Seit einer Weile ist mal wieder das Thema „Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz“ in den Medien. Nicht zuletzt durch eine gemeinsame Unterschriften-Aktion von VDS und Bild-Zeitung, der sich auch Politiker angeschlossen haben, darunter Bundestagspräsident Norbert Lammert. Dazu kam eine mittlerweile beendete Online-Petition des VDS.

Jetzt gibt es auch eine Gegenaktion: Anatol Stefanowitsch, Anglistik-Professor aus Hamburg und Blogger im Sprachlog, hat ebenfalls eine Online-Petition eingerichtet, mit dem Ziel, den Status quo in dieser Sache beizubehalten und die deutsche Sprache nicht ins Grundgesetz aufzunehmen. Zu beiden Positionen im Folgenden ein paar kommentierende Worte.

Im Sprach-Magazin Sozusagen! (Bayern 2, 10 Minuten) vom 14.01. gibt es ein Gespräch mit Bundestagspräsident Norbert Lammert, in dem dieser sich erneut dafür ausspricht, die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufzunehmen (Podcast-Überblick).  Hier ein paar Aspekte (keine vollständige Zusammenfassung des Interviews): Auf die Frage, warum man die deutsche Sprache ins GG aufnehmen sollte, antwortet Lammert mit einem „Warum eigentlich nicht?“ — es habe seit 1949 so viele Änderungen des GG gegeben, warum denn nicht auch für die deutsche Sprache. Und obwohl er es zwar für vernünftig hielte, nur das Notwendigste, Wesentliche ins GG aufzunehmen, werde in der Praxis schon lange anders vorgegangen, so dass man doch dann auch die deutsche Sprache aufnehmen könnte. Besonders überzeugende Argumente sind das ja nicht.

Die Erwähnung bestimmter Dinge im GG habe deklamatorische Natur, kläre also eine Orientierungsfrage. Nach Lammerts Überzeugung hätte es wohl weniger Streit in der Frage, welche Sprache in deutschen Schulen und Ausbildungsstätten zu sprechen sei, gegeben, wenn die deutsche Sprache im GG verankert gewesen wäre. Hier ist mir nicht ganz klar, worauf er sich bezieht. Geht es um die Unterrichtssprache, etwa im Fall von islamischem Religionsunterricht? Oder geht es um die Frage, ob Schüler auch auf dem Pausenhof deutsch zu sprechen haben? So vernünftig ich es fände, wenn sich die Schüler auf Deutsch unterhalten würden, so sehr habe ich Bauchschmerzen bei der Vorstellung, dies (grund-)gesetzlich vorzuschreiben. Letztendlich ist die Sprache (wie auch die Kleidung oder andere Ausdrucksmittel) eben nur ein Mittel, aber nicht (oder selten) der Grund zur Abgrenzung. Und wenn man gegen Ab- und Ausgrenzung vorgehen will, sollte man die Ursachen bekämpfen.

Für eine bessere Stellung des Deutschen in der EU würde die Grundgesetzänderung wohl nichts bringen, so Lammert, er weist aber darauf hin, dass in 18 oder 19 Sprachen der EU die Sprache in der Verfassung festgeschrieben sei. Auch in Österreich und der Schweiz, in denen das Deutsche ja ebenfalls Landessprache ist, aber eben nicht in Deutschland. Da kommt wieder die schizophrene Argumentation auch derjenigen zum Vorschein, die ein Reinheitsgebot für das Deutsche oder eine Deutsch-Quote im Rundfunk nach französischem Vorbild etc. fordern. Wir mögen zwar keine Wörter aus fremden Sprachen, aber wenn es Gesetze aus fremden Ländern gibt, die uns in den Kram passen, dann übernehmen wir diese gerne. Daher auch mein polemischer Titel: „Haltet das deutsche Rechtssystem von bösen ausländischen Gesetzen rein!“ Das deutsche Grundgesetz ist ein ehrwürdiges, durchdachtes Werk, das international anerkannt ist. Aber wenn es so weitergeht, haben wir in 20 Jahren nur noch ausländische Gesetze und gar keine deutschen mehr!!!!

