[Dies ist der zweite Teil eines dreiteiligen Posts über das Wort Meuchelpuffer, der erste Teil behandelt die Bestandteile meucheln und Puffer, der dritte Teil wirft einen Blick auf dieses Wort im Laufe der Zeit. In diesem Teil geht es um die frühen Jahre.]

Wie schon im ersten Teil angemerkt, wird es üblicherweise Philipp von Zesen zugeschrieben, das Wort Meuchelpuffer geprägt zu haben. Um es kurz zu machen: Das ist höchstwahrscheinlich auch so. Leider war von Zesen ein Vielschreiber, so dass man seine Sämtlichen Werke, die einen guten Regalmeter einnehmen, nicht mal so eben durchlesen kann. Sehr hilfreich sind daher die wunderbaren Übersichten in Harbrecht 1912 und Harbrecht 1913, die auf eine Fundstelle in von Zesens Übersetzung von Madeleine de Scudérys 1641 erschienenem Roman Ibrahim ou l’illustre Bassa hinweisen; von Zesens Übersetzung trägt den Titel Ibrahims Oder Des Durchleuchtigen Bassa Und Der Beständigen Isabellen Wunder=Geschichte (¹) und stammt aus dem Jahr 1645. Die entsprechende Passage lautet:

Mit diesem Führhaben begab sich das Fräulein zu Bette / und ließ mich selbige Nacht bey ihr bleiben; dan sie sagt’ / es wär ihr unmüglich zu schlaaffen / so lange sie wüste / daß mein Her einen Mit=buhler zu Monaak hätte. Indehm wier nuhn solches abhandelten / hatte sich der Fürst von Salerne gänzlich entschlossen / sein Führnähmnen die folgende Nacht ins Werk zu säzzen / weil er nuhn=mehr wohl sahe / daß es alles auf Gewalt bestähen müste; und waar hinunter zum Schärgen / welcher mit auf seiner Seiten waar / und zu seinem Hoof=Junkern gegangen / damit er alles richtig beställen mögte / und daß sein Schif zu gewüsser Zeit und Stunde bey dem Gestade aufwartete. Er sagte die Stunde / wan es angähen solte; und naachdehm er ihnen auch das Zeuchen gegäben / und alles wohl angeordnet hatte / verfügt’ er sich wider auf das Schlos / wie er sonst pflägte / doch gleichwohl hatt’ er sich mit ein paar Meichel=puffern und einem Dägen versähen / die er in geheim in seine Kammer truug / damit er sie / im fal er ja in seinem Führnähmen überfallen würde / zur Gegenwähr gebrauchchen könte. (Zit. nach von Zesen 1977, S. 485; Hervorhebung M.M.)

[Der Satz lautet in der französischen Ausgabe von 1723:
Il leur donna l’heure & le ſignal de l’enterpriſe; & croyant avoir bien ordonné toutes choſes, il ſe retira au château comma à l’ordinaire, s’étant touteſouis ſaiſi de deux piſtolets & d’une épée, qu’il porta ſecretment à ſa chambre, en cas qu’on lui voulût faire quelque violence. (de Scudéry 1723, 201; Hervorhebung M.M.)]

Damit wäre zumindest nachgewiesen, dass von Zesen dieses Wort verwendet hat; um sagen zu können, dass er das Wort auch erfunden hat, müsste man natürlich wissen, was alle Deutschsprechenden vor ihm gesagt oder geschrieben haben – ich habe aber zumindest keine deutlichen Hinweise auf einen Vorgänger gefunden. Harbrecht 1912, S. 24, vermutet, dass von Zesen von dem ihm bekannten Johann Rist zum Puffer inspiriert wurde, da dieser das Wort in einer Schrift aus dem Jahr 1640 als deutschen Ausdruck für das „französische“ Wort Pistol(e) genannt habe (Kluges Etymologisches Wörterbuch meint heute, dass das Wort Pistole eigentlich aus dem Tschechischen entlehnt wurde, es existiert aber auch im Französischen, vgl. Larousse). Wie im ersten Teil gesehen, existiert der Puffer aber bereits spätestens seit Beginn des 17. Jh.s im Deutschen und mag von Zesen auch auf andere Weise zu Ohren gekommen sein.

Der soeben zitierte Absatz ist aber auch schon die einzige Fundstelle für Meuchelpuffer, die in den Übersichten von Harbrecht genannt wird, und auch eine Suche in der digitalisierten Ausgabe der Sämtlichen Werke bei Google Books führt keine weiteren Treffer zu Tage. (Ein nicht-exhaustives Blättern und Stöbern in den Bänden auch nicht. Harbrecht nennt noch eine von von Zesen angefertigte Liste als Teil des Ibrahim, die die in diesem Buch enthaltenen Verdeutschungen aufführt — diese Liste kann ich aber in der mir vorliegenden Ausgabe der Sämtlichen Werke nicht finden.) Es ist wohl eher so, dass der Meuchelpuffer auch bei von Zesen nur eine Gelegenheitsbildung und nicht für den täglichen Einsatz gedacht war.

