Nun ist es also raus, das Wort des Jahres 2012, und es lautet … (Trommelwirbel) … Rettungsroutine. Damit gehört es nach Auffassung der Jury zu den Wörtern „die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben“ (laut Pressemeldung der Gesellschaft für deutsche Sprache).

Aha. Ich muss ja gestehen, mein Leben hat dieses Wort bislang nicht begleitet; da ist wohl ein Trend an mir vorbeigegangen. Im DeReKo findet man genau einen Treffer, und der ist von 2001. Im DeReKo fehlen allerdings noch die Quellen der zweiten Jahreshälfte; in der ersten war die Rettungsroutine aber offensichtlich noch nicht so einschlagend. Google findet („Wort des Jahres“ ausgeschlossen) heute mittag angeblich rund 1500 Treffer ohne zeitliche Beschränkung; wenn man dieselbe Suche auf das Jahr 2012 einschränkt und die Ergebnisliste durchklickt, ist nach 117 Treffern Schluss. Hmm. Aber gut, wir wissen ja mittlerweile auch alle, dass Google eben nicht das Maß aller Dinge ist.

Was spricht denn für die Rettungsroutine? Die wortinterne Alliteration auf ästhetischer Ebene vielleicht. Die Tatsache, dass Rettungen eigentlich nicht zur Routine werden sollten — außer vielleicht für Rettungsschwimmer\-innen und vergleichbare Berufe. Aber sonst? Da die Wahl ja noch sehr frisch ist, sind meine Eindrücke dazu noch sehr impressionistisch, aber auf impressionistischer Ebene bin ich nicht so impressed, wie der Neuseeländer sagen würde.

Werfen wir noch einen ebenso impressionistischen und launigen Blick auf die weiteren Plätze:

2. Kanzlerpräsidentin

Ich muss sagen, das lässt mich fast ebenso ratlos zurück wie der „Gewinner“. Im DeReKo findet man sage und schreibe gar keinen Beleg dafür und die Google-Ergebnisse sind noch magerer als für die Rettungsroutine. Inhaltlich wirft der Ausdruck einen bezeichnenden Blick auf das Amtsverständnis unserer Regierungschefin — oder zumindest darauf, wie sie so rüberkommt … nämlich „neutral“ und „zurückhaltend“ (laut Begründung). Hiermit schüttle ich dazu den Kopf. Unter Wortbildungsaspekten interessant: determinativ oder kopulativ? „Es stehen sich also zwei gleichwertige Wortbestandteile gegenüber, deren Kopf sich nicht eindeutig bestimmen zu lassen scheint, wodurch eine Deutung offen bleibt“, sagt die Jury.

3. Bildungsabwendungsprämie

Das ist nun sehr kurios: Die einzigen Google-Treffer für diesen Ausdruck stammen aus tschechischen und slowenischen Internetseiten??

Bildungsabwendungsprämie

Klingt mir doch sehr nach einer etwas sperrigen Alternative zur bekannten Herdprämie mit anderem Schwerpunkt. Politischer Kampfbegriff, dem man zustimmen oder den man ablehnen kann, als Wort des Jahres finde ich das etwas dürftig.

4. Schlecker-Frauen

Das ist nun wirklich mal ein Ausdruck, der in der Öffentlichkeit angekommen ist und der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. An ihm können Schicksale festgemacht werden, die auch über den Discounter Schlecker hinaus gültig sein dürften; er dient(e) dazu, diese häufig unbeachteten Schicksale auch ins Blickfeld der Allgemeinheit zu rücken. Und schließlich: Weiß man eigentlich, wie viele „Schlecker-Männer“ es gab? Auch das ist bezeichnend: Dass die stressigen, aber eher mäßig bezahlten Tätigkeiten in dieser Kette (und sicherlich nicht nur dort) überwiegend von Frauen erledigt werden. Die Jury will ihrem „Mut“ ein „Denkmal setzen“. Ihrem Mut, entlassen zu werden und wieder neu anfangen zu müssen? Auch das finde ich nun wiederum etwas seltsam. Für mich aber bis jetzt das eigentliche „Wort des Jahres“ aus dieser Liste.

5. wulffen

Ernsthaft!?!?!? Nee, oder!?

