Der GAL-Kongress 2012 ist seit Freitag mittag vorbei, zur Erholung habe ich mir ein Wochenende in München gegönnt — nein, nicht auf der Wiesn (zu der es natürlich auch ein Wörterbuch gibt), sondern überwiegend spazierenderweise; unter anderem zwischen Goetheplatz und Isar, wo ich doch zufällig den Friedhof entdeckt habe, auf dem Johann Andreas Schmeller begraben liegt. Als Johannes, im übrigen, nicht als Johann, wie sonst eigentlich üblich. Man kann noch anmerken, dass der Friedhof nicht wirklich gut versteckt ist und dass es dort auf jeden Fall mehr Grün gibt als auf der Wiesn, mit dem eigentlichen Thema hat diese Information allerdings gar nichts zu tun, das führt nämlich eher wieder zurück zum Kongress.

Wenig genug konnte ich von all den Vorträgen sehen, aber zu den wenigen, bei denen ich anwesend sein konnte, gehörte der von Karin Rautmann (Duden-Verlag), die über „Duden online“ und seine Nutzer sprach und unter anderem auch auf die am häufigsten angeklickten Artikel zu sprechen kam, über die ich schon seit einer kleinen Weile ebenfalls etwas loswerden will.

Auf duden.de gibt es eine Auflistung der 100 meistgelesenen Artikel. Wenn ich Frau Rautmann richtig verstanden habe, wird diese Liste täglich aktualisiert und zeigt die meistgelesenen Artikel des Vortages. Wenn ich Frau Rautmann richtig verstanden habe, fände ich das ganz schön gruselig, denn ein Vergleich der Liste, die ich am 3. September gespeichert habe, mit der Liste, die heute (24.09.) angezeigt wird, setzt sich bis auf sechs Einträge aus denselben Artikeln zusammen und auch die Rangfolge ist sehr ähnlich, nicht selten sogar gleich. Ist das Nachschlageverhalten der Duden.de-Nutzer wirklich so homogen oder handelt es sich vielleicht doch um ein Missverständnis und die Liste basiert nicht nur auf den Daten des jeweiligen Vortags, sondern auf den um den jeweiligen Vortag ergänzten Daten?

Die sechs Artikel, die in den vergangenen drei Wochen neu dazugekommen sind, lauten jedenfalls: mithilfe (in einer Lesart), Information, Resümee, weiß, obsolet und Prozess. Weggefallen sind dafür: desillusionieren, lesen, voraus, infolgedessen, Vorort, zum.

Die zehn am häufigsten nachgeschlagenen Artikel sehen im Vergleich so aus:

Rang Artikel (03.09.) Artikel (24.09.)
1 soziokulturell deutsch
2 deutsch soziokulturell
3 des Weiteren des Weiteren
4 sodass sodass
5 zum einen … zum anderen zum einen … zum anderen
6 selbstständig unter anderem
7 unter anderem selbstständig
8 kennenlernen Zuhause
9 Zuhause kennenlernen
10 vor allem vor allem

Wie man sieht, ist das doch frappierend ähnlich. Übrigens: Warum suchen so viele Leute nach soziokulturell??? Wenn mir das jemand erklären kann … Ich bin da echt ratlos.

Andere in der Liste genannte Ausdrücke lassen jedenfalls deutlicher eine Benutzerfrage vermuten als soziokulturell. Und — auch das hat mich in der Deutlichkeit doch etwas verblüfft –: es handelt sich überwiegend um „Klassiker“ der Orthographie: altbekannte Fragen der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Laut-Buchstaben-Zuordnung.

Fragen zur Groß- und Kleinschreibung vermute ich etwa bei: deutsch [„auf d/Deutsch“?], zum einen … zum anderen, unter anderem, vor allem, Bescheid, andere, recht, E-Mail [oder auch Frage nach Genus?], morgen, am besten, im Folgenden, beide, Mal, bis auf Weiteres, recht haben, vor Kurzem, heute Morgen, im Wesentlichen, ohne Weiteres, willkommen, erste, weitere, Bezug, Morgen.

