Es ist fast ein Jahr her, dass ich den Eintrag mit dem Titel ficken veröffentlich habe — es wird Zeit, dieses Thema hier (mit einer entsprechend klickfreudig formulierten Überschrift) mal wieder aufzugreifen:

Vor rund drei Monaten schrieb die New York Times einen interessanten Artikel darüber, wie Wörterbücher von amerikanischen Richtern verwendet werden: „Justices Turning More Frequently to Dictionary, and Not Just for Big Words„. Selbst für Lexikographen ist dies befremdlich. Via OnzeTaal ist mir nun ein Fall untergekommen, in dem auch in Deutschland ein Wörterbuch quasi als Zeuge aussagen musste: Es ging darum, ob die Wortmarke „Ficken“ (der eine oder die andere mag das alkoholhaltige Getränk dieses Namens bereits im Laden gesehen haben) ins Markenregister aufgenommen werden sollte bzw. könnte. Die Markenstelle des Bundespatentamtes sagte Nein, da dies gegen die guten Sitten verstieße. Die Richter aber sagten Ja. In der Urteilsbegründung vom 3. August 2011 wird unter anderem ausgeführt:

Anhaltspunkte dafür, dass das Zeichen [der Ausdruck „ficken“; MM] jedoch in Verbindung mit den beanspruchten Waren geeignet wäre, das Scham- und Sittlichkeitsempfinden eines erheblichen Teils der durch sie angesprochenen durchschnittlichen allgemeinen Endverbraucher in völlig unerträglicher Art und Weise zu verletzen, sind dem Senat im Rahmen seiner Recherche nicht bekannt geworden. Deren Ergebnisse zeichnen vielmehr ein anderes Bild: Bereits die Markenstelle hat darauf hingewiesen, dass das angemeldete Markenwort im „DUDEN“ verzeichnet ist (vgl. DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch, 3. Aufl., S. 505; DUDEN, Die deutsche Rechtschreibung, 25. Aufl. 2009, S. 435). Dem der Vulgärsprache entstammenden Markenwort bedienen sich Kommunizierende aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten und Altersklassen: Es ist Bestandteil einer Reihe von Titeln auf deutschen Bühnen gespielter Theaterstücke sowie mehrerer Film- und Buchtitel. […] Bei dieser Sach- und Rechtslage kann der angegriffene Beschluss der Markenstelle keinen Bestand haben. (S. 5f.)

So ganz klar ist mir aber nicht, warum an dieser Stelle der Duden genannt wird (oder auch jedes andere Wörterbuch). Soll das bedeuten, dass Wörter, die im Wörterbuch stehen, das „Scham- und Sittlichkeitsempfinden“ nicht verletzen können? Dass dieses konkrete Wort von „Kommunizierende[n] aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten und Altersklassen“ verwendet wird? Explizit genannt werden im Wörterbuchartikel „Soldatenspr., Jugendspr.“ bei Lesart 2a ‚hart herannehmen‘. Jedoch ist diese Aussage zur Wortverwendung durch den Satzanschluss mit Doppelpunkt eher mit der folgenden Auflistung von Buchtiteln und Theaterstücken verbunden als mit dem Duden. Ging es vielleicht eher darum, zu belegen, dass ficken nicht geschlechtsspezifisch diskriminierend ist? Denn:

Ein unerträglicher Verstoß gegen das sittliche Empfinden ist dann anzunehmen, wenn die angemeldete Marke über eine bloße Geschmacklosigkeit hinaus sexuelle Aussagen enthält, die massiv (z. B. geschlechtsspezifisch) diskriminierend und/oder die Menschenwürde beeinträchtigend sind bzw. ernsthaft so verstanden werden können […]. (Urteilsbwegründung, S. 5)

Zumindest eine geschlechtsspezifische Diskriminierung ließe sich mit dem Duden widerlegen, der Beispielsatz aus Lesart 1b ist da ganz eindeutig: „eine Frau/einen Mann f.“ (Duden, Universalwörterbuch, 5. Aufl. 2003). Beim einstmals auch vor Gericht verhandelten Busengrapscher sieht die Sache anders aus: Der steht zwar auch im Duden, bezeichnet aber eindeutig Geschlechtsspezifisches: „männliche Person, die eine Frau durch Busengrapschen sexuell belästig“ (Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, 3. Aufl. 1999). Vermutlich deswegen gibt es auch keinen Schnaps dieses Namens.

In jedem Fall ist das schon eine interessante Auswahl, die die Richter hier zur Urteilsfindung getroffen haben: Duden, Buch- und Filmtitel und Theaterstücke. Auch in dieser Hinsicht zeigt das Thema „Sprache und Recht“ spannende Seiten. Die letztendliche Antwort auf die Frage, wozu genau der Duden hier gedient hat, kann in dieser Sitzung aber leider nicht ermittelt werden. Das Lexikographieblog vertagt sich daher und wird diese causa bei Gelegenheit wieder aufgreifen.