Heute ist der Internationale Tag der Mutterspache. Die Unesco hat ihn ins Leben gerufen, um an „die sprachliche Vielfalt“ (Pressemeldung) zu erinnern. Auch in Deutschland gibt es bedrohte Sprachen, insbesondere Nordfriesisch und Saterfriesisch (siehe auch das Sprachlog), und die Zeitungen (Google-News) nehmen diesen Tag zum Anlass, verstärkt über Sprache und insbesondere über Dialekte zu berichten.

Die Deutsche Sprachwelt hingegen ruft dazu auf — „den Englischunterricht zugunsten anderer Sprachen einzuschränken“. Es sei nämlich so: „Als sprachliches Hilfsmittel für den internationalen Austausch genüge […] ein Schmalspurenglisch, das ab der fünften Klasse innerhalb von zwei bis drei Jahren erlernt werden könne.“ Mit „internationaler Austausch“ kann hier ja wohl nur ein zweiwöchiger Urlaub im All-inclusive-Hotel gemeint sein und nicht ein selbstorganisierter Auslandsaufenthalt oder gar ein Austausch im Rahmen der Wirtschaft oder der Wissenschaft.

Englisch solle zudem gar nicht mehr als erste, sondern als zweite Fremdsprache gelernt werden, und statt dessen solle Latein (!) gestärkt werden. Das sei nämlich als „Grundlage für das Erlernen weiterer Fremdsprachen […] viel besser geeignet als Englisch“ (also soll Englisch wohl auch nicht ab der fünften Klasse unterrichtet werden, sondern später — oder will die Deutsche Sprachwelt jetzt den Lateinunterricht in die Grundschulen tragen?).

Klar, lernen wir erstmal eine tote Sprache, dann lernen wir ein Schmalspurenglisch und dann, wenn das Ende der Schulzeit schon in Sicht ist, überlegen wir uns, was wir mit unseren Lateinkenntnissen noch anfangen können. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Ich habe Spanisch nach Latein gelernt und hatte nicht das Gefühl, dass mir die Lateinkenntnisse dabei sehr geholfen hätten.

Und das Argument „Lateinkenntnisse förderten zudem auch allgemein das Verständnis der Grammatik“ lasse ich nicht gelten — oder nur bedingt, alle Sprachkenntnisse fördern das Verständnis der Grammatik. Auch ich habe erst im Lateinunterricht gelernt, was ein Nominativ, was ein Genitiv, ein Dativ und ein Akkusativ ist, nämlich: rot, gelb, blau und grün (wenn ich mich recht entsinne). Das ist aber weniger ein Verdienst des Lateinunterrichts als ein Versäumnis des Deutschunterrichts, denn da wurde nur wochenlang an Gedichten und Erzählungen herumanalysiert, bis man den Schülern den letzten Spaß an der Literatur ausgetrieben hatte.

Daher mein Senf zum Tag der Muttersprache:

1) Bringt den Schülern erst einmal vernünftige Deutschkenntnisse bei, bezieht auch regionalsprachliche Besonderheiten mit ein und lasst die Grammatik nicht links liegen — wenn Grammatikkenntnisse schon im Deutschunterricht gelernt werden (wo sie hingehören), dann kann man sich den Lateinunterricht auch sparen.

2) Bringt den Schülern lebende Sprachen bei — wer Spanisch gelernt hat, kann eine Sprache, mit der er/sie tatsächlich etwas anfangen kann, und wer danach noch Französisch lernen will, hat von vorhandenen Spanischkenntnissen sicherlich genauso viele Vorteile wie von Lateinkenntnissen (im ungünstigsten Fall halt gar keine). Wenn schon Lateinunterricht, dann vielleicht hier wirklich einen ein- bis maximal zweijährigen Schmalspurunterricht aus grammatischem, lexikalischem und kulturgeschichtlichem Grundlagenwissen und immer mit Ausblick auf einen später folgenden Spanisch-, Französisch- oder Italienischunterricht. Organisiert diesen Sprachunterricht so, dass er dann auch die an der Uni geforderten Lateinkenntnisse ersetzen kann. Wer sich wirklich für Latein interessiert, kann das dann immer noch in Spezialkursen vertiefen.

3) Bringt den Kindern um Himmels willen ordentlich Englisch bei. Ich bin der Letzte, der sich dagegen wehrt, Deutsch als Wissenschaftssprache zu fördern, aber es ist doch vollkommen illusorisch zu glauben, dass man mit einem Schmalspurenglisch außerhalb des All-inclusive-Hotels viel anfangen könnte. Selbst in meinem Fach, der Deutschen Sprachwissenschaft, gibt es genug Grund, seine Englischkenntnisse nicht einrosten zu lassen — nicht so sehr deswegen, weil die deutschen Kollegen lieber auf Englisch veröffentlichen würden als auf Deutsch, das ist bei uns noch nicht ganz so weit. Sondern weil es auch interessante Literatur insbesondere aus der englischen Linguistik und aus anderen Sprachwissenschaften und auch aus ganz anderen Fächern (etwa der Psychologie) gibt, die eben nicht nur von deutschen Wissenschaftlern verfasst wird. Und was für die Germanistische Linguistik gilt, gilt für andere Geisteswissenschaften ebenso und erst recht für die sogenannten MINT-Fächer.

Schlimm, dass solche furchtbaren Pressemeldungen wie die oben erwähnte immer so viel Zeit kosten. Ich lass‘ das ja meistens, aber die hier konnte ich doch nicht ohne Widerspruch durchgehen lassen …