Es ergibt sich ja selten die Gelegenheit, an einem 29. Februar einen Beitrag zu veröffentlichen, und daher will ich mir das heute nicht entgehen lassen. Das Thema liegt nahe: Die Schaltterminologie. (Mit der Frage, wie und warum das Schaltjahr stattfindet, haben sich schon genügend andere beschäftigt.)

2012 ist ein Schaltjahr. Der 29. Februar ist ein Schalttag. So weit, so gut. Interessant wird es, wenn man sich die Bedeutung der jeweiligen Wörter etwas genauer ansieht: Das Schaltjahr (schon ahd. scaltjār) heißt so, weil hier ein Tag eingeschaltet wird. Der Schalttag heißt so, weil er eingeschaltet wird. Beim Schaltjahr bezeichnet also das Grundwort, das Jahr, das Ziel, in das etwas eingeschaltet wird und das dadurch verändert wird; beim Schalttag bezeichnet das Grundwort, Tag, das Element, das eingeschaltet wird.

Dies ist jedenfalls die heute geläufige Lesart. Wenn man sich frühere Quellen ansieht, geht alles noch etwas mehr durcheinander. So liest man etwa in Adelungs Grammatisch-Kritischem Wörterbuch:

Das Schaltjahr, des -es, plur. die -e, in der Chronologie und dem Kalenderwesen. 1) Ein Jahr, welches in die Reihe mehrerer Jahre über die gewöhnliche Zahl eingeschaltet wird. Am gewöhnlichsten, 2) ein Jahr, welches durch einen Schalttag um einen Tag länger gemacht wird, in welches ein Tag eingeschaltet wird. (Adelung, Schaltjahr)

Auch das Schaltjahr kann (oder konnte) also dasjenige sein, das eingeschaltet wurde, etwa (paraphrasiert) im folgenden Zitat:

Ungeachtet nun Hr. von L. eigentlich wegen der Bestimmung des Sterbjahrs Christi bemühet gewesen, so hat er doch Anlaß genommen, sein unter Caligula eingeschaltetes Jahr, und das daher entstehende neue System mit den übrigen Jahrrechnungen zu vergleichen. (Allgemeine deutsche Bibliothek, 1769)

Darüber hinaus gibt es noch den Schaltmonat, der insbesondere in Mondkalendern wichtig ist, um die Übereinstimmung mit dem Sonnenkalender wieder herzustellen. Auch hier werden also einige Tage (= ein Monat) eingeschoben. Wohl um eine Verwechslung mit der herkömmlichen Bedeutung von Schaltjahr zu vermeiden, schreibt das Deutsche Wörterbuch:

SCHALTMONAT, m.: schalt – monat ist nicht sowohl das monat, worinnen alle vier jahr ein tag eingeschaltet wird, als der februarius, sondern mensis embolismicus seu embolimaeus, oder in einem monden-jahr der dreyzehnde monat, so über die gewöhnliche zahl eingeschoben wird. (DWB, Schaltmonat)

Außerdem haben wir auch noch die Schaltsekunde, die immer mal wieder — so auch Ende Juni 2012, vgl. Wikipedia — bemüht wird, um kleinere Abweichungen zu korrigieren. Dudens Großes Wörterbuch der deutschen Sprache gibt dazu folgende Bedeutung an:

Sekunde, die eingeschaltet od. ausgelassen wird, um die bürgerliche Zeit an die astronomische Zeit anzugleichen. (Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden. 3., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. Mannheim [etc.] 1999, s.v. Schaltsekunde)

Hier bedeutet das Schalt- in Schaltsekunde offensichtlich, dass die Sekunde nicht nur hinzugefügt, sondern auch weggelassen, sozusagen „ausgeschaltet“ werden kann. Eine nicht sehr übliche Bedeutung, würde ich doch einmal konstatieren, die hier wohl nur im Kontext der Zeitanpassung gesehen werden kann.

Schließlich finden sich auch noch das Schaltjahrhundert und das Schaltjahrtausend. Ersteres u.a. im Deutschen Wörterbuch als „übertragen, bezeichnung eines sehr groszen zeitraums“ (DWB, Schaltjahrhundert, mit Verweis auf Jean Paul), aber sowohl in älteren als auch in neueren Texten auch mit der konkreten Bedeutung des glatt durch 400 teilbaren Jahres, das ein Schaltjahr ist (im Gegensatz zu den anderen durch 100 teilbaren Jahren, die keine Schaltjahre sind; ich verweise hier auf die Erklärung hinter dem Link im ersten Absatz). Das Schaltjahrtausend steht in keinem meiner Wörterbücher, funktioniert aber ähnlich und Belege findet man ebenfalls in den soeben verlinkten Texten.

Schalt- plus Zeiteinheit heißt dann sehr frei ausgedrückt: Zeiteinheit, die (Schaltjahr, Schaltjahrhundert) oder um die (Schaltmonat, -tag, -sekunde, früher auch Schaltjahr) der normale Zeitverlauf zur Korrektur bzw. Anpassung an die astronomische Zeit verändert wird. Wie genau dann die Bedeutung im Detail ist, muss man für jedes Wort lernen bzw. dem Zusammenhang entnehmen.

Die Formulierung „um die bürgerliche Zeit an die astronomische Zeit anzugleichen“ aus dem Duden-Artikel zu Schaltsekunde findet man im übrigen ganz ähnlich bei Adelung schon:

Der Schalttag, des -es, plur. die -e, eben daselbst, ein Tag, welcher über die gewöhnliche Anzahl der Tage in der Zeitrechnung eingeschaltet wird, damit das bürgerliche Jahr mit dem astronomischen überein komme (Adelung, Schalttag).

Aber das mit der „bürgerlichen“ Zeit ist wieder ein anderes Thema.