[Dies ist der dritte Teil und letzte Teil eines mehrteiligen Posts über das Wort Meuchelpuffer, der erste Teil behandelt die Bestandteile meucheln und Puffer, der zweite Teil die Verwendung des Wortes bei Philipp von Zesen. In diesem Teil geht es um weitere Verwendungen, Zuschreibungen und Behauptungen im Laufe der Zeit.]

Wie schon im zweiten Teil anhand zweier Literaturhinweise auf Gottfried Wilhelm Sacer und Christian Weise gezeigt, waren zahlreiche Verdeutschungen von Zesens schon in ihrer Entstehungszeit im 17. Jh. umstritten, und wie wir heute selbst sehen können, haben sie sich auch nicht durchgesetzt. Der Meuchelpuffer gehört im Großen und Ganzen dazu, er ist aber doch auch nicht ganz untergegangen, sondern taucht immer mal wieder auf – wenn auch meist nur als schlechtes Beispiel. Darüber soll hier ein kleiner Überblick gegeben werden. (Auf die meisten der im Folgenden genannten Fundstellen bin ich über Google Books gestoßen, wie ja auch die meisten Primärquellen der beiden vorhergehenden Teile über Google Books oder andere Digitalisate erreichbar sind. Nun ist Philipp von Zesen ja kein Unbekannter, aber dass die Schriften doch alle so relativ problemlos einzusehen sind, das fand ich schon ganz erstaunlich. Das sei an dieser Stelle einmal gesagt.)

Im 18. Jahrhundert ist es kein Geringerer als Johann Christoph Gottsched, der zwar nicht den Meuchel-, aber doch den Reitpuffer aufs Korn nimmt:

So hecketen vormals die Zeſianer allerley Misgeburten aus. Z. B. ein Reitpuffer, für Piſtol; […]. (Gottsched 1764, S. 6)

Ähnliches steht, möglicherweise im Anschluss an Gottsched, in einer Kurzen Anleitung zur deutschen Briefkunst, einem Schulbuch aus dem Jahr 1770:

Man muß die Worte ſowohl, als ſelbſt die Redensarten gut wählen. Zu dieſem Ziele vermeide man
I   Alle veraltete ſo wohl, als neugemachte Wörter.
Z. B. Reitpuffer für Piſtole […]. (Kurze Anleitung, S. 30)

In zwei weiteren Quellen (Krämer 1982, S. 134; Petri 1986, S. 207) wird behauptet, dass Joachim Heinrich Campe den Meuchelpuffer zu Beginn des 19. Jh.s in seinem Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke aufgenommen habe. Petri 1986 bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Ausgabe von 1801, die mir leider nicht vorliegt. In der Ausgabe von 1813 ist der Meuchelpuffer nicht zu finden. Mag sein, dass Campe ihn wieder herausgenommen hat, mag auch sein, dass ihm der Meuchelpuffer untergeschoben wurde. Letzteres scheint mir insbesondere bei Krämer 1982 der Fall zu sein, denn keines der Wörter, die in dem Snippet auftauchen, ist in Campe 1813 aufgelistet.

Auch Friedrich Ludwig „Turnvater“ Jahn soll nach einer Quelle (von Uthmann 1976, S. 81) den Meuchelpuffer vorgeschlagen haben (vielleicht für die Schützenvereine?). Das ist nicht ganz unrealistisch, da Jahn neben dem Turnen noch weitere, heute weniger bekannte und bejubelte Interessen wie Nationalismus und Sprachpurismus hatte, in diesem Fall ist mir aber eine Verifizierung oder Falsifizierung der Aussage aufgrund fehlender Quellenangaben ebenfalls nicht möglich. Erfunden hat Jahn das Wort jedenfalls nicht, und auch die im Zitat noch genannte Dörrleiche ist nicht von Jahn, sondern von Campe oder bereits von von Zesen (Harbrecht 1913, S. 77, nennt ausgedörrte Leichen aus dem Jahr 1670).

In Engels Verdeutschungsbuch ist der Meuchelpuffer nicht aufgeführt.

Im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jh.s machte dann auch der (Allgemeine) Deutsche Sprachverein von sich reden, der eine Reihe von Verdeutschungsbüchlein zu unterschiedlichen Lebensbereichen herausgab und sich 1934 als nichts weniger als die „SA unserer Muttersprache“ (Miebach 1934, Sp. 146) bezeichnete. Doch trotz dieser nicht gerade zimperlichen Selbstbeschreibung wollte der Verein vom Meuchelpuffer lieber Abstand halten. So heißt es in einer „Vertraulichen Mitteilung an die Vorstände der hessischen Sprachvereine“ von Wilhelm Pickert (Darmstädter Zweigverein des Deutschen Sprachvereins) vom 9. März 1939:

Die schlimme Verkennung, die uns vor 2 Jahren durch Dr. Göbbels widerfuhr, als die Meinung entstanden war, wir wollten für Revolver „Meuchelpuffer“ einführen, für Speiseraum „Speising“ u[nd] d[er]gl[eichen], ist noch immer wirksam. (Tätigkeitsberichte (des Zweigvereins Darmstadt), H. 4, eingelegt zw. S. 22 und 23; zit. nach Olt 1991, S. 142)

