Nach Beendigung einer (leider nicht „der“) größeren Arbeit habe ich mir nun mal wieder Zeit genommen für ein Wort, das ich schon länger im Auge habe. Es ist ein Kuriosum und eine Art Running Gag in der deutschen Sprache, weil es eigentlich immer nur zitiert, aber nie wirklich gebraucht wird: der Meuchelpuffer.

Zitiert wird der Meuchelpuffer als Beispiel für unglückliche Verdeutschungen, die sich nicht durchgesetzt haben. Es hätte das Wort Pistole ersetzen sollen. Üblicherweise wird diese Verdeutschung Philipp von Zesen (17. Jh.) zugeschrieben, andere, wie der Kabarettist (und Autor und Fotograf) Jess Jochimsen, halten es für ein Wort „faschistischen Ursprungs“.

Ich vermute, dass der Meuchelpuffer auch deswegen so gerne zitiert wird, weil er in seinen Bestandteilen in unseren Ohren so ungewöhnlich klingt. Mit diesem Punkt, den Bestandteilen, beschäftigt sich der vorliegende Teil meines dreigeteilten Posts über dieses Wort. Der zweite Teil, Philipp von Zesen und der Puffer, wirft einen Blick in die ersten Jahre des Meuchelpuffers; der dritte und letzte Teil, Der Meuchelpuffer im Lauf der Zeit, zeigt einige Fundstellen und Meinungen bis hin zur NS-Zeit.

Doch zunächst zu den Bestandteilen des Meuchelpuffers. Diese sind, das ist einigermaßen klar ersichtlich, das Verb meucheln und das Substantiv Puffer. Meucheln bedeutet heutzutage ‘jmdn. versteckt, heimtückisch ermorden’ (dwds.de: DWDS-Wörterbuch), in älterer Zeit hatte es auch die allgemeine Bedeutung ‘heimtückisch und heimlich vorgehen’ (ebd.: Etymologisches Wörterbuch). Dieses Etymologische Wörterbuch verrät uns auch, dass das althochdeutsche mūhhil- bereits früh als erster Bestandteil von Zusammensetzungen auftrat; die beiden auch heute noch einigermaßen bekannten Wörter Meuchelmord und Meuchelmörder stammen da aus vergleichsweise junger Zeit, nämlich dem 16. Jh.

Das Deutsche Wörterbuch führt eine ganze Liste von Substantiven an, die ebenfalls mit Meuchel- beginnen:

  • Meuchelbrennerei, f.
  • Meuchelbuch, n.
  • Meuchelchrist, m.
  • Meucheldieb, m.
  • Meuchelgeist, m.
  • Meuchelhand
  • Meuchelhund, m.
  • Meuchelkraut, n.
  • Meuchellist, f.
  • Meuchellüge, f.
  • Meuchelmaul, n.
  • Meuchelmörder, m.
  • Meuchelmörderin, f.
  • Meuchelmord, m.
  • Meuchelmordbrenner, m.
  • Meuchelprediger, m.
  • Meuchelrat, m.
  • Meuchelrotte, f.
  • Meuchelschade, m.
  • Meuchelschwert, n.
  • Meuchelstich, m.
  • Meuchelstück
  • Meucheltücke, f.
  • Meuchelwehr, f.
  • Meuchelwerk, n.