Statt dessen findet man ebenfalls im Jahr 1645 bei von Zesen auch noch ein anderes Wort, das anstelle von Pistole verwendet wird: Reitpuffer (vgl. von Zesen 1993). Schon 1641 wird auch der Puffer, ohne Bestimmungswort, genannt (vgl. von Zesen 1971, S. 189); Harbrecht (1912, S. 57) nennt auch eine Stelle in einem Text aus dem Jahr 1670. Von Zesen war in dieser Hinsicht also durchaus nicht festgelegt, trotzdem verwahrt er sich an anderer Stelle im Jahr 1668 deutlich gegen Unterstellungen, auch andere Verdeutschungen zu verwenden:

Ich wundere mich / ja wundern mus ich mich zum höchsten / wo jener undeutsche Nahmheilige Naumburger in dem unnützen geschmiere seiner Erinnerungen wegen der Hochdeutschen Poeterei / die grobe ehrlose schand= und land-lügen herhat […]. Eben eine solche unverschähmte lügen ist auch diese / wan er mich im folgenden 46 bl. ferner ansticht / daß ich windfang vor mantel / sattelpuffert vor pistohl oder reitpuffer / gebrauchet: wie auch / daß ich das wort fenster aus der Deutschen sprache verweisen wolte. Das ungeschlachte närrische wort windfang ist niemahls in meine gedanken gekommen / ich schweige / daß ichs in meinen schriften gebrauchet. Er wird vielleicht bei dem Herrn von Stubenberg das wort rauchfang / vor feuermelder gelesen / und darauf des nachts getreumet haben / er hette jenen läppischen windfang von mir bekommen. Doch itzt fellet mir ein / daß die Niedersachsen ihre windschirme / vor den feuerheerden / windfänge zu nennen pflegen: das ihm vielleicht sein traumgeist eingeblasen / aber auf eine verkehrte weise. Was die verweisung des fensters belanget / davon hetten ihn meine Dichterische Jugendflammen / in ihren Anmärkungen über ein Hochzeitlied / eines andern berichten können / wan er sein klügelweises leschhorn nur auf ein stündlein hinein stekken wollen. (²) Ich bitte ihn mich zu berichten / welche Schwanen= oder Raben-feder ihm solche stünkenden lügen in seinen ungehöbelten Poetenkasten gewehet. Noch mehr dergleichen fette lügen könte ich ihm vorhalten; aber es sol alles zusammen in einer sonderlichen schrift geschehen. Hier ist weder zeit / noch raum darzu. (Zit. nach von Zesen 1974, S. 380f.; Hervorhebung M.M.)

Auch Harbrecht (1912, S. 52) erklärt, dass im Werk von Zesens der Ausdruck Sattelpuffert nicht verwendet wird. Mit dem Naumburger ist Gottfried Wilhelm Sacer (geb. 1635 in Naumburg/Saale) gemeint, der 1661 in seinem Buch Nützliche Erinnerungen wegen der deutschen Poeterey (S. 46) geschrieben hatte:

Er [Caesius, d.i. Philipp von Zesen; M.M.] spräche beſſer vor die groſſe Zeuge=Mutter / die Natur; vor Jungferzwinger / ein NonnenCloſter; vor Windfang / einen Mantel; vor Sattelpuffert / ein Piſtol etc.

Gegen den Sattelpuffert wehrt sich von Zesen also entschieden, der heute so kuriose Meuchelpuffer ist aber bei ihm belegt. Wenn auch – nach meinen bisherigen Recherchen – nicht unbedingt besonders häufig; lieber war ihm wohl der Reitpuffer, der es – im Gegensatz zum Meuchelpuffer – zwar sogar ins Deutsche Wörterbuch schaffte, der heute aber doch sehr sehr unbekannt ist (das im DWB genannte „Chr. Weise erzn. 67 neudruck“ bezieht sich wohl auf Christian Weises Roman Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt von 1672, also nach von Zesen, indem dieses Wort kritisch betrachtet wird). Und — das sollte auch nicht unerwähnt bleiben — ebenfalls recht und billig war von Zesen auch das Fremdwort, die Pistol(e), für die auf Anhieb mehr Treffer in seinen Werken zu finden sind als für Reit- und Meuchelpuffer zusammen (vgl. von Zesen 1987).