Auch Hans Friedrich Blunck (Präsident der NS-Reichsschrifttumskammer, der auch das Deutsche Sprachpflegeamt zugeordnet war) schreibt in seinen Memoiren:

In einer feierlichen Sitzung der Kulturkammer wandte Goebbels, der vermutlich wieder einen Anpfiff erhalten hatte, sich in seiner Rede plötzlich gegen mich – der Fuchs hatte mich unter den Hörern erspäht. Er behauptete, mein Sprachpflegeamt hätte das Wort „Meuchelpuffer“ als Verdeutschung für Pistole vorgeschlagen – es war ein Witz aus dem Jahre 1686, als der Elbschwanenorden sich um die deutsche Sprache bemühte. Goebbels errang indes noch einmal viel Beifall. Sogar die Herren Staatssekretäre grüßten mich nicht mehr. „Mit aller Sprachpflege“, schrieb ein Parteiblatt, „können wir keine einzige Granate drehen!“ (Blunck 1952, S. 562f.)

Ernsthaft durchsetzen will den Meuchelpuffer wohl kaum jemand. Eine Ausnahme mag jener Lehrer sein, von dem man 1950 liest:

Ein Remſcheider Volksſuhllehrer gab bekannt, er ſei am Werke, eine „Sprachmerze“ einzurichten, für die er Mitglieder wirbt. Sein Ziel iſt es, „Fremdwörter aus der deutſchen Sprache zu merzen“. So ſchlägt er für „Revolver“ ſehr hübſch „Meuchelpuffer“, für „Automobil“ die auch ganz niedliche Bezeichnung „Zerknalltreibling“ vor. (Mackensen 1950, S. 112)

Der Meuchelpuffer lebt weiter – die einen halten ihn den anderen vor, die anderen erklären, dass sie damit doch gar nichts am Hut hätten. Dabei ist es wohl nicht so wesentlich, ob die Behauptungen immer der Wahrheit entsprechen – der Meuchelpuffer ist die Pointe, alles andere tritt dann schnell in den Hintergrund. Wenn etwa Jess Jochimsen mit „faschistischem Ursprung“ (siehe Teil 1) die NS-Zeit meinen sollte, scheint er damit wohl daneben zu liegen. Und auch Bluncks Hinweis auf den Elbschwanenorden und das Jahr 1686 kann ich nicht nachvollziehen – wie wir gesehen haben, hat von Zesen den Meuchelpuffer schon 1645 verwendet, und wenn man Wikipedia (und noch einigen anderen Quellen) glauben darf, hat der Elbschwanenorden überhaupt nur bis 1667 existiert. Auch ob Campe den Meuchelpuffer tatsächlich in die erste Ausgabe seines Verdeutschungswörterbuchs aufgenommen hat und ob Jahn ihn tatsächlich vorgeschlagen hat, müsste noch endgültig geklärt werden. Auf der englischen Wikipedia-Seite zu Campe wird diesem der Meuchelpuffer derzeit fälschlicherweise noch untergejubelt (Stand: 15.06.2011).

In den hier gezeigten Belegen wird der Meuchelpuffer nicht ein Mal tatsächlich als Verdeutschung verwendet, sondern es geht immer um das Wort an sich. Auch wenn man die heutigen Google-Ergebnisse überfliegt (ich habe nicht alle 7250 Treffer tatsächlich ausgewertet), handelt es sich fast immer um einen metasprachlichen Kontext. Von daher ist es schon etwas seltsam, wenn man im OpenThesaurus liest, dass Meuchelpuffer ein „veraltetes“ und „umgangssprachliches“ Synonym für Pistole sei – das „Veralten“ setzt doch zumindest eine frühere, häufigere Verwendung voraus, und ob man davon wirklich sprechen kann, wage ich doch zu bezweifeln. Und wenn das Wort auch in Bodo Mrozeks Lexikon der bedrohten Wörter auftaucht, kann man doch fragen, ob „bedroht“ hier die richtige Kategorie ist.

Ich jedenfalls denke, dass man am Ende dieser Ausführungen sicher sein kann, dass der Meuchelpuffer auch noch die kommenden Jahrhunderte überdauern wird. Bedarf an kuriosen Wörtern wird immer bestehen, und ob der Klapprechner ein würdiger Nachfolger als Meuchelpuffer des dritten Jahrtausends werden kann, wird sich erst noch zeigen.

Literatur und Links (alle Internetseiten wurden zuletzt am 14.06.2011 kontrolliert):

Wörterbücher

  • Campe, Joachim Heinrich: Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke. Neue starkvermehrte und durchgängig verbesserte Ausgabe. Braunschweig 1813. [Digitalisat.] [1. Ausgabe 1801.]
  • Engel, Eduard: Verdeutschungsbuch. Ein Handweiser zur Entwelschung für Amt, Schule, Haus, Leben. 5., durchges. u. stark verm. Aufl. Leipzig o. J. [Einleitung datiert 1928.]
  • Mrozek, Bodo: Lexikon der bedrohten Wörter. Bd. II. Reinbek b. Hamburg 2006.
  • OpenThesaurus. Internet: http://www.openthesaurus.de/.