Immer wieder mal, zuletzt am Montag in der Welt, hört man jemanden jammern, der Ausdruck Stundenkilometer sei (zumindest „physikalisch“) vollkommen verkehrt, da dieser Ausdruck „Stunden mal Kilometer“ bedeute und daher nicht das Gemeinte, nämlich „Kilometer pro Stunde“ bezeichne. Was soll man davon nun aus sprachwissenschaftlicher Perspektive halten? Ich könnte mir die Arbeit leicht machen und einfach behaupten, das sei Quatsch. Was es natürlich ist. Aber Quatsch mit einem Aber:

In der Physik gibt es nicht so wenige Einheiten, in denen bestimmte Phänomene gemessen werden, die mit wiederum anderen Einheiten zusammenhängen und daher mit diesen anderen Einheiten beschrieben und auch bezeichnet werden. Beispiele:

  • Amperesekunde (auch: Coulomb): „die elektrische Ladung, die innerhalb einer Sekunde durch den Querschnitt eines Drahts transportiert wird, in dem ein elektrischer Strom der Stärke von einem Ampere fließt“. Wenn man die Zeit bei gleicher Stromstärke auf zwei Sekunden verdoppelt oder wenn man die Stromstärke bei gleicher Zeit auf zwei Ampere verdoppelt, verdoppelt sich auch die Ladung, die fließt, also: Ampere mal Sekunde. (Bei der Amperestunde multipliziert mit 3600.) [s. Wikipedia]
  • Luxsekunde: Maßeinheit für die Belichtung, „das Produkt aus Lichtintensität (Beleuchtungsstärke, gemessen in Lux = lx) und Belichtungsdauer (in Sekunden = s)“. Mehr Lichtintensität oder längere Belichtungsdauer resultieren in einem höheren Ergebnis, also: Lux mal Sekunde. [s. Techniklexikon]
  • Newtonmeter: „das Drehmoment, das eine Kraft von einem Newton bei einem Hebelarm von einem Meter am Drehpunkt erzeugt“ bzw. „die Energie, die umgesetzt wird, wenn die Kraft von einem Newton über eine Wegstrecke von einem Meter Länge wirkt“. Mehr wirkende Kraft oder eine längere Wegstrecke resultieren in höherem Energieumsatz, also: Newton mal Meter. [s. Wikipedia]
  • Pascalsekunde: Einheit der dynamischen Viskosität, also der Zähflüssigkeit, zusammengesetzt aus Pascal („der Druck, den eine Kraft von einem Newton auf eine Fläche von einem Quadratmeter ausübt“, Wikipedia) und Sekunde, also aus Druck und Zeit. Je höher der Druck oder je länger die Zeit, desto höher ist die Viskosität, also: Pascal mal Sekunde. [s. Wikipedia]
  • Voltampere (unter bestimmten Voraussetzungen auch: Watt): „die elektromotorische Kraft, die bei einer Spannung von einem Volt (V) einen Strom von einem Ampere (A) verursacht“. Ist die Spannung größer oder soll eine höhere Stromstärke erreicht werden, muss auch die Kraft größer sein, also: Volt mal Ampere. [s. itwissen.info]
  • Voltsekunde (auch: Weber): Einheit des magnetischen Flusses. Um es kurz zu machen: Volt mal Sekunde. [s. Wikipedia]
  • Wattsekunde (auch: Joule): Die Energie, die benötigt wird, um eine Sekunde lang die Leistung von einem Watt zu erbringen. Watt mal Sekunde. [s. Wikipedia]

Und nun die Stundenkilometer: Bezeichnung für die Anzahl an Kilometern, die in einer Stunde zurückgelegt werden. Verdoppelt man bei gleicher Zeit die Anzahl der Kilometer, so verdoppelt sich auch die Stundenkilometerzahl — man geht/fährt doppelt so schnell. Verdoppelt man aber die Zeit, die für eine gleichbleibende Strecke benötigt wird, so halbiert sich die Stundenkilometerzahl — man geht/fährt nur noch halb so schnell. Also Kilometer durch Stunde, oder, wie wir es alle kennen, pro Stunde.

Das ist nun keine bahnbrechend neue Erkenntnis, aber man sieht doch, dass der Ausdruck Stundenkilometer nicht in ein Schema passt, das der fest in seinem Beruf verankerte Physiker verinnerlicht hat. Das mag uns Sprachwissenschaftler etwas nachsichtig stimmen mit denjenigen, die „falsch“ oder „schlampig“ rufen. Das ist aber freilich kein Grund, zuzustimmen, dass Stundenkilometer tatsächlich falsch sei — denn die sprachkritischen Physiker führen hier schlicht eine unzulässige Übergeneralisierung eines Musters ihrer Fachsprache durch.