Man sieht an dem oben angesprochenen Disput aber auch, dass derartige Verdeutschungen schon in der damaligen Zeit nicht unumstritten waren. Was lernen wir daraus nun am Ende des zweiten Teils? Vielleicht dieses: Ein Wort kann sich durchaus 350 Jahre lang in einer Sprache halten, obwohl es schon zu seiner Entstehungszeit eher den Charakter einer Eintagsfliege hatte und auch später nicht Einzug in den Gebrauchswortschatz halten konnte, sondern fast nur als abschreckendes Beispiel dient. Das wäre dann auch eine schöne Überleitung zum dritten Teil.

[Weiter zum dritten Teil: Der Meuchelpuffer im Lauf der Zeit]

Anmerkungen:

(¹) Hier und im Folgenden wurden in den Zitaten die Zeichen a, o, u mit jeweils überschriebenem e zu den Umlautzeichen ä, ö, ü geändert; im Original gesperrter Text wurde in den Blockzitaten kursiv gesetzt.

(²) In dem genannten Werk stellt von Zesen nämlich erstaunlicherweise fest „daß fenſter deutſch iſt / und nicht von feneſtra, ſondern feneſtra von fenſter / herkommet“ (von Zesen 1651, S. 75). Zum Meuchelpuffer wird dort aber nichts gesagt.

Literatur und Links (alle Internetseiten wurden zuletzt am 11.06.2011 kontrolliert):

  • Christian Weise. In: Wikipedia. Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Weise.
  • de Scudéry, Madeleine: Ibrahiim ou l’illustre Bassa. Nouvelle Edition, revûë, corrigée, & ornée de Figures en taille-douce. Suite de la I. partie. Paris 1723.
  • Gottfried Wilhelm Sacer. In: Wikipedia. Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Sacer.
  • Harbrecht, Hugo: Philipp von Zesen als Sprachreiniger. Karlsruhe 1912.
  • Harbrecht, Hugo: Verzeichnis der von Zesen verdeutschten Lehn- oder Fremdwörter. In: Zeitschrift für deutsche Sprache 14.1913, 71­–81.
  • Johann Rist. In: Wikipedia. Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Rist.
  • Sacer, Gottfried-Wilhelm: Nützliche Erinnerungen wegen der deutschen Poeterey. Stettin 1661. [Google Books.]
  • von Zesen 1651 = Filip Zesens dichterische Jugend=Flammen / in etlichen Lob= Lust= und Liebes=Liedern zu Lichte gebracht. Hamburg 1651. [Digitalisat.]
  • von Zesen 1971 = Philipp von Zesen. Sämtliche Werke. Unter Mitwirkung v. Ulrich Maché u. Volker Meid hrsg. v. Ferdinang van Ingen. Neunter Band: Deutscher Helicon (1641). Bearb. v. Ulrich Maché. Berlin/New York 1971. [Google Books.]
  • von Zesen 1974 = Philipp von Zesen. Sämtliche Werke. Unter Mitwirkung v. Ulrich Maché u. Volker Meid hrsg. v. Ferdinang van Ingen. Elfter Band: Spraach-Übung, Rosen-Mand, Helikonische Hechel, Sendeschreiben an den Kreutztragenden. Bearb. v. Ulrich Maché. Berlin/New York 1974.
  • von Zesen 1977 = Philipp von Zesen. Sämtliche Werke. Unter Mitwirkung v. Ulrich Maché u. Volker Meid hrsg. v. Ferdinang van Ingen. Fünfter Band, Erster Teil: Ibrahim. Bearb. v. Volker Meid. Berlin/New York 1977. [Google Books.]
  • von Zesen 1987 = Philipp von Zesen. Sämtliche Werke. Unter Mitwirkung v. Ulrich Maché u. Volker Meid hrsg. v. Ferdinang van Ingen. Vierter Band, Erster Teil: Lysander und Kaliste. Bearb. v. Volker Meid. Berlin/New York 1987. [Google Books.]
  • von Zesen 1993 = Philipp von Zesen. Sämtliche Werke. Unter Mitwirkung v. Ulrich Maché u. Volker Meid hrsg. v. Ferdinang van Ingen. Vierter Band, Zweiter Teil: Adriatische Rosemund. Bearb. v. Volker Meid. Berlin/New York 1993. [Google Books.]
  • Weise, Christian: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878. [1. Ausgabe 1672.] Internet: http://www.zeno.org/Literatur/M/Weise,+Christian/Romane/Die+drei+%C3%A4rgsten+Erznarren+in+der+ganzen+Welt.

Wörterbücher:

[Edit 15.07.: Nach Veröffentlichung des dritten Teils wurden Links zu diesem Teil eingefügt; außerdem wurde die frz. Original-Passage aus dem Ibrahim nachgetragen.]