Nachdem im Schplock (App und leaken) und bei coffee & linguistics (leaken) bereits heiße Anwärter (ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich das sage) auf den Titel Anglizismus des Jahres 2010 besprochen wurden, und zwar so ausführlich, dass es eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen gibt, will ich hier mal andersherum vorgehen und zunächst ein paar Kandidaten nennen, die vielleicht nicht ganz so sehr im Fokus stehen.

Balconing

Mit Balconing wird — für alle, die das nicht wissen, ich wusste es auch nicht — ein Zeitvertreib von Mallorca- und Ibiza-Touristen bezeichnet, die, in wohl überwiegend nicht mehr ganz nüchternem Zustand, plötzlich anfangen, in ihrem Hotel von einem Balkon auf einen anderen zu springen, oder auch vom Balkon in den Swimming-Pool, oder auch, das kann man nach einer Durchsicht der wenigen Google-News-Meldungen mit diesem Stichwort sagen, vom Balkon in den Tod. Es scheint sich dabei um ein ziemlich neues Hobby zu handeln: Vor 2010 sind keine Meldungen zu finden, in der englischen Wikipedia ist ein entsprechender Artikel erst seit September 2010 enthalten und in der deutschen Wikipedia noch gar nicht.

Auch in den Google-News-Meldungen wird das Wort häufig als fremd und/oder ungewohnt markiert: Kleinschreibung weist darauf hin, dass es noch nicht als deutsches Wort empfunden wird, Anführungszeichen und ein vorgestelltes „sogenannt“ zeigen ebenfalls, dass es sich hier nicht um ein Wort handelt, dass ohne weiteres Nachdenken verwendet wird, weil es schon so bekannt wäre:

Bei dem gefährlichen Spiel, das in Internet-Foren „balconing“ genannt wird, verunglückten in diesem Sommer auf den Balearen-Inseln bisher mehr als 30 Urlauber. (sueddeutsche.de, 13.08.2010)

Ein neuer „Trend-Sport“ sorgt besonders auf Mallorca für tödlichen Urlaubs-Spaß: Beim sogenannten „Balconing“ springen Jugendliche von Balkon zu Balkon ihres Hotels, oder von dort in den Swimmingpool. (freizeitfreunde.de, 14.08.2010)

Mehr als 50 Touristen auf Mallorca und Ibiza wurden beim sogenannten Balconing in diesem Jahr teils schwer verletzt (badische-zeitung.de, 15.09.2010)

Urlaubstrend „Balconing“: Tödlicher Jux am Ballermann (fr-online.de, 23.09.2010)

Es scheint sich im übrigen um ein Phänomen zu handeln, dass wirklich im wesentlichen auf spanische Ferienorte konzentriert ist, auch in englischen Meldungen wird das immer wieder erwähnt. In einer Meldung heißt es sogar: „The Spanish call it ‘balconing’“ (euronews.net), vielleicht ist es sogar ein spanischer Pseudoanglizismus, der dann zu uns in die Medien gekommen ist? Unklar ist damit auch, ob es vom englischen balcony oder vom spanischen balcón abgeleitet ist. Die ersten verifizierbaren Meldungen sind bei spanischen, englischen und auch deutschen Nachrichtenanbietern im August 2010 zu finden, und auch im spanischen und englischen Text wird das Wort häufig in Anführungszeichen gesetzt:

‚Balconing‘, el juego más peligroso de los turistas de las Baleares (elmundo.es , 08.09.2010)

Spanish authorities warn holidaymakers of ‚balconing‘ dangers  (guardian.co.uk, 11.09.2010)

Ein Video aus dem spanischen Fernsehen (Le balconing tue en Espagne 2) habe ich noch gefunden, dass angeblich sogar schon im Juli auf einer französischen Internetseite aufgetaucht ist.

Neu ist das Wort also, aber dass Balconing als „in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt“ bezeichnet werden kann, was ja eines der Wahlkriterien ist, muss bezweifelt werden. Die Häufigkeit, mit der das Wort in Google-News-Meldungen (27 Meldungen), aber auch in der normalen Google-Suche für das Jahr 2010 auftaucht (ca. 150 Ergebnisse), weist nicht auf eine hohe Verbreitung hin. Um das Wort in Deutschland bekannter zu machen, müsste wohl auch die zugehörige Aktivität nach Deutschland kommen. Und selbst dann wäre schon eine deutsche Bezeichnung gefunden, die meiner Meinung nach ziemlich geeignet ist, Balconing zu ersetzen: Balkonspringen (ja, ich weiß, dass Balkon auch nicht urdeutsch ist):

Touristensport Balkonspringen: Tödlicher Leichtsinn auf Mallorca
Junge Urlauber auf Mallorca und Ibiza haben ein gefährliches Spiel entdeckt. Beim „balconing“ springen sie in ihren Hotels von einem Balkon zum anderen oder aus dem Zimmer herab in den Pool. Für manche endet die Mutprobe tödlich. (stern.de, 17.08.2010)

Man kann jetzt natürlich behaupten, dass sich Balconing gegenüber Balkonspringen durch zusätzliche Merkmale wie „+ betrunken“ oder „+ auf Ibiza“ auszeichnen würde, aber nee … das lasse ich in diesem Fall nicht gelten. Punkt.

Ansonsten ist es eine Aktivitätsbezeichnung auf -ing, von denen es ja schon einige im Deutschen gibt: Jogging, Walking, Seilspringen aka Rope skipping u.a.m. Wenn ich mich nicht irre (ich werde hier aber keine detaillierten Untersuchungen anstrengen), ist es eher üblich, diese Bezeichnungen von einem Verb abzuleiten — ein Verb to balcony ist mir nicht bekannt (und dem OED glücklicherweise auch nicht). Andererseits ist es weder im Deutschen noch im Englischen ein großes Problem, spontan aus einem Substantiv ein Verb zu machen. Trotzdem wäre dies evtl. eine Besonderheit dieses Wortes — allerdings hinsichtlich der englischen Wortbildung, für die Wahl zum deutschen Anglizismus des Jahres müsste das Wort schon etwas anderes bieten.

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