Jede und jeder kann bei Wikipedia Artikel schreiben und verändern. Das führt auf der einen Seite zu geballtem Wissen, auf der anderen Seite zu Fehlern und Missbrauch. Fehler und Missbrauch werden aber vom „Schwarm“ schnell aufgedeckt und behoben. So weit das bekannte Prinzip. In diesem Eintrag will ich einen kleinen Blick werfen auf die Arbeit einer Gruppe, die sich der Qualitätssicherung von Wikipedia verschrieben hat.

Das WikiProjekt Vandalismusbekämpfung, von dessen Internetauftritt ausgehend ich die im Folgenden zusammengestellten Informationen herausgesucht habe, hat sich genau das vorgenommen: Falscheingaben schnell wieder rückgängig zu machen und Klowandgraffiti gleich wieder wegzuwischen. Dazu bedienen sich die Vandalismusbekämpfer auch automatischer Unterstützung. Ob Eingaben wie „Die Erde ist eine Scheibe“ oder „Deine Mutter ist schwul und stinkt“ wahr oder falsch sind, kann automatisiert (noch) nicht erkannt werden, aber für einfache Zeichenkettenabgleiche ist der Computer natürlich ein dankbares Werkzeug. Zwei Programme, die unter anderem dafür eingesetzt werden, sind Lupins AntiVandal Tool und Huggle.

Zum Erkennen von unerwünschten Änderungen werden Abgleiche mit Listen durchgeführt, die Vandalenvokabular aufführen. Wenn man etwa die Liste der „Bad Words“ von Lupins AntiVandal Tool als Dokument interpretieren kann, das aufgrund von Erfahrungen zusammengestellt wurde, hat Wikipedia u.a. mit folgenden Eingaben zu kämpfen: Beleidigungen und Schimpfwörter, insbesondere aus dem Fäkal- und Sexualbereich (darunter solche Blüten wie Autoficker und Penismusik) — hier würde im übrigen ein Eintrag wie das oben genannte „Deine Mutter ist schwul und stinkt“ auch zu einer Warnmeldung führen (wegen schwul und wegen stinkt, aber nicht wegen Deine Mutter); außerdem politisch motivierte Ausdrücke (insbesondere Beschimpfungen aus dem rechten Lager), aber auch Begrüßungsfloskeln (wie beispielsweise Hallo — es scheint wohl Leute zu geben, die einen Wikipediaartikel anfangen mit „Hallo, ich erkläre Euch mal, was die Relativitätstheorie ist :-)“?) — ja, und Emoticons. (Thematisch ganz ähnlich sind die Ausdrücke, die nicht in Benutzernamen vorkommen sollen.) Herausgefiltert werden auch bestimmte Internetadressen, die wohl von Marketingabteilungen oder Ideologen immer wieder verlinkt worden sind — darunter im Übrigen auch zwei Adressen, die Sprache zum Thema haben: eine Adresse, auf der gegen die als „zu viel“ empfundenen Doppelformen, mit denen weibliche und männliche Mitglieder einer Gruppe angesprochen werden, gewettert wird, und eine Seite über Sprache und Evolution.

Eine weitere Liste führt fast 4000 Rechtschreibfehler und Vertipper auf, etwa „festpielhaus“ statt „Festspielhaus“, aber auch Fälle alter Rechtschreibung wie etwa „flußabschnitt“, das zu „Flussabschnitt“ korrigiert werden soll. Solche ungewünschten Eingaben oder Fehler werden den freiwilligen Kontrolleuren angezeigt, die dann entscheiden, ob die Änderung bleiben darf, rückgängig gemacht oder geändert wird.

Nicht nur Schimpfwörter, sondern auch andere unerwünschte Eingaben erkennt der Missbrauchfilter: neben Troll-Aktivität auch technische Fehler wie das Vergessen einer Unterschrift beim Ändern eines Artikels.

Nicht uninteressant ist auch die Übersicht der „Beobachtungskandidaten“, die erfahrungsgemäß regelmäßig von Vandalismus betroffen sind und daher auch häufig „per Hand“ kontrolliert werden müssen: Betroffen sind insbesondere Seiten aus dem politischen Bereich/Nationalismus, aber auch Seiten mit religiösen Themen und zu umstrittenen Wissenschaften. Artikel zu Sportler(innen)/Sportmannschaften und Musiker(innen)/Bands werden anscheinend häufig von Fans oder „Hatern“ heimgesucht, was der Qualität der Einträge nicht immer zugute kommt. Insbesondere die Kategorie Sonstiges in dieser Übersicht zeugt vom Galgenhumor, den die wackeren Antivandalen im Zuge ihrer Arbeit entwickelt haben (zu Gotik „mehr IP-Vandalismus, als es Kathedralen gibt“), aber auch davon, dass die Vandalen zumindest teilweise unberechenbar sind (zu Mietvertrag „Keine Ahnung, was da so anziehend ist“, zu Albert Schweitzer „warum auch immer“ — weiß ich auch nicht).

Neben diesen „Beobachtungskandidaten“ gibt es auch noch eine Liste der am meisten vandalierten Seiten, also der Seiten/Artikel mit den meisten de facto rückgängig gemachten Änderungen der deutschen Wikipedia. Um die rückgängig gemachten Änderungen aber tatsächlich nachvollziehen zu können, muss man aber schon etwas Zeit investieren.

Ich bin mir ja nicht ganz sicher, ob ich diesen Leuten, die in ihrer Freizeit über jede Neueingabe von „ist schwul“ und „stinkt“ wachen, nachts im Dunklen begegnen will — die lexikographische Seele fühlt aber auch eine gewisse Verwandtschaft im Geiste. Wir brauchen Euch — stinkt weiter gegen die Vandalen an!