Dieser Exkurs in die Sprachreinheitsdebatte ist nicht so weit hergeholt, wie der nächste thematische Abschnitt des Interviews zeigt, da geht es nämlich um Anglizismen (daher passt dieses Thema auch gut in den Kontext unserer derzeitigen Wahl zum Anglizismus des Jahres): Lammert spricht sich zwar vordergründig gegen einen platten Sprachpurismus aus; er gebraucht die Metapher der Sprache als „lebendigem Organismus“ (das beinhaltet meines Wissens Fortpflanzung und Stoffwechsel, daher amüsiert mich dieser Vergleich aus dem 19. Jh. immer wieder, obwohl er zur Veranschaulichung sicherlich gut gemeint ist). Der unvermeidlichen und natürlichen Weiterentwicklung der Sprache stellt er die „alberne Ersetzung geeigneter vorhandener Begriffe durch Anglizismen“ entgegen. Es wird natürlich nicht geklärt, wo genau die Grenze zwischen beiden Bereichen liegt und wie man diese ausmachen könne. Die Frage (die ich mir selbst stelle, der Interviewer aber nicht), ob sich denn nun durch die Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz irgendetwas an der Möglichkeit, „alberne Ersetzungen“ verwenden zu dürfen, ändern soll (und hier bin ich der Meinung, dass Meinungs- und Redefreiheit auch die Freiheit beinhaltet, Albernes zu reden), lässt mich stirnrunzelnd zurück.

Die Debatte ist ja nicht neu, Lammert ist hier nicht weit entfernt von Hermann Dunger. Dunger, der später den Allgemeinen Deutschen Sprachverein gründen sollte (ein ideologischer Vorläufer des VDS, obwohl meines Wissens heute die GfdS offiziell Nachfolgerin ist), spricht in seinem Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter (1882) von „entbehrlichen“ und „unentbehrlichen“ Fremdwörtern. Er erkannte aber in einem lichten, doch leider relativ folgenlosen Moment selbst, was die relative Fruchtlosigkeit der ganzen Debatte auf einen Punkt bringt: „Der eine hält einen fremden Ausdruck für unentbehrlich, den der andere voll Entrüstung verwirft“ (Dunger 1882: IV). Je nach Kontext, Situation und Zweck kann ein Ausdruck passend oder unpassend erscheinen. Einen überzeugenden Kriterienkatalog zur Unterscheidung „guter“ und „böser“ oder „alberner“ Fremdwörter und Anglizismen habe ich bis heute nicht gesehen.

Die Auswirkungen der Aufnahme der deutschen Sprache ins GG sind mir (und auch allen Kommentatoren, die ich bis jetzt wahrgenommen habe), eher unklar. Ein paar Fragen, von lächerlich bis ernsthaft:

  • Verstoßen Menschen, die nicht nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung schreiben oder sich ungrammatisch ausdrücken, gegen das Grundgesetz? Kommt dann die Polizei?
  • Sind etwa Telekom oder Deutsche Bahn, die mit englischen Slogans werben, verfassungsfeindliche Organisationen? (Diese Anmerkung machte der B2-Moderator in Sozusagen!)
  • Wer legt fest, was zur deutschen Sprache gehört? Gilt, wie beim Scrabble, nur das, was im Duden steht? Und wenn ja, in welchem? Zählt der Fremdwörter-Duden auch?
  • Welche Auswirkungen hat dies auf andere Sprachen, die schon lange in Deutschland gesprochen werden? Minderheitensprachen wie das Sorbische, das Romanes, das Friesische, Dänische und Niederdeutsche sind zwar offiziell anerkannt, würden aber durch eine alleinige Betonung des Deutschen (Hochdeutschen? Hoch- und Nieder- bzw. Plattdeutschen?) etwas ins Abseits gedrängt.

Damit ist auch die Argumentation der Gegenseite, die auch auf der bereits verlinkten Seite im Sprachlog nachgelesen werden kann, teilweise angedeutet. Stefanowitsch nennt drei ihm wesentliche Punkte:

  1. Es besteht keine Notwendigkeit einer Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz. Das Deutsche ist im Bund und in allen Bundesländern Amtssprache und es ist unzweifelhaft die Hauptsprache des öffentlichen Lebens.
  2. Da keine Notwendigkeit zu einer Aufnahme ins Grundgesetz besteht, wäre eine solche ein rein symbolischer Akt, dessen Symbolgehalt nur die Ausgrenzung von sprachlicher und kultureller Vielfalt sein kann.
  3. Eine Aufnahme in das Grundgesetz könnte unvorhersehbare sprachpolitische Konsequenzen nach sich ziehen; es ist anzunehmen, dass die Sprachpuristen auf dieser Grundlage eine Verfassungsklage nach der anderen einreichen würden — gegen Englisch in Werbung, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, gegen Migrantensprachen auf Schulhöfen, vielleicht sogar gegen Minderheitensprachen wie das Friesische und Sorbische.

Damit ist aus meiner persönlichen Sicht festzustellen: Die Argumentation der Befürworter der Aufnahme des Deutschen ins GG, hier vertreten durch Lammert, ist eher wenig überzeugend, die Gegenseite, vertreten durch Stefanowitsch, hat dagegen bedenkenswerte Einwände.

