Heute haben gleich zwei meiner bestgemochten Web-Cartoons mit Sprache zu tun, und zwar so, dass man sie auch im Linguistik-Einführungskurs verwenden kann, um die Grice’schen Konversationsmaximen zu erklären.

Bei xkcd:

Formal Languages

Bei Cyanide & Happiness:

Was hat das nun mit den Konversationsmaximen zu tun — und was zum Henker ist das eigentlich?

Paul Grice (1913–1988) hat sich u.a. damit beschäftigt, wie Menschen sich bei der Kommunikation verständigen, m.a.W.: wie es dazu kommt, dass der eine Kommunikationspartner die Bedeutung dessen versteht, was der andere Kommunikationspartner äußert. Dabei geht Grice davon aus, dass sich die Kommunikationspartner kooperativ verhalten (das sog. Kooperationsprinzip), nämlich so, dass ihre Äußerungen für den Verlauf des Gesprächs irgendwie sinnvoll sind.

Dazu sind vier Konversationsmaximen zu befolgen, die bei Wikipedia ganz gut dargestellt sind:

1. Maxime der Quantität

  • Mache deinen Gesprächsbeitrag mindestens so informativ, wie es für den anerkannten Zweck des Gesprächs nötig ist.
  • Mache deinen Beitrag nicht informativer, als es für den anerkannten Zweck des Gesprächs nötig ist.

2. Maxime der Qualität

  • Versuche einen Gesprächsbeitrag zu liefern, der wahr ist.
  • Sage nichts, wovon du glaubst, dass es falsch ist.
  • Sage nichts, wofür du keine hinreichenden Anhaltspunkte hast.

3. Maxime der Relevanz/Relation

  • Sage nichts, was nicht zum Thema gehört, wechsle das Thema nicht einfach so plötzlich.

4. Maxime der Modalität

  • Vermeide Unklarheit.
  • Vermeide Mehrdeutigkeit.
  • Vermeide unnötige Weitschweifigkeit.
  • Vermeide Ungeordnetheit

Zur Maxime der Quantität: Im xkcd-Cartoon ist diese offensichtlich verletzt. Eine Aussage wie „Grammar!“ kann zwar auch mal ausreichend sein (etwa als Antwort auf eine Frage oder als Ankündigung eines neuen Themas), aber in diesem Fall ganz eindeutig nicht. Damit solch eine kurze Aussage für den Kommunikationspartner informativ ist, muss deren Bedeutung aus dem Kontext hervorgehen — darauf spielt auch Randall Munroe in seinem Mouseover-Kommentar an; der Cartoon bezieht sich zwar auf formale Sprachen, für natürliche Sprachen gilt dies aber auch. Der fehlende Gesprächskontext ist schön dargestellt durch das plötzliche Auftauchen des Sprechers und sein ebenso eiliges Verschwinden (man beachte die Geschwindigkeitswölkchen); durch das Banner ist gerade genug Situationskontext gegeben, um die Pointe zu ermöglichen. Im Cyanide-and-Happiness-Cartoon ist zur Quantität nicht viel zu sagen.

Zur Maxime der Qualität: Wie ist der Wahrheitsgehalt des Ausspruchs „Grammar!“ im xkcd-Cartoon? Hält der Sprecher seine Aussage für wahr? Schwer zu beurteilen. Im Cyanide-and-Happiness-Cartoon kann man (und muss man nach Grice) wohl davon ausgehen, dass der Antwortende eine wahre Aussage gibt — es ist zumindest kein Grund ersichtlich, warum er dies nicht tun sollte.

Zur Maxime der Relation (Relevanz): Hier kommt nun der Cyanide-and-Happiness-Cartoon deutlich ins Spiel, denn die Antwort „I can barely contain my excrement!“ ist üblicherweise keine relevante Reaktion auf die Aussage, dass die Beach Boys auftreten werden. Hände hoch, wer auch zuerst „excitement“ gelesen/verstanden hat, weil das Gehirn so auf eine relevante Aussage gepolt war, dass es die Wahrnehmung verzerrt hat: Hier, ich. Natürlich begünstigt durch die grafische und lautliche Ähnlichkeit von excitement und excrement; und ich erinnere nur an desie Sdiute eienr „egineslhcn Uinevträist“ … Im xkcd-Cartoon scheint die Aussage „Grammar!“ beim Thema „formale Sprachen“ schon irgendwie auf Relevanz hinzudeuten, aber ausreichend ist sie eben nicht.

Zur Maxime der Modalität: Ganz klar, dass hier Unklarheit oder Mehrdeutigkeit überhaupt nicht vermieden werden.

Wenn diese Konversationsmaximen auf den ersten Blick verletzt werden, so ist nach Grice erst einmal davon auszugehen, dass der Konversationspartner trotzdem kooperieren will, dass die Äußerung also irgendwie sinnvoll bezüglich des Gesprächsverlaufs interpretiert werden kann. Die Antwort „I can barely contain my excrement!“ kann damit durchaus als relevanter, wahrer, themenbezogener Gesprächsbeitrag gewertet werden und nicht als völlig abrupter Themenwechsel. Das hieße dann wohl, so schlussfolgere ich, dass der Sprecher nicht unbedingt Fan der Beach Boys ist.

Wenn aus einer Aussage Schlussfolgerungen gezogen werden, die so gar nicht explizit ausgedrückt werden, spricht Grice von konversationellen Implikaturen. Mithilfe solcher Schlussfolgerungen aus Nicht-Gesagtem oder aus Gesprächsbeiträgen, die wortwörtlich und augenscheinlich erst einmal nicht zum Thema gehören, können nach Grice etwa Ironie oder Bedeutungsübertragungen erklärt und verstanden werden.

So. Und wer jetzt prüfen will, ob er/sie diesen Crashkurs in Sachen Grice’scher Konversationsmaximen verstanden hat, kann sich mal an einer Cartoonsverständnisanalyse eines meiner Allzeit-Favoriten versuchen, einem schon etwas älteren Cartoon, hier auf dilbert.com.

Weitere Literatur im Netz:

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