Heute beginnen die Paralympics, die Paralympischen Spiele. Der Name ist eventuell eine Wortkreuzung aus engl. paraplegic ‚querschnittsgelähmt‘ und Olympics; wobei der Bestandteil para aber später uminterpretiert wurde als Präfix mit der Bedeutung ’neben‘, wie in paranormal, parapsychology (Quelle [PDF]). Wie man sieht, ist aber das O aus Olympics nicht Teil der neuen Bildung.

Neben paralympisch gibt es im Deutschen (und anderen Sprachen) noch etliche weitere, ähnliche Bildungen. So werden etwa, angelehnt an die Geschichten um Asterix und Obelix, Gallympische Spiele veranstaltet, die sicherlich reinen Spaßcharakter haben und die sich, ebenso wie die Zoolympischen Spiele, an ein jüngeres Publikum wenden, während man für die Bierlympischen Spiele zumindest schon mal am Bier riechen dürfen muss. Die Kuhlympischen Spiele klingen ebenfalls wenig ernsthaft. Eine etwas schrullige Männervereinigung führt Uhulympische Spiele durch und der nicht weniger schrullige Udo Lindenberg ist im Adjektiv udolympisch verewigt. In Eulenbach werden Eulympische, in Hollabrunn Hollympische Spiele veranstaltet. In der ARD gab es Showlympia mit showlympischen Disziplinen. Freunde der Lomographie nehmen an den Lomolympischen Spielen — oder: den LomOlymPics — teil und wissen wahrscheinlich fast so wenig, was am Ende herauskommt, wie die Teilnehmer\innen der Improlympischen Spiele. Daneben finden sich Adjektive wie narrhallympisch oder urlympisch, Substantive wie Rollympiade, Hohlympiade, Trollympia, Abilympia und die Hotelfachmesse Hotelympia.

Einige dieser Bildungen werden mit o geschrieben, wobei dieses sowohl Teil des zweiten Bestandteils olympisch, aber auch Teil des ersten Bestandteils, wie in Zoo, Udo, Lomo oder Impro ist. Das ist bei solchen oft spielerischen Wortkreuzungen relativ typisch, dass zwei Wörter bei einem gemeinsamen Buchstaben oder einer gemeinsamen Buchstabenkette ineinander übergehen und die jeweiligen Wort“reste“ wegfallen: Impro[vision] + olympisch = Improlympisch; Hotel + [O]lympia = Hotelympia. Bei Showlympia, Rollympiade, Hohlympiade und Trollympia liegt der Fall vor, dass nur lautlich, nicht aber graphisch ein gemeinsames O (oder zumindest so etwas ähnliches) als Schnittstelle existiert.

Viele dieser Bildungen haben aber, ganz wie paralympisch, das O aus Olympics bzw. Olympia(de) verloren. Nun könnte man sagen, dass es sich hier ebenfalls um Wortkreuzungen handelt, die aber eben keinen gemeinsamen Laut und/oder Buchstaben als Schnittstelle aufweisen; dass aber jedesmal noch das Wort Olympia oder olympisch unmittelbar an der Bildung des neuen Wortes beteiligt ist. Bei einigen der oben genannten Wörter ist eine Wortkreuzung m.E. besonders wahrscheinlich, nämlich wenn der erste Bestandteil ebenfalls eindeutig „unvollständig“ ist, wie in gallympisch (von Gall[ien], Gall[ier] oder gall[isch] + [o]lympisch), eulympisch, hollympisch, narrhallympisch.

Oder man geht anders an die Sache heran und überlegt sich: Ist der Wortbestandteil lympisch bzw. lympia(de) (ohne O) schon so eigenständig, dass die neuen Wörter direkt mit diesem Bestandteil gebildet werden und somit keine Wortkreuzung, sondern eine klassische Zusammensetzung (Determinativkompositum) darstellen? Bier+lympisch, kuh+lympisch oder udo+lympisch? Auch lomo+lympisch, impro+lympisch und Abi-lympia wären denkbar, da die ersten Bestandteile auch als eigenständige Kurzwörter üblich sind. Mit ur+lympisch läge sogar eine Ableitung mit Präfix vor. Die Bedeutung der Wortbestandteile wären dann bei lympisch in etwa ‚einen Wettbewerb betreffend‘, bei lympia(de) mehr oder weniger schlicht ‚Wettbewerb‘.

So eigenständig sind die Elemente lympisch bzw. lympia(de) natürlich nicht, denn sie kommen nicht ganz alleine vor. Niemand fragt (so behaupte ich) „Welche Lympiaden finden denn in diesem Jahr statt?“ oder sagt „Mich interessiert gar keine Art von lympischen Spielen“. Diese Elemente kommen also nur in Verbindung mit anderen Bestandteilen vor, man sagt, sie sind „gebunden“; und zwar benötigen sie immer ein Element, das sich links an sie anschließt.

Aber: Wie lange noch? Ich werde jetzt mal rausgehen und anfangen, den Sprachwandel anzustoßen. Und wenn es dann so weit ist, kommt lympisch auch ins Wörterbuch.

PS: Meiner Ansicht nach ist es nach derzeitigem Stand strittig, ob lympisch bzw. lympiade als Konfixe gelten können bzw., da Konfixe gebundene Morpheme sind, also nicht mehr weiter in sinntragende Bestandteile zerteilbar, ob bei lymp+isch bzw. lymp+iade das Element lymp, das nun wirklich nicht mehr weiter in bedeutungstragende Elemente zerteilt werden kann, ein Konfix ist. Im DeReKo findet man es zwar nicht alleinstehend, aber immerhin (neben dem Olymp, der überhaupt für die ganze Angelegenheit verantwortlich ist) in Abilymp (im Zusammenhang von Abiturfeiern, und zwar über mehrere Jahre hinweg — sehr originell also). Ist das nun der Beweis, dass lymp ein Konfix ist? Nun ja, ich bin noch skeptisch. Bei dem einem Beispiel mit lymp (Abilymp) sollte man doch von einer Ad-hoc-Wortkreuzung ausgehen und nicht von einem sprachlich gefestigten Wortbildungselement. Dennoch sind die Übergänge hier fließend und — wie gesagt — wenn der Sprachwandel mal anläuft, kann man gespannt sein, was dabei herauskommt.

PPS: ‚LYMPICS: http://www.youtube.com/watch?v=9XFyd5rnHSo

PPPS: Eigentlich zu schade für eine „PPPS“-Meldung, aber an dieser Stelle soll auch einmal dem Silbermedaillengewinner bei der Internationalen Linguistik-Olympiade 2012, Max Allmendinger (Ludwigsburg), und der ebendort mit einer „Ehrenvollen Erwähnung“ ausgezeichneten Maylis Ribette (Freising) gratuliert werden (mehr dazu auch hier). Das sind lympische Spiele, die mich schon interessieren.

Zum Namen Paralympics: International Paralympic Committee: History and Use of the Term ‚Paralympic‘. http://oldwebsite.paralympic.org/export/sites/default/Media_Centre/Media_Information/2008_07_History_and_Use_of_Term_Paralympic.pdf.

Wörter mit lympisch/lympia: DeReKo über www.ids-mannheim.de/cosmas2/.