Es folgt etwas Lokalberichterstattung mit Senf: In meiner beschaulichen, tendenziell profilneurotischen, aber im Großen und Ganzen doch ganz lebenswerten Heimatstadt Erlangen wird gerade diskutiert, ob man an vorbeiführenden Autobahnen nicht nur durch das bestehende tolle braune Hinweisschild mit der Aufschrift „Medizin- und Universitätsstadt“ (huiuiuiuiui), sondern auch noch durch ein weiteres tolles braunes Hinweisschild mit der Aufschrift „Hugenottenstadt“ auf sich aufmerksam machen will (siehe nordbayern.de).

Was ist eigentlich eine „Hugenottenstadt“?, frage ich mich da. Vielleicht ist das auch die Marketing-Idee dahinter: Die Vorbeifahrenden sollen sich dieselbe Frage stellen und dann mal in Erlangen vorbeischauen, um eine Antwort zu finden. (Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon Heerscharen älterer, beige-behoster Ehepaare auf mich zukommen, die fragen: „Und wo kann man jetzt hier diese Hugenotten anschauen?“ …)

Eine kleine Google– und DeReKo-Recherche fördert neben Erlangen noch folgende weitere als „Hugenottenstadt“ bezeichnete Ortschaften zu Tage:

  • Friedrichsdorf im Taunus
  • Bad Karlshafen
  • Neu-Isenburg
  • Offenbach am Main (?, wenige Fundstellen)

(Bei einer Cosmas-Kookkurrenzanalyse werden nur „Erlangen“ und „Friedrichsdorf“ als relevante rechte Nachbarn des Wortes „Hugenottenstadt“ ausgegeben.)

Nachweisbar ist, dass sich Ende des 17. Jahrhunderts die sog. Hugenotten in Erlangen niedergelassen haben; das scheint eine ganz sinnvolle Grundlage für eine „Hugenottenstadt“ zu sein. Das trifft allerdings auf viele andere Ortschaften ebenfalls zu — wahrscheinlich sind aber nicht alle davon tatsächlich für die Hugenotten neu gegründet worden, wie das in Erlangen, aber auch in Friedrichsdorf, Bad Karlshafen und Neu-Isenburg der Fall war. Man kann eine Stadt deshalb „Hugenottenstadt“ nennen, aber weshalb sollte man sie deshalb besuchen? Gibt es etwas spezifisch „Hugenottisches“ zu entdecken? Aus Erlangen kommt kaum jemand lebend heraus, ohne auf den rechteckigen Grundriss der für die Flüchtlinge gegründeten damaligen Neu- und Planstadt hingewiesen worden zu sein; auch Neu-Isenburg sieht sehr rechteckig aus — aber: das liegt wohl eher am Planstadt-Charakter als an den Hugenotten. Das Erlanger Stadtlexikon verrät denn nun auch:

Damals [Ende des 19. Jhs.; MM] entstand auch die Legende eines spezifischen Hugenottenstils und der Hugenottenstädte. Obwohl der Begriff in mehrfacher Hinsicht falsch ist – die französischen Calvinisten nannten sich selbst nicht Hugenotten, sie forderten nicht den Bau von eigenen Städten, brachten keine Architekten und Baumeister mit einschlägigen Kenntnissen mit und beabsichtigten zunächst mehrheitlich nicht, im Land zu bleiben –, erfreute er sich bald großer Beliebtheit und rascher Verbreitung. Aufgrund der damit verbundenen hohen Sympathiewerte bewirkt das Stichwort „Hugenottenstadt“ auch heute noch mehr Interesse beim Publikum als die nüchterne Bezeichnung „Neustadt“. (s.v. „Die Hugenottenstadt“ [*])

Mit anderen Worten: Es gibt nichts spezifisch „Hugenottisches“, zumindest nicht, was Städtebau oder Architektur angeht. Aber man will, wie das Stadtlexikon fast nahelegt, wohl auch nicht „Neustadt“ auf dieses tolle braune Hinweisschild schreiben, das wäre wohl doch zu wenig distinguierend. Und „(Ehemalige) Planstadt“ oder „Unsere Innenstadt wurde mal für Hugenotten gegründet, hat aber sonst nix Besonderes“ zu wenig mysteriös. Also doch „Hugenottenstadt“, wegen der „Sympathiewerte“, die (wenn es sie tatsächlich gibt) ihren Ausgang wohl im Nationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben. Dies dann mit dem Erlanger Motto „Offen aus Tradition“ in Verbindung bringen zu wollen, bedeutet jedenfalls das Hantieren mit einem zweischneidigen Schwert.

Vielleicht einigt man sich ja doch darauf, einfach kein neues Schild aufzustellen, stehen sowieso schon so viele in der Gegend rum (weiterführende Frage: Gibt es für den Ausdruck Schilderwald auch ebenso lexikalisierte Entsprechungen in anderen Sprachen?).

Hugenotte neben seinem Haus

Weiterführende Literatur:
Erlanger Stadtlexikon: „Die Hugenottenstadt“; „Hugenotten“ [*]

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