Dieses Erstglied war also einigermaßen produktiv – auch wenn der Meuchelpuffer hier wohlgemerkt nicht genannt ist. Ich wage auch nicht zu beurteilen, wie häufig die anderen hier aufgeführten Wörter tatsächlich verwendet wurden. Es mag gut sein, dass es sich jeweils um Ausdrücke handelt, die den Lexikographen des DWB untergekommen und deswegen auch im Wörterbuch aufgenommen sind, obwohl sie kaum je verwendet wurden. Heute klingen jedenfalls die meisten davon unüblich. Zwar werden auch heute noch Wörter mit Meuchel- gebildet – wenn man bei einer COSMAS-Suche aber alle Konjugationsformen des Verbs meucheln und alle Zusammensetzungen und Ableitungen mit Meuchelmord und Meuchelmörder herausfiltert, bleiben nur knapp 100 Treffer in allen enthaltenen Texten der letzten 20 Jahre (vom Meuchel-Messer und dem tatsächlich auch zitierten Meuchelpuffer über die Meuchellesbe bis zum Meuchelvergnügen). Inklusive der zuvor ausgeschlossenen Fälle sind es etwa 780 Treffer in den letzten 20 Jahren. Viel ist das immer noch nicht. Und diese Tatsache, dass das Wort meucheln zwar bekannt ist, aber doch so selten verwendet wird, ist mit Sicherheit mit dafür verantwortlich, dass der Meuchelpuffer in unseren Ohren so bemerkenswert klingt.

Ebenfalls dafür verantwortlich ist aber nicht weniger der Puffer, der so schön onomatopoetisch den Klang dieses Meuchelinstruments in sich trägt. Jeder versteht, was damit gemeint ist, aber ernsthaft würde in Deutschland wohl niemand einen Revolver Puffer nennen. Früher kann das durchaus anders gewesen sein. Im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch steht ein Eintrag puffer mit der Bedeutung ‘eine Pistolenart’ und einem ostoberdeutschen Beleg von „1607/11“. Auch im DWB heißt es unter Puffer 1): ‘kleine knallbüchse, schlüsselbüchse’ (s.a. puffen und Puff 1)). Adelung schreibt unter Puffer: ‘ein kleines kurzes Schießgewehr, welches man in der Tasche bey sich tragen kann; eine Sackpistole, Taschenpistole’. Das sagt wiederum noch nichts darüber aus, wie häufig dieses Wort tatsächlich in Gebrauch war (im Bonner Frühneuhochdeutschkorpus beispielsweise kann ich keinen Beleg finden) – unbekannt war es jedoch zumindest nicht.

Aber wir brauchen ja gar nicht so weit in der Zeit zurück gehen – gehen wir lieber im Hier und Jetzt ein paar Kilometer in den Süden: In Österreich (siehe ostarrichi.org) wird die Pistole auch heute als Puffn oder Puffen bezeichnet, was doch seit EAVs Banküberfall (Youtube, Min. 1:00) eigentlich weltbekannt sein sollte. Auch in COSMAS findet man eine Handvoll Belege für diese Bedeutung – allesamt in österreichischen Zeitungen, etwa:

„Ich werde mit einer Puffn in die Schule kommen und alle abknallen.“ Ein 14-Jähriger aus dem Bezirk St. Pölten kündigte einen Amoklauf an. (Niederösterreichische Nachrichten, 28.12.2009, S. 42)

Aber eben auch nur eine Handvoll – zum gängigen Zeitungswortschatz gehört die Puffen, ebenso wie das Meucheln, nicht.

Was lernen wir daraus am Ende dieses ersten Teils? Jedenfalls ist der Meuchelpuffer keine reine Fantasiebildung. Beide Bestandteile waren in der deutschen Sprache spätestens Anfang des 17. Jahrhunderts vorhanden, und zwar jeweils auch in einer Bedeutung, die im Sinne des Meuchelpuffers miteinander kompatibel war. Heute – spätestens heute – sind allerdings beide Bestandteile wenig gebräuchlich, Puffer ist regional (und evtl. auch pragmatisch) beschränkt, und die Zusammensetzung Meuchelpuffer hat sich nicht durchgesetzt. Beste Voraussetzungen, um aufzufallen.

[Weiter zum zweiten Teil: Philipp von Zesen und der Puffer]

Literatur und Links (alle Internetseiten wurden zuletzt am 10.06.2011 kontrolliert):

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[Edit 15.07.: Nach Veröffentlichung des dritten Teils wurden Links zu den anderen Teilen eingefügt.]