Ich möchte mal etwas Senf zu einem Thema beitragen, mit dem ich mich nicht sooo gut auskenne: pragmatische und soziolinguistische Aspekte der Jugendsprache. In der Zeit vom 13.01.2011 schreibt Peter Kümmel in „Deine dicke Mutter: Über die Zentralfigur der neuen deutschen Witzkultur“ über die Deine-Mutter-Witze. Die sind zwar wahrlich nicht besonders neu (auf dieser Seite hier etwa bekommt jemand schon 2003 Lob im Gästebuch für seine tollen Mutter-Sprüche — Achtung, die Seite enthält hässliche Bilder; und das Lied Ja ja, Deine Mudder! von Fünf Sterne deluxe stammt von 1999), aber jetzt hat sie endlich auch das Feuilleton entdeckt. Und wie so oft, wenn jemand allzu soziologisch an ein Thema wie „Witze unter Jugendlichen“ herangeht, scheint mir manches doch etwas abwegig. Dass das Gegenüber durch ein „Deine Mutter …“ als Unterschichtskind dargestellt werden soll, kann ich noch halbwegs nachvollziehen. Dass das Gegenüber beleidigt werden kann, indem man dessen Mutter schlecht macht, sehe ich natürlich ein. Aber dass jemand durch ein „Deine Mutter …“ ausdrücken will, intimste Geheimnisse über das Gegenüber zu kennen, halte ich doch für arg an den Haaren herbeigezogen:

Wer einen anderen in die Schranken weisen will, raunt ihm ein kühles »Ey, deine Mutter« zu, und schon ist der Gegner angezählt: Dicker, ich weiß alles über dich! […]

Noch etwas anderes, Abgründigeres steckt im deutschen Mutter-Trashtalk, nämlich die Anspielung auf allseits verfügbares Geheimwissen. Wer »Deine Mutter« sagt, sagt eigentlich: Ich kenne deine wunden Punkte, ich kann dich jederzeit hochgehen lassen!

Umso verwunderter war ich, als ich im Sprach-Magazin Sozusagen! des Bayerischen Rundfunks am 04.02. ein Interview mit dem Soziolinguisten Norbert Dittmar gehört habe, der dort fast wörtlich das gleiche verkündet (Podcast-Übersicht, ab ca. 8:16 Min.):

Indem man sie ausdrückt [die Mutter-Beleidigungen; MM], gibt man ein Wissen preis, das eigentlich ziemlich geheim ist und nur bei dem Betroffenen sein kann; wenn man aber etwas über die Mutter sagt und auch […] weiß, was man ihr möglicherweise an Schlechtem zuweisen kann, dann sitzt das umso härter, weil man nicht offensichtliches, evidentes Wissen da ausbreitet.

Ja. Nicht offensichtliches Wissen, von dem man weiß, dass man es der Mutter zuweisen kann, wie etwa:

  • Deine Mutter ist so fett, sie guckt sich die Speisekarte an und sagt dann zum Kellner: Okay. (Der ist aus der Zeit. Großartig.)
  • Dei Mudda ist so fett, sie arbeitet im Osten als Mauer (deine-mutter.de)
  • Deine Mutter sitzt bei Aldi unter der Kasse und piepst (ebd.)
  • Deine Mutter ist so Fett, ihr Bauch ist per Überhangmandat in den Bundestag eingezogen! (ebd.)
  • Deine Mudder klaut bei Aldi weils da billiger is (ebd.)
  • usw.

Nun ist zu Dittmar noch zu sagen, dass der oben zitierte Satz die einzige Aussage zu den Deine-Mutter-Sprüchen in einem längeren Interview war. Und es ist auch zu sagen, dass es eine Menge schlechter Sprüche auf der oben zitierten Seite gibt. Trotzdem frage ich mich: Bin ich zu sehr Mittelschichtskind, zu wenig verbiestert, zu alt oder zu jung, dass ich diese Sprüche unter einem ganz anderen Gesichtspunkt sehe? Was mir zuallererst auffällt, ist nicht, dass da jemand mit „Geheimwissen“ droht, sondern dass hier nicht mit Schlägen und Tritten gekämpft wird und auch nicht mit plumpen Beleidigungen, sondern mit Köpfchen — darum, wer den kreativsten, witzigsten, besten Spruch findet. Von allen Arten, sich zu duellieren, finde ich diese doch mit am erfreulichsten.

„Ich kenne deine wunden Punkte“ — meine Herren. Lasst doch die Kirche im Dorf.