Was ist die Ehe? Wenn man im Wörterbuch nachschlägt und, weil man Amerikaner ist, marriage eingibt, kann es passieren, dass man solch einen Eintrag zu lesen bekommt:

Diese Bedeutungserklärungen von Dictionary.com haben einen Amerikaner, Mike Raven, nun so geärgert, dass er eine Petition gestartet hat, die rasant steigende Unterzeichnerzahlen aufweist (derzeit über 78.000). Was ihn stört: Nicht, dass die Homo-Ehe der Hetero-Ehe hier faktisch gleich gestellt wurde (was mich auch nicht gewundert hätte, wenn es dagegen eine Petition geben würde). Sondern, dass die Homo-Ehe der Hetero-Ehe nur lieblos und halbherzig untergeordnet wurde:

Dictionary.com says that [marriage is] a “social institution under which man and woman establish their decision to live together as husband and wife by legal commitments, religious ceremonies, etc.” They then brush same-sex marriage off as “a similar institution involving partners of the same sex.” Because why should same-sex marriage get the detail and care that “traditional” marriage gets? They got a blurb right? Isn’t that enough? No. With it’s separate but „equal“ styled wording and placement, it is time they hear our voices and correct their definition. (Quelle: Petition)

Dabei kann Raven noch froh sein (wenn man so will), dass er bei Dictionary.com nachgeschlagen hat und nicht bei anderen Online-Wörterbüchern. So wird in zahlreichen Wörterbüchern unter marriage nur von „husband and wife“, nicht von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gesprochen, so im Chambers 21st Century Dictionary, Collins English Dictionary, Macmillan Dictionary, Oxford Advanced Learner’s Dictionary und Oxford Advanced American Dictionary; bei den Oxford Dictionaries liest man als Hauptbedeutung die mit „a man and a woman“ bzw. „husband and wife“, in einem Unterpunkt zu dieser Bedeutung heißt es dann: „(in some jurisdictions) a union between partners of the same sex.“

Eine in etwa gleiche Nebeneinanderstellung von Homo- und Hetero-Ehe wie bei Dictionary.com findet sich noch beim Merriam-Webster Dictionary und beim Learner’s Dictionary desselben Verlags, wobei bei letzterem die Bedeutungsangabe zur Homo-Ehe noch stärker auf die Bedeutungsangabe zur Hetero-Ehe Bezug nimmt und daher ebenfalls als zweitrangig kritisiert werden könnte.

Sehr fortschrittliche, wenig Mann-Frau-fixierte Formulierungen findet von den von mir nachgeschlagenen Wörterbüchern nur das LDOCE Online, und zwar von der Bedeutungsangabe bis hin zu den Beispielsätzen:

Das ist eine Bedeutungsangabe, die Homo-Ehen den Hetero-Ehen nicht nur nicht unterordnet, sondern die überhaupt keinen Unterschied mehr macht (das gilt auch für die Bedeutungsangaben zu marry und married). Und sie ist, mit Verlaub, auch um Längen besser als die in diesem Kontext dann doch erstaunlich konservative und romantische „Definition“, die Mike Raven in seiner Petition will:

I define marriage as two consenting adults, entering into a life-long relationship as husband and wife, husband and husband, or wife and wife, based on love and commitment.

Nun ist solch eine Petition, mit der etwas im Wörterbuch geändert werden soll, immer etwas kritisch zu sehen. Wörterbücher beschreiben (im Idealfall), wie sprachliche Ausdrücke verwendet werden, und sie geben keine Anleitung dafür, wie die Ausdrücke in einer idealen Welt verwendet werden sollten (oder was sie bedeuten sollten). Wenn (wie bei den Maori) eindeutig falsche und verleumdende Erklärungen gegeben werden, ist eine Änderung eindeutig notwendig. Bei dem von Mike Raven kritisierten Beispiel liegt eine weniger offensichtliche (und daher potentiell viel problematischere) Diskriminierung vor, über die man sich aber auch ganz sachlich Gedanken machen muss: In der außersprachlichen Wirklichkeit gibt es mit Sicherheit mehr Ehen zwischen Männern und Frauen als zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern. Die Homo-Ehe ist (vermutlich, jedenfalls in neuer Zeit) aus der Hetero-Ehe hervorgegangen bzw. hatte diese als Vorbild. Man könnte es deshalb als angemessen bezeichnen, wenn sie im Wörterbuch entsprechend behandelt wird. Andererseits zeigt das Beispiel des LDOCE Online, dass man Ehe auch ganz allgemein formulieren kann, nicht zwei unterschiedliche Bedeutungen ansetzen muss, ohne dass dabei irgendetwas Wesentliches verloren geht. Ich sympathisiere daher schon etwas mit dieser Petition, einfach weil sie darauf hinweist, dass man es auch anders machen kann.

Aber wie sieht es eigentlich in den deutschen Wörterbüchern aus?

In Dudens Universalwörterbuch und in Wahrigs Deutschem Wörterbuch stehen Hetero-Ehe (immer an erster Stelle) und Homo-Ehe nebeneinander (naja — untereinander), wobei Wahrig hier tendenziell „eigenständiger“ formuliert:

Ehe, die […]
a) gesetzlich [u. kirchlich] anerkannte Lebensgemeinschaft von Mann u. Frau […]
b) gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft, die sich an der Ehe (a) orientiert […]
(Duden)

Ehe <f. 19>
1. gesetzlich (u. kirchlich) anerkannte Lebensgemeinschaft zwischen Mann u. Frau
2.
gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft gleichgeschlechtlicher Paare
(Wahrig)

Bei den Online-Wörterbüchern haben wir bei Duden dieselben Bedeutungsangaben wie im oben zitierten Universalwörterbuch, beim wissen.de-Wörterbuch (das evtl. ein altes Bertelsmann-Wörterbuch ist) und bei PONS wird nur die „[Lebens]gemeinschaft zwischen Mann und Frau“ genannt. Im PONS-Rechtschreibwörterbuch hat die Homo-Ehe einen eigenen Artikel, der bei der Suche nach „Ehe“ auf derselben Seite angezeigt wird (das PONS Wörterbuch Deutsch als Fremdsprache nicht) — dieser hat aber keine Bedeutungsangabe (ist bei einem Rechtschreibwörterbuch aber auch nicht zwingend notwendig). Der ebenfalls enthaltene Artikel Homosexuellenehe (mit Bedeutungsangabe) wird bei der Suche nach Ehe nicht angezeigt. Und auch das DWDS-Wörterbuch (das im Wesentlichen ja auf ein bis zu 60 Jahre altes Wörterbuch aus der DDR zurückgeht) nennt nur die „Verbindung eines Mannes und einer Frau“.

Im Gegensatz zu den gedruckten Wörterbüchern und im Gegensatz zu einigen englischsprachigen Wörterbüchern sind die deutschen Online-Wörterbücher also noch ziemlich konservativ in ihren Bedeutungsangaben zur Ehe. Und das, wo „wir“ im Gegensatz zu „den Amis“ doch so fortschrittlich sind.

Übrigens: Was ist eigentlich mit der Polygamie? Überall ist die Rede von der Ehe zwischen zwei gleich- oder andersgeschlechtlichen Partnern, von Paaren. Sind unsere Wörterbücher nicht nur heterozentriert, sondern auch monogamistisch? Denken Sie mal darüber nach …

PS: Während ich diesen Post getippt habe, sind bei der Petition von Mike Ravens rund 400 neue Unterzeichner dazugekommen.