Die Vorgeschichte: Ein relativ bekannter Politiker hat einer Journalistin gegenüber einen anzüglichen Spruch bezüglich des Ausfüllens eines Kleidungsstücks gemacht. Die Journalistin hat darüber geschrieben. Viele andere haben im Anschluss darüber geschrieben, dass die Journalistin darüber geschrieben hat und was sie davon halten. Manche schreiben, der Politiker habe sich sexistisch verhalten und die Journalistin habe richtig gehandelt, dies öffentlich zu machen (im Folgenden: „positiv“). Manche schreiben, die Journalistin solle sich mal nicht so haben, das sei eben ein lustiger älterer Herr, und überhaupt, was habe sie denn zu so später Stunde noch an der Hotelbar zu suchen (im Folgenden: „kritisch“).

Im ZEIT-Magazin (Nr. 9/2013, S. 56–57) haben sie nun eine Gegenüberstellung der eindeutig positiven und der kritischen Kommentator\inn\en grafisch aufbereitet und jeweils Geschlecht, Alter und Publikationsorgan des Kommentars genannt. Die erste inhaltliche Aussage (die Grafik steht leider nicht online) lautet: „Es waren vor allem Frauen, die den Artikel [der Journalistin; MM] gutheißen, sowie einige wenige Männer unter 60.“

Diese Aussage lässt sich auch statistisch unterfüttern: Ein Chi-Quadrat-Test zeigt, dass die Verteilung der genannten Daten (insg. 44 Kommentator\inn\en, davon 17 männlich und 27 weiblich, 19 positiv und 25 kritisch) tatsächlich hochsignifikante Abweichungen von der zufällig zu erwartenden Verteilung aufweist (χ² = 7,4; df = 1; p < 0,01).

Die zweite inhaltliche Aussage lautet: Der Einfluss des Alters sei „nicht übermäßig, aber messbar: Die Kritiker sind im Schnitt etwa zwei Jahre älter als die Verteidiger.“

Das ist, nunja, nicht ganz falsch, denn die Durchschnittsalterswerte der Gruppen „positiv“ und „negativ“ unterscheiden sich tatsächlich um etwa zwei Jahre. Allerdings, und das kommt aus der Aussage nicht hervor, ist dieser Unterschied überhaupt nicht signifikant. Ein t-Test zum Vergleich der beiden Gruppen nach Alter resultiert in einer hohen Irrtumswahrscheinlichkeit von p = 0,55, womit sich aussagen lässt, dass ein evtl. doch vorhandener Unterschied zwischen den Gruppen nur zufällig ist.

Dieser Blogpost ist Ausdruck meines Erstaunens darüber. Ich dachte eigentlich, dass kritische Äußerungen zu dem fraglichen Artikel eher aus der älteren Generation stammen könnten, die hinsichtlich der Sexistische-Sprüche-Thematik nicht so sensibilisiert sind wie die jüngere Generation. Dass von jüngeren (männlichen) Meinungsmacher\inne\n nicht häufiger positiv kommentiert wird, wenn Verfehlungen gerade bei Personen des öffentlichen Lebens publik gemacht werden, wundert mich doch etwas. Man muss Politiker (und Politikerinnen) wegen eines dummen Spruchs nicht auf den Scheiterhaufen stellen, sie nicht verteufeln und nicht mit Rücktrittsforderungen bewerfen — aber man sollte schon kritisieren (und dafür nicht kritisiert werden), wenn jemand der Vorbildfunktion nicht entspricht, die man von ihm/ihr erwarten kann.

Andererseits ist wirklich nicht gesagt, dass die Zahlen des ZEIT-Magazins repräsentativ sind, und „richtig alte Leute“ sind dort auch nur wenige genannt.

Ich gebe zu, dass dieser Post etwas off topic war, aber solange jemand was gesagt oder geschrieben hat, hat es ja immerhin noch mit Sprache zu tun …