Fragen zur Getrennt- und Zusammenschreibung vermute ich bei: Zuhause, aufgrund, noch mal, infrage, zurzeit, mithilfe, Bezug nehmend, zurecht…, erst mal, nichtsdestotrotz, zugutekommen, gegebenenfalls, zugrunde liegen, zugunsten, zweimal, sodass, kennenlernen, wie viel, inwieweit, sogenannt, darüber hinaus, soweit, derselbe, nach wie vor, aufrechterhalten, miteinbeziehen, infolgedessen.

Fragen zur Laut-Buchstaben-Zuordnung etwa bei: im Voraus, selbstständig, widerspiegeln, aufwendig, Interesse, wiederum, potenziell, Potenzial, potenzial, bisschen, voraus, Voraussetzung, Resümee, Affinität.

Dabei spekuliere ich natürlich nur; außerdem kann man sich in manchen Fällen auch andere Zuordnungen vorstellen, etwa bei noch mal: getrennt noch mal oder zusammen nochmal oder groß noch Mal oder klein noch mal? Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass etwa drei Viertel der 100 meistgesehenen Artikel (mindestens) einem dieser drei orthographischen Bereiche zugeordnet werden können. Und wenn ich mir die Fälle so ansehe, sieht das nicht unbedingt wie ein Argument für die Nachvollziehbarkeit der Rechtschreibreform aus.

Eine Handvoll Einträge legt den Schluss nahe, dass die Benutzer eher „das Ding“ suchten, das sie eingaben, und nicht etwa Informationen zu dessen Orthographie, Bedeutung o.Ä.: Einträge wie Synonymwörterbuch, Bedeutungswörterbuch, evtl. auch Fremdwort oder synonym sind wohl eher zu verstehen als „Zeig mir ein Synonymwörterbuch!“. Vermute ich. Auch ein Eintrag Komma kann verstanden werden als „Ich will etwas zur Kommasetzung wissen“, vielleicht aber auch als „Wie heißt die Mehrzahl von …?“.

Bleiben etwa 25 Einträge, bei denen ich mir nicht zutraue, auf Anhieb eine Suchmotivation zu vermuten, darunter zuoberst das bereits erwähnte soziokulturell, aber auch Status [Pluralbildungsfrage?], Revolution, subtil, desillusionieren, darstellen, lesen, wichtig, Möglichkeit, obligatorisch, konstatieren, Zusammenhang, kognitiv, Problem, Aspekt oder Vorort. Nicht wenige davon sind Fremdwörter, allerdings solche, die ich durchaus dem Zeitungswortschatz, nicht aber Nischenbereichen wie speziellen Fächern/Disziplinen zurechnen würde.

Apropos [ein Fremdwort, das ich immer nachschlage, Stichwort Getrennt- oder Zusammenschreibung] Fremdwörter: Mit E-Mail, Know-how und online enthält die Liste drei Anglizismen (hinsichtlich Laut-Buchstaben-Zuordnung). Die Anzahl lateinisch basierter Ausdrücke in der Liste ist deutlich länger, etwa 20 (wenn man auch „gut eingebürgerte“ wie Interesse oder obligatorisch dazu zählt). Und das, obwohl duden.de sogar Sale enthält, was ja angeblich niemand über 25 mehr versteht und aufgrund seiner plagenartigen Ausbreitung mindestens auf Rang 1 stehen müsste.

Als Fazit lässt sich also zusammenfassen: Artikel, in denen orthographisch schwierige Ausdrücke bearbeitet werden, zählen zu den am häufigsten nachgeschlagenen Artikeln auf duden.de. Artikel, die (vermutlich) aufgrund einer Frage zur Bedeutung aufgerufen werden, stehen in dieser Top-100-Liste eher auf den hinteren Rängen. So viel für heute. Demnächst werfen wir einen Blick auf auf die Ausdrücke, die die Benutzer im Wörterbuch nicht finden.