Habe ich also die Petition von Stefanowitsch schon unterzeichnet? Nein. Ich werde darüber noch eine Zeit lang nachdenken. Es ist mir, ehrlich gesagt, persönlich einfach wurscht, ob das Deutsche ins GG kommt oder nicht. Wenn ja, wäre es ein symbolischer Akt, vermutlich ohne bemerkenswerte Auswirkungen, weder im Guten noch im Schlechten. Wenn nein, bliebe alles wie bisher, und an dem heutigen Zustand kann ich keine dringend zu verbessernden Mängel erkennen. Dass in Deutschland im Großen und Ganzen deutsch gesprochen wird, ist eine Selbstverständlichkeit, und daran wird sich, allem Kulturpessimismus zum Trotz, auch ohne Grundgesetzänderung auf absehbare Zeit nichts ändern. Ich glaube aber auch nicht, dass Sprachpuristen nach einer Aufnahme des Deutschen ins GG wirklich erfolgreich versuchen könnten, gerichtlich gegen Anglizismen im öffentlichen Leben vorzugehen, oder dass sich am anerkannten Status der Minderheitensprachen im Deutschen wirklich etwas ändern würde. Hoffentlich bin ich nicht zu naiv.

Ich will hier also nicht direkt zur Unterzeichnung der Gegen-Petition aufrufen. Ich meine aber, dass, wenn der VDS die Bild-Zeitung vor den eigenen Karren spannen konnte, die Gegenmeinung ein Anrecht auf mindestens ebenso weite Verbreitung und Kenntnisnahme hat. Daher, und auch, um — wie ich finde — etwas Vernunft in die ganze Angelegenheit zu bringen, kam dieser Text zustande. Ich lade alle, die bis zu dieser Stelle gelesen haben, ein, sich ihre eigenen Gedanken zu dem Thema zu machen, sich nicht nur am medialen Bombardement von Bild, VDS und manchen Politikern zu orientieren, und dann zu entscheiden, ob sie sich für die Unterzeichnung der Gegen-Petition und damit gegen die Aufnahme des Deutschen ins GG aussprechen wollen. Ende der Mitzeichnungsfrist ist der 03. März 2011.

Der Link zur Petition: https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=15840.

[edit: Kurzer Nachtrag zur Vermeidung gewollter oder ungewollter Missverständnisse — es geht bei der Gegen-Petition nicht darum, sich auf irgendeine Weise gegen „das Deutsche“ auszusprechen. Die Verwendung der deutschen Sprache ist, laut Wikipedia, bereits in einigen Gesetzen (und zwar in solchen, in denen das auch sinnvoll ist), geregelt:

In Deutschland ist Deutsch:

  • nach § 23 Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG) und ebenso
  • nach § 19 Zehntes Buch Sozialgesetzbuch (SGB X) als Amtssprache,
  • nach § 5 Beurkundungsgesetz als Sprache für notarielle Urkunden,
  • nach § 184 Gerichtsverfassungsgesetz als Gerichtssprache festgelegt.

Daran will Stefanowitsch nichts ändern. Es geht hier nur um die symbolpolitische Aufnahme ins Grundgesetz.]

Quellen und Texte:

Baldauf, Angi: Deutsch muss ins Grundgesetz. BILD übergibt Unterschriften der Leser an Norbert Lammert. In: Bild.de, 09.11.2010. Internet: <http://www.bild.de/BILD/politik/2010/11/09/deutsch-ins-grundgesetz-bild-aktion/unterschriften-an-bundestagspraesident-lammert-uebergeben.html>.

Deutsch ins Grundgesetz? In: Sozusagen! Bemerkungen zur deutschen Sprache. Bayern 2, 14.01.2011. Internet: <http://cdn-storage.br.de/mir-live/bw1XsLzS/bLQH/bLOliLioMXZhiKT1/iLCpbHJG/uwQtsKFCuwJC/_2rc_K1S/_-iS/_-NH_K1S/uLoXb69zbX06/110114_1520_Sozusagen_Deutsch-ins-Grundgesetz.mp3>.

Deutsche Sprache. In: Wikipedia. Internet: <http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Sprache>.

Dunger, Hermann: Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter : mit besonderer Berücksichtigung der von dem Grossen Generalstabe, im Postwesen und in der Reichsgesetzgebung angenommenen Verdeutschungen : mit einer einleitenden Abhandlung über Fremdwörter und Sprachreinigung. Leipzig 1882 [bei archive.org].

Stefanowitsch, Anatol: Für eine vielstimmige Gesellschaft. In: Sprachlog, 20.01.2011. Internet: <http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2011-01-20/f-r-eine-vielstimmige-gesellschaft>.