Die Kolleg\inn\en vom SprAACHENblog haben via Facebook auf die Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft  des Arbeitskreises Linguistische Sprachkritik hingewiesen. In dieser Erklärung wird eine stärkere Öffnung der Sprachwissenschaft (als akademischer Disziplin) gegenüber Themen von gesellschaftlichem Interesse gefordert; insbesondere eine sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprachkritik — einem Thema, das in der Gesellschaft offensichtlich großen Anklang findet (man betrachte nur die Leserbriefe, Artikel und Kommentare mit dem Tenor „Das Deutsche geht den Bach runter“, „Die Jugend kann nicht mehr richtig Deutsch“, „Die Anglizismen werden uns alle umbringen“ usw.).

Ich versuche ja auch, hier im Lexikographieblog sprachliche (und lexikographische) Themen auf eine nicht allzu akademische Weise an die Öffentlichkeit zu bringen, deshalb kann ich mich dieser Forderung ganz prinzipiell nur anschließen. Ich beschäftige mich hier, wie die geneigte Besucherschaft weiß, auch hie und da mit sprachkritischen Themen (bzw. mit sprachkritischen Erscheinungen) — allerdings doch meist mit Fällen, die so daneben sind, dass eine ausgewogene Darstellung schwer- und meine Reaktion darauf entsprechend harsch ausfällt.

Abgesehen davon bin ich aber auch seit längerer Zeit der Meinung, dass man die (sprachkritische) Sichtweise der fachfremden Öffentlichkeit — oder: die Meinung des so oft genannten Mannes, und der Frau, auf der Straße — auch in der Sprachwissenschaft wahrnehmen muss. Man muss ihr nicht zustimmen, aber man kann auf sie reagieren. Und zwar nicht nur durch sprachwissenschaftlich fundierte Abqualifikation bestimmter Meinungen als irrelevant (ich fasse mich auch an die eigene Nase), auch nicht dadurch, dass man eine bestimmte jugendsprachliche Varietät als neuen „Dialekt“ durchsetzen will (was aus der Sicht einer bestimmten soziolinguistischen Richtung ja sogar zu begründen sein mag, aber in der Öffentlichkeit nur zu Kopfschütteln über die Dampfplauderer da in ihrem Elfenbeinturm führt), sondern nach Möglichkeit auch auf behutsame und didaktische Art und Weise.

Wichtig ist aber auch, ermitteln zu können: Was ist denn die Meinung der Öffentlichkeit? Denn das ist nicht immer die Meinung derer, die am lautesten schreien und irgendwelche Fußgängerzonenaktionen durchführen. Auch für Deutschlehrer\innen, die ja an den Universitäten von Sprachwissenschaftler\inne\n (u.a.) ausgebildet werden, ist es wichtig, nicht nur den deskriptiven Blick auf die Sprachentwicklung vermittelt zu bekommen, der zu Aussagen führt wie: Es ist nicht schlimm, wenn englischsprachige Ausdrücke und Konstruktionen ins Deutsche kommen, denn Vergleichbares hat es schon immer gegeben und wir verstehen uns heute ja schließlich auch noch. Sie müssen auch einen deskriptiven Blick auf die Spracheinstellung der Öffentlichkeit haben, um ihren Schüler\inne\n die passende Sprachverwendung in unterschiedlichen Lebensituationen (z.B. Bewerbungsgespräch, offizieller Schriftverkehr) vermitteln zu können. Das leisten die Lehrer\innen heute (hoffentlich) schon, und die Jugendlichen schaffen es meist auch von ganz alleine, zwischen den unterschiedlichen Registern zu wechseln; in der Schule kann aber das Bewusstsein dafür geschärft oder in manchen Fällen auch „Nachhilfe“ gegeben werden. Hierzu wäre eine stärkere sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit der öffentlichen Spracheinstellung sicherlich hilfreich.

So viel fürs Erste, als erste Reaktion und als Hinweis. Ich werde auch in Zukunft dumme Sprachkritik als solche darstellen und nicht jeden Quatsch als wertvolle, berücksichtigenswerte Meinung zulassen. Aber ich werde auf das Thema (und die Erklärung) sicherlich noch zurückkommen, wenn es sich innerhalb und außerhalb meines Hirns noch weiter entwickelt hat.

Nochmal der Link zur Erklärung: http://www.ak-sprachkritik.de/aachener_erklaerung.htm