Das war wieder so ein Hingucken-Augen-reiben-nochmal-Hingucken-Moment: Spiegel.de meldet:

„Zlatanieren“ in Duden aufgenommen

Echt jetzt? Zlatanieren? Noch nie gehört. Ist, nach der Rettungs-Routine, gleich noch ein wichtiges Wort der letzten Monate so spurlos an mir vorbeigegangen. Die folgenden beiden Absätze geben Entwarnung:

Ein begnadeter Fußballer war Zlatan Ibrahimovic schon immer, den Status eines Nationalhelden hat er in Schweden auch – nun bekommt der Stürmer sogar ein eigenes Wort im Duden. „Zlatanieren“ ist als Ausdruck für „stark dominieren“ in die schwedische Ausgabe aufgenommen worden.

Hamburg – Schwedens Nationalmannschafts-Kapitän Zlatan Ibrahimovic ist dank seiner herausragenden Fähigkeiten in den schwedischen Duden eingegangen. Das Verb „zlatanieren“ ist als Ausdruck für „stark dominieren“ von der schwedischen Sprach-Akademie als eines von 40 neuen Begriffen aufgenommen worden. [spiegel.de, mib/dpa]

Ahh, in „die (!) schwedische Ausgabe“, „den (!) schwedischen Duden“ also (als „eines“ von x Begriffen …). Welcher „Duden“ wird das wohl sein, vielleicht dieser hier?

Svenska Duden

Deskriptivität in allen Ehren, Duden ist heute umgangssprachlich ein Synonym für ‚Wörterbuch‘, aber wenn das so auf Spiegel Online steht, wundere ich mich doch erst einmal. Und gerade „der Duden“, mit bestimmtem Artikel, ist dann doch, meiner Meinung nach, auf ein bestimmtes Produkt festgelegt.

Außerdem wird (natürlich) nicht „zlatanieren“ in „den schwedischen Duden“ aufgenommen. Das Verb lautet auf Schwedisch zlatanera (und wurde aus dem Französischen, dort zlataner [Verwendung ironisch, auch ernsthaft?], übernommen, wo Ibrahimović bei Paris Saint-Germain spielt); siehe z.B. hier, da oder dort. Interessant ist ein Blick auf die Bildung des Verbs: Ausgehend von der Basis, dem Vornamen Zlatan, wurde im Französischen das Verb zlataner durch Anfügen der Infinitiv-Endung -er gebildet. Im Deutschen wurde für die Pressemeldung das Verb zlatanieren gebildet, zwar ohne die französische Original-Endung, aber mit der etymologisch aus dem Französischen stammenden Verbalendung -ieren (und nicht etwa, wie im Fall von wulffen oder guttenbergen, durch Anfügen eines bloßen -en). Im Schwedischen sieht es zunächst so aus, als sei die französische Endung übernommen und an diese wiederum die schwedische Verb-Endung -a gehängt worden: zlataner + -a = zlatanera. In Wirklichkeit dürfte es sich aber um einen dem Deutschen sehr vergleichbaren Fall handeln: So, wie es im Deutschen -ieren gibt, gibt es im Schwedischen die Endung -era, die so ziemlich dieselbe Funktion wie die deutsche Endung hat (siehe z.B. hier). Das Verb zlatanera ist also wohl aus Zlatan + -era entstanden. Dass die französische Endung -er bereits zwei Drittel der schwedischen Endung -era ausmacht, wird die Übernahme bzw. Integration ins Schwedische noch vereinfacht haben.

Schließlich ist es dann noch fraglich, ob das Wort denn tatsächlich in „das“ schwedische/ein schwedisches Wörterbuch aufgenommen wird. Vorerst steht es lediglich auf der diesjährigen „Neuwortliste“ des Schwedischen Sprachenrates. Und wenn man sich mal beispielsweise die Neuwortliste von 2010 nimmt und mal zwei, drei Einträge, beispielsweise askstoppad, bjästa und danseoke in ein paar schwedischen Wörterbüchern nachschlägt, beispielsweise in Lexin, im Svenska Akademiens Ordbok und in der Svenska Akademiens ordlista, findet man diese Einträge dort gar nicht. Woher die Information kommt, dass zlatanera/zlatanieren gleich im Wörterbuch landet, ist also höchst schleierhaft.

Fazit: Die Pressemeldung ist für die Katz, aber immerhin haben wir was über die Umwege und Möglichkeiten der verbalen Wortbildung gelernt. Und, dass man nie glauben sollte, was in der Zeitung steht.

NACHTRAG:

Auch in anderen „Blättern“ kursiert die Meldung mit den Wörterbüchern, so auf goal.com (wo m.E. das Zitat von Ibrahimović einem falschen Kontext zugeordnet wird), huffingtonpost.fr, ad.nl, dailymail.co.uk (dort ist man Anhänger der Theorie, dass das schwedische Wort aus frz. zlataner + -a, nicht aus Zlatan + -era gebildet wurde) oder yahoo.com. Eine vernünftige Quelle wird nirgends genannt, Yahoo! verweist auf thelocal.se, wo von Wörterbüchern allerdings (ausnahmsweise) keine Rede ist. Übrigens auch nicht in der offiziellen Pressemeldung des Sprachrats, <selbstkritik>in der ich auch früher hätte nachsehen können</selbstkritik>. Zweites Fazit: Es gibt doch immer noch eine Schlagzeile her, wenn ein (ungewöhnliches) Wort in einem Wörterbuch aufgenommen werden soll — selbst wenn das dann gar nicht stimmen sollte.