Dr. Bopp hat gerade die Frage beantwortet, ob man das Adjektiv tot steigern kann oder nicht. Die Antwort ist: man kann. An dieser Antwort habe ich auch gar nichts auszusetzen; trotzdem ist tot ein interessanter Fall, und da dieses Wort auch in meinem Morphologie-Kurs gerade wieder als Beispiel dienen musste, will ich noch ein paar Punkte loswerden, die die gesteigerten Formen angehen.

Die Wörterbuchartikel zu tot sind in dieser Hinsicht — der der Steigerbarkeit — nicht so generös wie Dr. Bopp und canoo.net, die ohne weiteren Kommentar die Formen toter, am totesten anführen. Auf duden.de ebenso wie im DWDS-Wörterbuch schweigt man sich zur Steigerbarkeit von tot einfach aus, gibt aber auch keine Beispiele gesteigerter Formen. Bei Pons heißt es ganz ausdrücklich „nicht steig.“ (nicht steigerbar), bei wissen.de (Der Große Störig) steht „o. Steig.“ (ohne Steigerung) und auch das Wiktionary behauptet: „keine Steigerung„. Das bezieht sich offensichtlich auf die absolute Lesart von tot, die, wie bei Dr. Bopp ja schon angesprochen, nicht die einzige ist — aber die einzige, die in diesen Wörterbüchern besprochen wird.

Erstaunlicherweise sind gerade die älteren Wörterbücher hier — trotz der heute nicht mehr verwendeten Schreibung todt — am aktuellsten (oder am vollständigsten); so Adelung, bei dem ich todt, todter, todtste mit entsprechenden Anmerkungen lese:

Todt, -er -ste, adj. et adv. welche Grade doch nur in einigen der figürlichen Bedeutungen üblich sind, dagegen in der eigentlichen die Natur der Sache sie nicht verstattet; des Lebens beraubt, gestorben.

Und das Deutsche Wörterbuch (von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Band 11 (1. Abtlg., 1. Tl., 1935); Fettdruck von mir):

III. todt in gesteigerter form (poetis etiam compar. est todter et superl. todtester Stieler 2291).
a) comparativ:

stürbe er tœter danne tôt. minnesinger 2, 20b;

und aus dem aug …
fällt eine mitleidsthrän‘ auf mich herab,
der todter ist, als sie.
Herder ged. 2, 119;

indessen kann ich dir zuschwören, dasz die todten, die mein herr erweckt hat, nicht todter waren als ich oder du. Wieland 32, 140.
b) superlativ: die todtesten aller todten sind die gesundesten (les plus mortes morti sont les plus saintes) Bode Montaigne 1, 136; unser in stadtsünden todtester todter blieb ohne auferstehungsregung. Hippel 8, 83; unsere kunstrichter halten sie (die naturpoesie) doch für die todteste dichtkunst. Herder ebr. poesie 1, 106.

Und hier sieht man nun auch, dass neben toter noch eine weitere Form, töter (d.i. tœter), genannt wird — wenn auch nur in einem mittelhochdeutschen Beispielsatzfragment (in den mittelhochdeutschen Wörterbüchern BMZ und Lexer wird jeweils nur dieses Beispiel, mit Umlaut, für eine gesteigerte Form aufgeführt). Tot, töter, am tötesten — warum nicht, es heißt ja auch rot, röter, am rötesten, und der Umlaut ist in der Wortfamilie von tot auch in anderen Formen enthalten (wie töten, getötet). Auch im Neuhochdeutschen gibt es ein Nebeneinander von toter und töter (verlinkt ist nur jeweils ein Zeitungsartikel mit entsprechender Form).

Wenn man etwas weiter sucht und sich nicht nur auf die im Internet verfügbaren Wörterbücher beschränkt, findet man beispielsweise auch im Großen Wörterbuch der Deutschen Sprache von Duden (2012) zwar keine expliziten, aber doch implizite Angaben: In den Beispielsätzen liest man unter 1. a)

Es gibt nichts was toter sein könnte als ein toter Filmschauspieler (Spiegel 14, 1978, 108),

aber auch unter 2. d)

Die Ergänzungsabgabe ist tot, töter geht es nicht (Welt 19. 8. 81, 1).

Auch hier also beide Varianten, ohne Kommentar. Erst ein Blick ins Korpus (DeReKo) verrät, dass für die gesteigerten Formen toter als und toteste/totesten insgesamt 42, für die Formen töter als und töteste/tötesten nur 15 Treffer zu finden sind (der Ausdruck mit als wurde gewählt, um Positiv-Formen wie in toter Mann auszuschließen). Für beide Fälle gibt es also nur ziemlich wenige Belege (weshalb sie wahrscheinlich auch von den meisten Wörterbüchern ignoriert werden), aber für die Formen ohne Umlaut mehr als für die mit Umlaut.

Ursprünglich hatte ich vermutet, dass die Variation mit/ohne Umlaut dadurch bedingt ist, dass tot eben ein semantisch nur schwer steigerbares Adjektiv ist, das daher auch nur selten gesteigert wird, weshalb Unsicherheiten bei der Form bestehen; aber da es dieselbe Variation auch bei rot gibt (siehe den oben verlinkten Duden-Artikel), liegt evtl. auch ein anderer Fall vor, vielleicht auch Analogie zu ebendiesem rot.

Bleibt noch ein Blick in die Rechtschreib- und Grammatikanarchie (oder -speerspitze), die über Google erschlossen werden kann: Eine Suche nach „toter als“ liefert angeblich ungefähr 31.900 Treffer; „töter als“ liefert nur ungefähr 8740 Treffer. Die Sache scheint relativ eindeutig:

toter-als

töter-als

Da Google Groß- und Kleinschreibung nicht berücksichtigt, liefert die Suche nach „toter als“ aber auch Treffer für „Toter als Australier identifiziert“. Wenn ich nun nach „toter als tot“ suche, erhalte ich ungefähr 137.000 Treffer, also mehr als für die weniger spezifizierte Form „toter als“. Klar, Google. Da wundert es dann auch kaum noch, dass für „töter als tot“ ungefähr 171.000 Treffer angegeben werden, also noch mehr als für sämtliche Varianten ohne Umlaut:

toter-als-tot

töter-als-tot

Erklär mir einer diese Suchmaschinen. Das Rennen zwischen toter und töter scheint mir demnach aber noch nicht entschieden.