusammengesetzte Substantive (7), eines ist ein nominaler Mehrwortausdruck, eines ein Adjektiv und eines ein Verb. Der Mehrwortausdruck ist ein Substantiv mit einem Adjektivattribut, die gibt es wie Sand am Meer. Das Adjektiv ist eines von Dutzenden auf -los und die Frage, ob es sich bei -los um ein Suffix oder ein freies Adjektiv handelt, wird in der Forschung meist mit „Suffix“ beantwortet. Das Verb ist aus dem Basisverb (sich) schämen und dem adjektivischen Erstglied fremd zusammengesetzt. Es handelt sich um ein Partikelverb (nach der Duden-Grammatik), auch als „trennbares Verb“ bezeichnet. Die sind durchaus sprachwissenschaftlich spannend und hier sogar bedingt „als Wortschöpfung originell“, wie die Pressemeldung (PDF) das behauptet, denn das Paraphrasemodell „(sich) für/anstelle eines X y-en“ („sich für/anstelle eines Fremden/anderen schämen“) scheint mir bei anderen Partikelverben nicht sonderlich häufig zu sein. Andererseits ist das Wort „fremdschämen“ nicht richtig neu, im COSMAS-Corpus findet man schon einen Treffer aus dem Jahr 2005 und gefühlt kenne ich das Wort schon ewig (auch wenn das kein Kriterium ist).

Bei den Substantiven haben wir mit Niveaulimbo ein mäßig kreatives metaphorisches Kompositum: Das Niveau sinkt immer noch ein Stück weiter, genau wie die Stange beim Limbotanz. Die deverbale Ableitung Ausschaffung ist strukturell uninteressant, bringt aber insofern „sprachlichen“ Hintergrund mit, als laut Pressemeldung (PDF) dieses Wort „den ursprünglich verwendeten Ausdruck «Rückführung» komplett aus der Alltagssprache verdrängt“ hat. Wutbürger ist vergleichbar mit Besitz- oder (in der ursprünglichen Bedeutung) Spießbürger; Industriezubringer, FIFA-Ethikkommission und Kabinenparty sind ganz durchschaubare Komposita und auch beim Lebendversuch ist nur etwas (aber nicht wirklich) ungewöhnlich, dass das Erstglied ein Partizip ist. Schön wäre doch, ein Wort zu wählen, das wirklich sprachlich interessant ist.

Und siehe da, auch das ist jetzt möglich: In seinem Sprachlog veranstaltet Anatol Stefanowitsch seit einigen Tagen die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2010. Und dabei geht es nicht darum, böse englische Eindringlinge anzuprangern. Gesucht werden Wörter, die das Deutsche um Ausdrucksmöglichkeiten bereichert haben:

Nominierte Wörter sollten (ganz oder in Teilen) aus dem Englischen stammen, sie sollten neu sein, d.h. im Jahr 2010 zum ersten Mal verwendet worden oder wenigstens zum ersten Mal in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt sein. Sie sollten eine interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllen, entweder, indem sie eine vorhandene Wortbedeutung weiter ausdifferenzieren oder, indem sie ein Wort für etwas bereitstellen, was es vorher nicht gab oder was vorher nur mühsam umschrieben werden konnte.

Wer daran teilnehmen möchte, der/die trage bis zum 7. Januar einen Vorschlag (oder mehrere; mit Quellenangabe und Begründung) in den Kommentaren unterhalb des Wahlaufrufs ein.

An dieser Stelle sei dann noch erwähnt, dass ich als Bloggender im Bereich Sprache und Lexikographie evtl. Teil der Anglizismuswahljury sein werde. Das hat zwar mit dem, was in diesem Eintrag bis hierher steht, nichts zu tun, aber der Vollständigkeit halber will ich es auch nicht verschweigen.