Die Kollegen vom Blog neusprech.org haben kürzlich den Grimme Online Award 2011 erhalten — dafür an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch; schön, dass ein Blog mit sprachlichem Thema verdientermaßen gewürdigt wurde. Der derzeit letzte Post auf neusprech.org (vom 28. Juni) behandelt das Wort Frauen-WM, das momentan ja in vieler Munde ist. Das Wort sei abwertend und drücke aus, dass die Frauen oder deren Leistung (so genau wird das aus dem Satzbau nicht klar) als unwürdig erachtet werde(n). Auch im folgenden Eintrag will ich mich mit der Frauen-WM beschäftigen, allerdings nicht so sehr mit der Konnotation. Dazu nur folgende Anmerkungen meinerseits: Ja, das Wort Frauen-WM ist diskriminierend — im neutralen Sinne des Wortes wird damit die WM der Frauen von der WM der Männer unterschieden. Ist das damit automatisch gleich eine Herabwürdigung? Hier kann ich nur für mich selbst sprechen, aber ich empfinde das nicht so. Wer ein Wort oder eine Veranstaltung als herabürdigend versteht, nur weil ein Bezug auf eine bestimmte Personengruppe dabei genannt wird, der müsste auch die Paralympics als abwertend erachten — warum denn nicht einfach nur Olympia (danke für den Hinweis, Pia)? Etwas überspitzt könnte man das auch für den Frauenarzt sagen. Die Art und Weise, wie ein Wort empfunden wird, ist aber natürlich von Person zu Person unterschiedlich, und auch unten werde ich auf einen vergleichbaren Aspekt zu sprechen kommen.

Was mich im Folgenden interessiert, hängt lose mit diesem Thema zusammen: Ich habe mich gefragt, ob die Frauenfußballweltmeisterschaft eigentlich wie in (1) dargestellt eine Weltmeisterschaft im Frauenfußball ist (oder so wahrgenommen wird) oder wie in (2) eine Fußballweltmeisterschaft der Frauen — linguistisch gesprochen, interessiere ich mich also für die Konstituentenstruktur dieses Wortes:

Dabei wäre nach meinem Empfinden die Wortbildung (1) tendenziell negativ konnotiert, da das Wort Frauenfußball in meinen Augen nahelegt, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen der Art und Weise, wie Frauen spielen, und derjenigen, wie Männer spielen, gebe. Das kann ich nach dem, was ich von der laufenden WM gesehen habe, nicht bestätigen. Andere, wie etwa Dudens Großes Wörterbuch der deutschen Sprache (3. Aufl.), mögen das Wort Frauenfußball auch unmarkiert als „von Frauenmannschaften gespielter Fußball“ beschreiben. Die Wortbildung (2) dagegen empfinde ich als neutral: Sie drückt aus, dass dieser Wettbewerb von Frauen bestritten wird und nicht von Männern, was aber keine Aussage über die Qualität des Sports darstellt.

Jetzt hätte ich natürlich mal wieder gerne ein Corpus, das verlässliche Abfragen erlaubt und richtig aktuelle Texte enthält. Schade, dass es so etwas nicht gibt, daher weiche ich auf Google und COSMAS aus, wobei bei der erstgenannten Quelle die Verlässlichkeit der Abfrage zweifelhaft ist und bei der zweiten Quelle die Aktualität nicht gegeben ist (keine Texte von 2011, wodurch der ganz aktuelle WM-Hype nicht abgebildet wird, der in Google natürlich umso sichtbarer ist). Dennoch können die folgenden Zahlen hoffentlich einen kleinen, nicht allzu verzerrten Eindruck geben.

Der einfachste Weg wäre natürlich eine Suche nach Frauenfußball-Weltmeisterschaft zum einen und Frauen-Fußballweltmeisterschaft zum anderen. Das ergäbe mit der Google-Suche 346.000 Treffer für die erste und 231.000 Treffer für die zweite Suche – anscheinend also mehr für den Frauenfußball. Aber leider (in diesem Fall, wegen der aufwendigen Aufarbeitung) stellt die deutsche Sprache noch eine ganze Reihe anderer, möglicher Bezeichnungen und Umschreibungen zur Verfügung, die noch dazu mit Bindestrichen an den unterschiedlichsten Stellen verbunden sein können. Interessant ist außerdem, ob nur der Frauen- oder auch der Männerwettbewerb mit dem Geschlecht benannt und zwischen Frauen- oder Damen- und Männer- oder Herren-WMs unterschieden wird. Insgesamt ergibt das dann in etwa folgendes Bild bei der Google-Suche ohne Einschränkung (mit X als Variable für Frauen, Damen, Männer oder Herren):

