Vor ein paar Tagen hatten wir einen Blick auf die Artikel geworfen, die am häufigsten von den Besuchern auf duden.de angeklickt werden. Heute schauen wir uns ein paar Beispiele dafür an, was Wörterbuchbenutzer suchen, aber nicht finden.

Wenn ein gesuchter Eintrag nicht gefunden wird, kann das unterschiedliche Ursachen haben: Vielleicht steht das, was man sucht, nicht an der Stelle, an der man sucht. Vielleicht hat man sich im Suchformular vretippt. Vielleicht steht das, was man sucht, aber auch tatsächlich nicht im Wörterbuch. Im Internet-Wörterbuch PONS Deutsche Rechtschreibung gibt es für den letztgenannten Fall die Möglichkeit, einen neuen Eintrag vorzuschlagen. Andreas Cyffka, uns auch vom PONS Deutschblog bekannt, hat mir auf meine Nachfrage hin freundlicherweise eine kleine Auswahl von Ausdrücken zugeschickt, die über diese Vorschlagsfunktion eingegangen sind:

Die Wörter, die ins PONS-Rechtschreibwörterbuch aufgenommen worden sind, sind in der Liste auch verlinkt. Nicht verlinkte Wörter wurden nicht aufgenommen.

Andreas Cyffka schrieb mir in seiner Mail noch: „Es handelt sich sehr oft um fachsprachliche Wörter, teilweise auch um eher Seltenes“, dem kann man aufgrund dieser Liste uneingeschränkt zustimmen.

Was auffällt, ist, dass die Liste eine ganze Reihe von Zusammensetzungen (Komposita) wie Aktenlauf, dementengerecht, eineindeutig, Fliesenschild, Heißleimpistole, watteweich, Zeugenbericht, Zimmerbrunnen usw. enthält. Ihre Bedeutung ist häufig (nicht immer) aus deren Bestandteilen erkennbar, die als Einzelausdrücke im Wörterbuch verzeichnet sind (und die ich auch für einigermaßen gängig halte); ihre Rechtschreibung ebenfalls. Trotzdem werden sie offensichtlich gesucht, vermisst und vorgeschlagen. Evtl. machen bei der Schreibung Fugenelemente wie in Aktenlauf, dementengerecht Probleme, oder es gibt Fragen zur Flexion. Warum im PONS-Wörterbuch Transportsicherung oder Zimmerbrunnen aufgenommen wurden, nicht aber Silbermine oder Windschild, darüber kann ich ebenfalls nur spekulieren: vielleicht kommen die letztgenannten in einem Kontrollcorpus zu selten vor?

Sehr gut nachvollziehbar ist dagegen, dass jemand ein Wort nachschlägt, das aus selten verwendeten und daher unbekannten Bestandteilen gebildet ist, oder das gar nicht in einzelne Bestandteile zerlegt werden kann. Da ist es dann auch fast egal, ob es sich um ein Fremdwort/Lehnwort oder um ein mit seit langem im Deutschen vorhandenen Material gebildetes Wort handelt; oder ob es ein einfaches oder ein komplexes Wort ist. Denn wenn ich Aussinterung, Apoptose, urgieren oder Zibbe nicht verstehe, ist es erst einmal nicht so wichtig, ob sintern schon im Mittelhochdeutschen existierte (ja), wie Apoptose im Griechischen gebildet wurde (aus apo+piptein), welchen Hintergrund urgieren hat (lateinischen; wichtiger wäre aber wohl, was im gedruckten Duden, nicht aber auf duden.de verzeichnet ist: dass das Wort besonders in Österreich verwendet wird), oder ob Zibbe aus dem Tocharischen stammt (nein: es ist ebenfalls schon ziemlich lange deutsch, aber nicht oberdeutsch). Wenn ich Slup nicht kenne, ist es schon eher relevant zu wissen, dass es sich nicht um ein englisches Wort handelt (das wäre sloop), denn unter der Unkenntnis würde vermutlich die korrekte Aussprache leiden.

Von der obigen Liste würde ich etwa 50% für solche Ausdrücke halten, die — ob Fremdwort oder nicht, ob Simplex oder nicht — aufgrund ihres seltenen und „fremden“ (im Sinne von unbekannten) Wortstamms problematisch sind, darunter auch kärchern (von der Produktmarke Kärcher gebildet), LaTeX als ursprüngliche Abkürzung (ist man sich dessen heute noch bewusst?), Kantonnement oder Ophikleide. Die anderen 50% sind nach meinem Dafürhalten, was Form und Bedeutung angeht, relativ durchsichtig. Das ist natürlich eine subjektive Einschätzung, die nicht das Resultat irgendeiner methodischen Untersuchung ist; und es sei auch noch einmal daran erinnert, dass die obige Liste auch lediglich eine Auswahl aller Vorschläge für ein Rechtschreibwörterbuch ist. Bei einer längeren Liste oder einem anderen Wörterbuchtyp würde sich die Einschätzung evtl. ändern.

Was Wörterbuchbenutzer suchen, sind also nach den vorliegenden Daten nicht nur (aber sehr häufig) Antworten auf orthographische Fragen zu einer Handvoll immer wiederkehrender Ausdrücke, sondern auch Ausdrücke, die die Lexikographen möglichweise für gar nicht erklärensnotwendig halten, da sie aufgrund ihrer Bestandteile „selbsterklärend“ sind bzw. dafür gehalten werden. Im Online-Wörterbuch ist prinzipiell auch für letztere Platz genug — Platz ja, aber um all diese Ausdrücke wirklich gründlich zu bearbeiten, würde es doch einige Zeit brauchen. Es ist einsichtig, dass man hier eine Auswahl treffen muss. Zumindest bei den undurchschaubaren, selteneren Ausdrücken plädiere ich aber schon für eine Aufnahme ins Wörterverzeichnis: Hier greift auch das Frequenzkriterium der Verwendungshäufigkeit meiner Meinung nach nicht mehr, denn gerade weil diese Ausdrücke selten sind, bereiten sie Probleme, wenn man dann doch einmal beim Lesen über sie stolpert. Und wo soll man denn dann eine Antwort finden, wenn nicht im Wörterbuch?