Vanilleeis bezeichnet im Grunde Eis, näher bestimmt durch den Geschmack, den dieses Eis hat. Ein Mondjahr bezeichnet im Grunde einen Zeitraum, ein Jahr, auf den Umlauf des Mondes um die Erde bezogen oder durch den Umlauf des Mondes bestimmt. Und unter der Geschwindigkeitsangabe Stundenkilometer ist im Grunde eine Distanz, eine Anzahl an Kilometern zu verstehen, die bestimmt und in Beziehung gesetzt wird durch die Zeit, die für deren Zurücklegung benötigt wird (normalisiert auf eine Stunde). Es gibt ziemlich viele Wörter im Deutschen, die so gebildet sind, dass ein Wort, das die Grundbedeutung trägt (das Grundwort), und ein weiteres Wort, das das Grundwort näher bestimmt (das Bestimmungswort) zusammengesetzt werden (üblicherweise in der Form Bestimmungswort+Grundwort). Auf Linguistisch heißt das Determinativkompositum, und dass bei Stundenkilometer zwei Einheitenbezeichnungen zu einem solchen Wort zusammengesetzt werden, ist ein seltener, aber offensichtlich nicht unmöglicher Fall. Nun sagt man vollständigerweise nicht „Die Geschwindigkeit beträgt 50 Kilometer“, man kann also hier das Grundwort nicht ohne das Bestimmungswort verwenden, letzteres ist obligatorisch. Das ist im übrigen auch der Fall bei der (Para-)Phrase Kilometer pro Stunde, wo der Phrasenkopf Kilometer vollständigerweise nicht ohne das (sonst häufig weglassbare) Attribut pro Stunde stehen kann. Das macht das Wort Stundenkilometer vielleicht zu einem speziellen Typ Determinativkompositum, aber es bleibt dennoch eines.

Nun stellt sich mir aber die Frage: Mit welcher Wortbildungsart wurden die Ausdrücke Amperesekunde, Newtonmeter, Voltampere etc. gebildet? Im Gegensatz zu den Determinativkomposita gibt es hier nicht ein Grund- und ein Bestimmungswort, denn eine Amperesekunde ist keine Zeiteinheit mit Bezug auf Strom und ein Newtonmeter ist keine Strecke in Bezug auf Kraft. Neben den Determinativkomposita unterscheidet man in der Wortbildung die Kopulativkomposita, das sind solche, bei denen die einzelnen Wörter, aus denen ein komplexes Wort zusammengesetzt wird, gleichberechtigt in die Gesamtbedeutung eingehen: Ein Dichterkomponist ist jemand, der sowohl Dichter als auch Komponist ist (aber nicht ein Komponist, der durch einen Dichter näher bestimmt wird). Es liegt also eine additive Beziehung der Bestandteile vor. Eine Strumpfhose hat etwas von einem Strumpf und etwas von einer Hose, ist aber keines so richtig (und sie ist auch im Grunde ihres Herzens keine näher bestimmte Hose). — Und eine Amperesekunde? Ein Newtonmeter?

Eine Amperesekunde ist nicht gleichzeitig ein Ampere und eine Sekunde, ein Newtonmeter nicht gleichzeitig ein Newton und ein Meter. Eine additive Beziehung im wörtlichen Sinne liegt daher nicht vor. Eher, um in der mathematischen Ausdrucksweise zu bleiben, eine multiplikative Beziehung. (Scherzindikator: Mir ist durchaus klar, dass man Bedeutungen nicht miteinander multiplizieren kann.)

Eine weitere denkbare Wortbildungsart ist die Zusammenrückung (oder: Konversion einer Wortgruppe), bei der nebeneinander stehende Wörter irgendwann als ein einziges Wort empfunden und dann entsprechend auch als ein Wort geschrieben werden (z.B. Vergissmeinnicht, Dreikäsehoch). Da das Ergebnis von, beispielsweise, 5 Newton mal 5 Meter üblicherweise nicht als 25 Newton mal Meter gesprochen oder geschrieben wird, sondern als 25 Nm (sprich: Newtonmeter), wo die Einheiten Newton und Meter direkt nebeneinander gerückt sind, tendiere ich dazu, auch die ausgeschriebenen (und -gesprochenen) Ausdrücke wie Newtonmeter, Amperesekunde etc. als Konversionen aus den entsprechenden Wortgruppen anzusehen.

Die unterschiedlichen Verwendungen und (abstrahierten) Bedeutungen von einem Ausdruck wie Stundenkilometer und einem Ausdruck wie Newtonmeter gehen also auch mit unterschiedlichen Wortbildungsarten einher. Bildung und Bedeutung der Wörter liegen jeweils andere Prinzipien zugrunde. Sprache, Sprecher und Sprachwissenschaft verfügen damit über die Mittel, sehr gut Stundenkilometer im Sinne von ‚Kilometer pro Stunde‘ (km/h) von einem oberflächlich gleichen (hypothetischen) Stundenkilometer im Sinne von ‚Stunden mal Kilometer‘ (hkm) unterscheiden zu können. Und vielleicht glauben sogar die Physiker mir jetzt auch.