Die Wahl von Stresstest zum Wort des Jahres 2011 (Pressemeldung der GfdS) konnte eigentlich mittlerweile an niemandem mehr unbemerkt vorbeigehen. Tatsächlich ist das Wort in diesem Jahr groß herausgekommen, die Anzahl der Treffer in Google-News hat sich im Vergleich mit 2010 etwa verfünffacht. Die Anwendungsmöglichkeiten sind ebenfalls vielfältig (oder haben sich vervielfältigt), wie schon in der Pressemeldung und in etlichen Zeitungsmeldungen zu lesen. Ausgehend von der Humanmedizin wurden 2011 unter anderem stressgetestet:

Banken, Atomkraftwerke, Stuttgart 21, Computer-Infrastrukturen (simulierter Hackerangriff), Astronauten (simulierter Marsflug), Schüler, Studenten, Stromnetze, Gewässer, Mikroorganismen … Wer bei Google News noch etwas weiterstöbert, findet mit Sicherheit noch einiges mehr.

Auch ein Kabarettprogramm zum Wort des Jahres gibt es schon: Arnulf Rating ist mit Stresstest Deutschland unterwegs. Und für die Wahl zum Anglizismus des Jahres ist der Stresstest (engl. stress, engl. test, engl. stress test) ebenfalls bereits nominiert.

Gut möglich (aber noch reine Spekulation), dass er da auch ein Stück weit kommt. Mir ist das Wort tendenziell sympathisch, und zwar aus einem Grund, der in der Pressemeldung oder den Zeitungsberichten gar nicht genannt wird: die Aussprache. Die beiden Konstitutenten reimen sich (fast) mit sich selbst, das erste /t/ von Test ergänzt das /εs/ von Stress zu einer gleichen Lautabfolge, das /t/ im Stress rahmt das alles ein und das /r/ sorgt dann gerade noch für die richtige, runde, rollende Abwechslung: Stresstest.

Bevor das aber zu einer Hymne ausartet: Es gibt nichts ohne einen kleinen Wermutstropfen, wie auch die FAZ schreibt: Wenn inzwischen alles stressgetestet wird, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird der Stresstest schnell zu einem trendigen Synonym für Überprüfung, Kontrolle, Begutachtung u.a.m. und verliert die Eindringlichkeit, die dieses Wort zumindest einmal besessen hat. Und dann geht’s wie mit jedem hippen Accessoire: Wenn’s erstmal jeder kennt, hat und macht, isses langweilig. Ist natürlich schon etwas fies: Wird ein Wort kaum gebraucht, ist es uninteressant, aber wenn es zu oft gebraucht wird, bin ich auch wieder nicht zufrieden. Nun ja — abwarten, nicht dass mir mal jemand vorwerfen kann: Der Pickel, der kommt, weil du dich zu sehr stresstest.