Das folgende Video ist schon etwas älter (von 2007, um genauer zu sein), ich bin jetzt erst darüber gestolpert. Erin McKean spricht über „The joy of lexicography“ (ca. 15 Min.):

Quelle: ted.com (dort auch mit Transkriptionen und Übersetzungen des Vortrags in verschiedenen Sprachen; ich kann nur mit Peter Ludolf sagen: fantastisch!)

Ein schönes Zitat aus dem Vortrag, auch passend zum Thema des Wandels vom Print- zum Internet-Wörterbuch, wie auch im letzten Lexikographieblogpost wieder einmal aufgegriffen, ist:

But the book is not the best shape for the dictionary. Now they’re going to think „Oh, boy. People are going to take away my beautiful, paper dictionaries?“ No. There will still be paper dictionaries. When we had cars — when cars became the dominant mode of transportation, we didn’t round up all the horses and shoot them.

Wie gesagt, ein schönes Zitat; wie gemacht, um weitergebloggt zu werden. Und sie hat ja sehr wahrscheinlich recht: gedruckte Wörterbücher wird es vermutlich immer, zumindest noch sehr lange Zeit geben. Das Problem ist aber: Was sind das für Wörterbücher? Sind es die umfassenden, wissenschaftlichen Kriterien entsprechenden Wörterbücher, die das jetzige Stadium unserer Sprachverwendung in einem gewissen Umfang dokumentieren? Oder sind es kleine, zweckdienliche, massentaugliche Wörterbücher, die nur einen Minimalausschnitt unseres täglichen Wortschatzes verzeichnen?

Für den „normalen“ Wörterbuchbenutzer ist es wahrscheinlich vollkommen ausreichend, ein aktuelles Internet-Wörterbuch verwenden zu können, der Sprachgebrauch vor fünf, zehn, zwanzig, hundert Jahren ist da weniger interessant. Den (sprach-)wissenschaftlichen Benutzer interessiert aber oft gerade dieser Sprachgebrauch. Noch kann dieser Benutzer dann in die Bibliothek gehen, in alten Wörterbüchern und alten Wörterbuchauflagen stöbern, Worterklärungen und Formulierungen vergleichen — wird das „online“ immer noch möglich sein oder gibt es da nur noch eine, die „aktuelle“ Erklärung?

Einmal abgesehen davon, dass auch in der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs Wörter wie Blog oft genug vergeblich gesucht werden, was Grund genug für eine Weiterbearbeitung wäre — wenn Wörterbücher wie das OED oder eben das Deutsche Wörterbuch oder auch das Große Wörterbuch von Duden nur noch elektronisch erscheinen und ein unaufwendiger Zugriff auf ältere Artikelversionen nicht sichergestellt wäre, wäre das ein Verlust.

Und nein, ich habe weder das Deutsche Wörterbuch, nicht mal die dtv-Ausgabe, noch den zehnbändigen Duden in meinem Regal stehen. Ich gehöre auch zu denen, über die welt.de jetzt schreibt:

Dagegen hatten die heftweisen Lieferungen der Neubearbeitung des „Deutschen Wörterbuchs“ zuletzt noch 300 Abonnenten, fast nur Bibliotheken. Der erste Band, der 1854 erschien, war noch von 10.000 Subskribenten gekauft worden. Alle, die nun das Ende des „Grimm“ betrauern, waren offensichtlich nicht bereit, Geld dafür auszugeben.

Aber — dafür sind Bibliotheken da. Bücher sammeln, archivieren, zur Verfügung stellen. Kein Mensch kann es sich leisten, alle Bücher selbst zu besitzen. Wenn es das Produkt aber gar nicht mehr als Buch gibt? Dann muss dafür Sorge getragen werden, dass auch ältere Versionen verfügbar bleiben. Jeder, der schon mal ein zehn Jahre altes CD-ROM-Wörterbuch neu installieren wollte oder einem verschollenen Internet-Wörterbuch hinterhergegoogelt hat, weiß, dass das nicht so trivial ist. Derzeit gilt eben noch:

Noch immer ist das papierene Buch nachhaltiger als jedes digitale Medium. Wie man im Trubel der sich stetig weiterentwickelnden neuen Speichersysteme und -formate die dauerhafte Archivierung von Texten sicherstellen kann, ist noch ungelöst. (derstandard.at in einem eigentlich wenig nostalgischen Artikel über „Bibliophile Ängste vor der Bücherapokalypse“)

Bibliophilie hin, Bibliophilie her; es sei noch einmal klargestellt: Ich mag zwar gedruckte Wörterbücher, aber ich finde Internet-Wörterbücher großartig. Ich bin auch auf jeden Fall der Meinung, dass die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs, das Nachfolgewörterbuch und sowieso alles online zur Verfügung gestellt werden sollte, schon weil es dadurch hier und jetzt viel mehr Menschen möglich ist bzw. wäre, darauf zuzugreifen. Ich hoffe nur, dass die Internet-Planungen nicht im Hier und Jetzt stehen bleiben, sondern auch die vielbeschworene Nachhaltigkeit im Blick behalten. Und zwar nicht in der Form, dass man die Einsicht in alte Backups mit einem zehnseitigen Formular in dreifacher Ausführung vier Monate im Voraus beantragen muss. Wikipedia macht in dieser Hinsicht schon viel richtig. Gerade weil das DWB ein Akademieprojekt ist, wird dieser Aspekt bei der Planung des weiteren Vorgehens hoffentlich gebührend berücksichtigt.