Der heutige Kandidat ist Post-Privacy, also die offensichtlich englische Bezeichnung des Konzepts einer Zeit und Gesellschaft „nach“ der Privat- oder Intimsphäre, oder, mit anderen Worten: ohne Privat- oder Intimsphäre.

Werfen wir zunächst einen Blick ins Englische. Dort ist der Ausdruck nicht ganz neu, umso erstaunlicher ist es auf den ersten Blick, dass es gar keinen entsprechenden Wikipedia-Eintrag dafür gibt (Stand: 27.01.2012). Auch im Corpus of Contemporary American English (Texte von 1990 bis März 2011) sieht es mager aus, alle vier Treffer darin sind vergleichbar mit diesem hier:

Most online companies post privacy policies, but making sense of them can be taxing. (Washington Post, 16.05.2001)

Nicht das, was ich gesucht hatte. Warum kann ich dann behaupten, der Ausdruck sei nicht ganz neu? Über Google Books werde ich doch noch fündig: Der früheste dort ermittelbare Beleg für den Ausdruck post privacy in einer Verwendung, die ich für den vorliegenden Fall als adäquat ansehe, stammt aus dem Science-Fiction-Roman The World Inside von Robert Silverberg, dessen erstes Kapitel, A Happy Day In 2381, schon 1970 vorabgedruckt wurde. Daraus folgender Ausschnitt, in dem es auch gleich ganz plastisch-drastisch zur Sache geht:

Principess says, „Do you prefer that we use the shield when we excrete? I understand some outbuilding people do.“
„I would not want to impose my customs on you,“ says Gortman.
Smiling, Mattern says, „We’re a post-privacy culture, of course. But it wouldn’t be any trouble for us to press the button it –“ He falters. „There’s no general nudity taboo on Venus, is there? I mean, we have only this one room, and-“ (Snippet in Google Books)

Auch später in The World Inside wird der Ausdruck noch einmal aufgenommen: „We live in what we call a post-privacy culture“ (Snippet). Wundern würde es mich nicht, wenn der Ausdruck post privacy zuerst von einem Science-Fiction-Autor erdacht worden wäre (das Konzept ist ja schon älter, man blicke zurück über Orwell bis an den Anfang der Utopien und Dystopien), mit Sicherheit feststellen kann ich dies hier natürlich nicht. Durch Silverberg wird aber jedenfalls auch die Literatur- und Sozialwissenschaft auf den Ausdruck aufmerksam: Snippet (1979), Snippet (1983), Snippet (1983), und dann … dann passiert, zumindest wenn man Google Books glauben darf, erstmal eine Weile nichts Neues mehr. Erst kurz nach der Jahrtausendwende finde ich wieder verifizierbare Belege für die Verwendung des Ausdrucks im hier gemeinten Sinn, größtenteils in Sachbüchern, selten auch in der Belletristik (Beispiel 2001, Beispiel 2002, Beispiel 2003, Beispiel 2004). Ob man sich hier auf Silverberg beruft oder der Begriff erneut geprägt wird, ist nicht ganz klar. Ab 2006 kommen dann ein paar mehr Belege, aber auch nur eine Handvoll pro Jahr. Die sehr überspitzte und ganz handfeste Vorstellung aus Silverbergs Text, in dem selbst die Toiletten keine Wände mehr haben, weicht der gesellschaftlich aktuelleren Frage elektronischer Überwachungstechnologien und des Datenschutzes.

In Google News sieht es nicht sehr anders aus: Nur ganz vereinzelte Treffer (etwa 2008 und 2010) sind zu finden, und wenn man dann (im englischsprachigen Google News) für 2011 sucht, erscheint gleich auf der ersten Trefferseite ein Artikel aus Deutschland, und die nächsten drei Seiten sind dann rein deutsch. Man bekommt fast den Eindruck, dass der Ausdruck eher im deutschen Raum verwendet wird als im englischen (oder dass das Problem eher hierzulande diskutiert wird) — ein Pseudoanglizismus ist er aber jedenfalls nicht, wie ja oben gezeigt.

Die „normale“ Google-Suchmaschine schließlich ist großzügiger: Fundstellen für „post privacy“ auf englischen Seiten sind im sechsstelligen Bereich — allerdings (i) kann ich die nicht alle nach Falsch-Positiven (etwa solche wie im ersten Zitat oben) durchsuchen und (ii) zeigt sich zwar auch im zeitlichen Vergleich ein starker Anstieg in absoluten Zahlen für 2011, aber man weiß ja nichts über die Grundlage. Der Vergleich der Entwicklung von go und see (in ihren Flexionsformen) von 2010 zu 2011 mit post privacy zeigt sogar, dass post privacy nicht ganz so stark steigt wie diese Allerweltswörter — wenn man das denn vergleichen kann.

Kommen wir damit zum Deutschen. Auch hier sieht die Situation in den Corpora mau aus: Via Cosmas lassen sich vier Zeitungstexte ermitteln, alle aus dem Jahr 2011, alle aus der Rhein-Zeitung, und bei genauerem Hinsehen sind es eigentlich nur zwei Texte, die an unterschiedlichen Tagen je zweimal abgedruckt wurden. Bei Google Books finden sich die ersten Treffer in den frühen 2000ern, wobei sie sich bis 2008 ausschließlich auf einen 2002 in englischer Sprache erschienenen Beitrag zu einem Sammelband beziehen (Joshua Meyrowitz: Post-privacy America), dann gibt es eine Lücke bis 2011, wo das Buch von Christian Heller: Post Privacy: prima leben ohne Privatsphäre, erschienen ist.