6. Netzhetze

Muss man wohl als Verdeutschung des Anglizismus des Jahres 2011 bzw. Schweizer Wortes des Jahres 2012 verstehen: Shitstorm. Hätte man ruhig auch das Original nehmen können.

7. Gottesteilchen

Naja. „Gott“ zieht halt doch immer noch, auch wenn es um Physik geht. Kurzer Hype, dann wendeten sich alle wieder dem Alltag zu. Die Wortherkunft ist schon ganz nett: „Seinen populären, wissenschaftlich nicht verwendeten Namen erhielt das Gottesteilchen nach einem Buch, dessen ursprünglicher Titel »Das gottverdammte Teilchen« der Zensur zum Opfer fiel.“

8. Punk-Gebet

Gefällt mir als Ausdruck ganz gut. Punk und Gebet würde man ja nicht auf Anhieb miteinander verbinden; der Ausdruck an sich ist natürlich mit Pussy Riot verknüpft und steht damit auch dafür, dass selbst im 21. Jahrhundert und in unserer Nachbarschaft die Aufklärung und grundlegende Werte der Zivilisation noch nicht überall angekommen sind. Ist aber heute eigentlich auch schon wieder aus den Köpfen verschwunden; von daher kommt diese Erinnerung vielleicht auch an der richtigen Stelle.

9. Fluch-Hafen

Halb-, nein, höchstens viertelkreatives journalistisches Wortspiel, mit dem ich mich gar nicht anfreunden kann. Gar nicht. Seid witziger.

10. ziemlich beste …

Dazu hat Harald Martenstein eigentlich schon alles gesagt. Es gab auch im ZEIT-Magazin mal eine Übersicht der „Ziemlich beste …“-Überschriften in deutschen Medien. Schon etwas zu häufig verwendet, aber ja, geprägt hat es zumindest die Medien durchaus. Sprachlich, das muss man ebenfalls zugestehen, ist die Kombination der abschwächenden Gradpartikel mit dem folgenden Superlativ schon eine ganz hübsche Formulierung … bis dann eben der Sättigungsgrad erreicht ist.

* * *

Es ist wohl schwer zu übersehen, dass meine ersten Impressionen zur diesjährigen „Wort des Jahres“-Wahl nicht so überschwänglich sind. Tiefgehende sprachwissenschaftliche Analysen wurden hier natürlich nicht durchgeführt; mein Eindruck ist aber, dass die diesjährigen Preisträger dafür auch nicht viel hergeben. Die ersten Plätze sind an Ausdrücke vergeben, die dem wichtigen politisch-wirtschaftlichen Bereich zuzuordnen sind und die durchaus diskussionswürdige Themen benennen — aber gerade die ersten drei finde ich doch etwas krude. Ich will mal versönlich abschließen und die Jury nicht zu sehr kritisieren — ist ja bald Weihnachten: Vielleicht war 2012 auch einfach nicht besonders ergiebig …?

NACHTRAG, 14.12., abends:

Ich bin doch ganz beruhigt, dass bei der Rettungsroutine nicht ein wichtiges Schlagwort von mir unbemerkt ein quirliges Eigenleben entwickelt hat. Auch in anderen Kommentaren ist man über die Wahl verwundert:

  • „Was ist ‚Rettungsroutine‘? Verwunderung über Entscheidung“ (abendblatt.de)
  • „das überraschende Wort des Jahres“, „kein Wort, das in aller Munde wäre“ (spiegel.de)
  • „In den 470.000 Artikeln, die alle deutschsprachigen Dienste der Nachrichtenagentur dpa dieses Jahr bis zum Donnerstag verbreiteten, kam der Begriff „Rettungsroutine“ nur ein einziges Mal vor.“ „Ähnlich sperrig wie der Spitzenreiter lesen sich auch die nächsten Platzierungen.“ (fr-online.de)
  • „ein nicht sonderlich oft benutztes Wort“ (wdr.de)

Die Pressemeldung meldet: „Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund“. So ist das Wort offensichtlich aufgrund seiner (gefühlten) „Signifikanz“ gewählt worden. Wie ein Wort, das kaum verwendet wurde, als „populär“ bezeichnet werden könnte, müsste mir die Gesellschaft für deutsche Sprache erst erklären. Nun denn, solange es keinen Signifikanztest für Wörter des Jahres gibt, müssen wir das wohl so hinnehmen.