Frauen Damen Männer Herren
„Xfußball-weltmeisterschaft“ 346.000 1.930 270 9
„Xfußball-WM“ 2.430.000 17.000 2.780 453
„weltmeisterschaft im Xfußball“ 60.400 175 27 80
„X-fußballweltmeisterschaft“ 231.000 1.700 328 152
„fußballweltmeisterschaft der X“ 688.000 38.800 34.300 17.800
„fußball-weltmeisterschaft der X“ 883.000 15.000 164.000 19.900
„X-weltmeisterschaft“ fußball 374.000 11.200 5.780 1.350
„Xweltmeisterschaft“ fußball 27.700 259 87 115
„X-WM“ fußball 8.550.000 108.000 57.300 40.700
Summe 13.590.100 194.064 264.872 80.559

Die Frauen (+ Damen) führen also insgesamt deutlich, die Männer (+ Herren) werden lange nicht so oft explizit mitgenannt. Wer hierin schon eine Abwertung sehen möchte, kann sich an dieser Stelle bestätigt fühlen. Bei allen Variablen wird am häufigsten die abgekürzte Variante X-WM verwendet. Die Bedeutungsvariante ‚Frauenfußball‘, die in den ersten drei Zeilen aufgeführt ist, erreicht insgesamt nicht so viele Treffer wie die Bedeutungsvariante ‚Weltmeisterschaft der Frauen‘, die bei Zeile vier beginnt (es ist jedoch nicht ganz klar auszumachen, wie Google mit den Bindestrichschreibungen umgeht). Dabei ist allerdings die Frauenfußball-WM überaus zahlreich vertreten und wird nur von der Frauen-WM überholt. Offiziell heißt die Veranstaltung übrigens FIFA Frauen-Weltmeisterschaft; den expliziten Hinweis auf den Fußball kann man sich wohl aufgrund der Popularität dieser Sportart sparen, implizit ist er im Akronym FIFA (Fédération Internationale de Football Association) enthalten. Dieser offizielle, wenn auch etwas längliche Titel ist aber sicherlich mit für die Häufigkeit der analogen, abgekürzten Formulierung verantwortlich.

Bei einer COSMAS-Suche ohne Einschränkungen stellt sich das Ergebnis folgendermaßen dar:

Frauen Damen Männer Herren
„Xfußball-weltmeisterschaft“ 194 1 0 0
„Xfußball-WM“ 289 4 0 0
„weltmeisterschaft im Xfußball“ 15 0 1 0
„X-fußballweltmeisterschaft“ 16 3 1 0
„fußballweltmeisterschaft der X“ 9 1 0 1
„fußball-weltmeisterschaft der X“ 58 0 7 1
„X-weltmeisterschaft“ /s0 fußball 4 0 0 0
„Xweltmeisterschaft“ /s0 fußball 1 0 0 0
„X-WM“ /s0 fußball 25 4 0 0
Summe 611 13 9 2

Auch hier kaum Belege für Männer- oder Herrenweltmeisterschaften, die Frauen werden deutlich häufiger genannt. Zwischen den beiden Quellen gibt es aber durchaus Unterschiede, wie der Vergleich der prozentualen Anteile jeder Formulierung zwischen Google (blau) und COSMAS (rot) zeigt:

Insbesondere ist bei den COSMAS-Texten der Anteil der Frauenfußball-Weltmeisterschaft und auch der Frauenfußball-WM deutlich höher als in Google. Wenn meine Empfindung, dass diese Wortbildung eher pejorativ ist, verallgemeinerbar wäre, hieße das also, dass in den Sportredaktionen mehr Machos, die Fußball von Frauen für schlechter als den von Männern halten, säßen als vor den sonstigen Interneteingabegeräten dieser Welt, wo die Leute nicht vom Frauenfußball, sondern von der Frauen-WM reden und schreiben. Die abgekürzte Form Frauen-WM ist bei COSMAS, im Gegensatz zu Google, kaum belegt. Es sei aber noch einmal daran erinnert, dass die COSMAS-Texte nur bis zum Jahr 2010 gehen. (Die Schreibungen X-Fußball-Weltmeisterschaft und X-Fußball-WM, die ebenfalls belegt sind, werden nicht aufgelistet, da bei diesen nicht deutlich wird, ob die Betonung eher auf dem Frauenfußball oder auf der Frauen-WM liegt. Beim Vergleich der Variablen Damen, Männer und Herren ist darauf zu achten, dass die absoluten Zahlen hier sehr niedrig sind.)

Was die Konstituentenstruktur des Wortes Frauenfußballweltmeisterschaft angeht, so sind die Verhältnisse allerdings unklar. Den absoluten Vergleich von Frauenfußball-Weltmeisterschaft und Frauen-Fußballweltmeisterschaft gewinnt die erstere. Da die Mehrzahl der Umschreibungen aber die zweite Bedeutung ‚Weltmeisterschaft der Frauen‘ stützen, würde ich davon ausgehen, dass auch beim Kompositum Frauenfußballweltmeisterschaft die „kognitive“ Konstituentenstruktur überwiegend zur zweiten Lesart tendiert.