Bei Google News gibt es gar keine Treffer vor 2010, im Jahr 2010 dann vier Treffer und 2011 immerhin 59 Treffer — prozentual ein satter Anstieg, in absoluten Zahlen … naja. Alleine für Privatsphäre finden sich für 2011 mehr als 10000 Treffer — mal so im Vergleich. Und im „restlichen Internet“? Der früheste verifizierbare Beleg, den ich gesehen habe, stammt aus dem November 2007: Post-Privacy als Utopie? (die Seite des bereits erwähnten Christian Heller hat den Untertitel „Enjoying das Zukunft“ und sollte alleine dafür mit irgendeinem Preis belohnt werden). Der Bezug lag im Deutschen von Anfang an auf dem Aspekt des Datenschutzes, insbesondere im Zusammenhang mit staatlicher Überwachung (Vorratsdatenspeicherung) und Internetaktivitäten (soziale Netzwerke).

Was die Zahlen der Google-Suchmaschine angeht: Auch hier, wie bei den englischen Zahlen, ein deutlicher Anstieg der absoluten Trefferzahlen von 2010 (rd. 24000) zu 2011 (rd. 74000), im Vergleich mit der Entwicklung von gehen und sehen von 2010 zu 2011 sogar ein etwas höherer Anstieg (Faktor 3,1) als bei diesen Kontrollwörtern (Faktor 1,6 bzw. 1,9). Mag man von halten, was man will (insbesondere auch, weil man bei der Google-Jahreszuordnung schon einigermaßen gutgläubig sein muss — um genau zu sein: sie stimmt einfach sehr häufig nicht). Ach ja: Die Suche nach Privatsphäre für 2011 mit Google ergibt angeblich kaum vorstellbare 61 Millionen Treffer (Seiten auf Deutsch).

Nach diesen Zahlen — und andere habe ich nicht –, also rein quantitativ, sprechen die Verhältnisse m.E. kaum für Post-Privacy. In den traditionellen Medien kaum genutzt (hier kann ich Adrien, der das Wort vorgeschlagen hat, nicht ganz zustimmen), in der Blogosphäre schon, aber ohne den durchschlagenden Anstieg im vergangenen Jahr. Dennoch bezeichnet dieser Ausdruck einen Sachverhalt, der allen, die in den vergangenen Monaten mit auch nur einem Funken Bewusstsein und Interesse für die Problematik der Datensicherheit und des Datenschutzes im Internet unterwegs waren, bekannt sein dürfte. Das lag natürlich nicht unwesentlich an Facebook — obwohl deren letzte massive Änderung der Privatsphäreeinstellungen bereits zwei Jahre zurückliegt, aber 2011 kam immerhin noch die Gesichtserkennungsfunktion. Außerdem kam 2011 Google+ und eine „Vereinigung der post-privacy Spackessen und Spackos“ mit dem Namen Die datenschutzkritische Spackeria, die sich auch am CCC und der Piratenpartei gerieben hat (wovon Späne im Internet landeten). Also: Es war schon etwas los, aber so richtig geezündet hat der Ausdruck Post-Privacy trotzdem noch nicht.

Immerhin — einen Wikipedia-Artikel gibt es, im Gegensatz zum Englischen, wenn auch erst seit November 2011 (Adrien hatte bereits darauf hingewiesen). Geschrieben findet man den Ausdruck im übrigen häufig mit Bindestrich, manchmal auch mit Leerzeichen und auch zusammengeschrieben. Sehr häufig kommt er außerdem ohne einen Artikel vor, wie in

Deswegen wollen wir eine Diskussion über Post-Privacy anstoßen, als Flucht nach vorne (spiegel.de),

nach meinem Eindruck wesentlich seltener auch mit Artikel wie in

Die Post-Privacy, die es uns erlaubt, einander zu finden, muss nicht total sein. (Auszug aus dem oben erwähnten Buch von Christian Heller)

Jedenfalls deutet die Großschreibung auch ohne Artikelverwendung darauf hin, dass der Ausdruck als Substantiv empfunden wird, der Artikel ist natürlich feminin (wie die Privatheit oder -sphäre), wobei aber — wie im Fall der zitierten „post-privacy Spackessen und Spackos“ — auch eine Verwendung als unflektiertes Adjektiv denkbar ist. In Orthographie und Grammatik ist das Wort also noch etwas schwer zu beurteilen. Auch die Aussprache ist uneinheitlich, man findet sowohl die deutlich englische Aussprache (Beispiel), aber auch eine Integration des Erstelements Post kann beobachtet werden (Beispiel). (Ich erspare mir und uns jetzt eine ausschweifende Erläuterung, dass Post als Erstelement in vielen Wörtern wie Postmoderne, Poststrukturalismus, … vorkommt, aber das bedeutet ja immerhin, dass dieses Muster im Deutschen bekannt ist.)

Mein abschließender Eindruck: Ich halte den Ausdruck für ein Schlagwort, das im Diskurs um die entsprechende Problematik einen gewissen Stellenwert hat, aber ich sehe wenig Chancen, dass sich das Wort wirklich flächendeckend etabliert. Einen Vorteil hat es aber: Zwar findet man für Formulierungen wie „Ende der Privatheit/Privatsphäre/Intimsphäre“ gleich auf Anhieb 27 Treffer zwischen 1995 und 2010 im DeReKo — nicht viele, aber mehr und älter als Post-Privacy im Deutschen –, aber diese Ausdrücke sind doch etwas sperrig und lassen sich auch nicht als Adjektiv oder Erstglied in Zusammensetzungen verwenden. Knackige deutsche Alternativausdrücke sind mir nicht bekannt. Vielleicht hilft der Post-Privacy diese schlagworttypische Eigenschaft doch über meine Bedenken hinweg.