Ha! Bam — in your face, Miesepeter! Die Uni Leipzig führt das generische Femininum ein: »Titel wie „Rektorin“ und „Professorin“ gelten künftig auch für Männer.« (spiegel.de)

Damit wird mal ein markantes Signal gesetzt in der Debatte um geschlechtergerechte Sprache. Aber obwohl mich bei der obigen Meldung schon ein bisschen die diebische Freude packt — das Gelbe vom Ei ist dieses Vorgehen dann auch nicht.

Zwar kann man heutzutage schlicht und ergreifend nicht mehr behaupten, dass das sog. generische Maskulinum unproblematisch sei, da ja die Frauen immer mitgemeint seien. Falls das irgendwann in der deutschen Sprachgeschichte tatsächlich der Fall gewesen sein sollte — schön und gut, heute belegen empirische Studien klar, dass bei Formen des „generischen Maskulinums“ am häufigsten und am schnellsten eben Männer assoziiert werden (siehe z.B. im Sprachlog, sehr verständlich zusammengefasst von Anatol Stefanowitsch). Und damit besteht keine Gleichheit, keine Gerechtigkeit, keine Neutralität. Wäre die Form tatsächlich „neutral“, dürfte es keine Unterschiede in der Reaktion der Versuchsteilnehmer\innen geben.

Trotzdem — wo über Jahr(hundert)e hinweg die Frauen immer nur „mitgemeint“ und dadurch untergeordnet waren, sollen jetzt die Männer einfach nur mitgemeint werden. Ausgleichende Gerechtigkeit, könnte man sagen, aber davon bin ich nicht überzeugt. Auch wenn, wie ebenfalls das Sprachlog mit ganz schlichten Mitteln zeigt, in diesem Fall die männliche Form tatsächlich in der weiblichen Form enthalten ist.

Bislang versucht man bekanntlich, dieser Problematik insbesondere mit Doppelformen und unterschiedlichen schriftlichen Mitteln zu begegnen, wobei letztere natürlich den Nachteil haben, schlecht ausgesprochen werden zu können. Um nicht nur männliche und weibliche Personen, sondern auch solche, die sich nicht kategorisieren lassen wollen, anzusprechen, wird häufig der sog. Gender_Gap („Leser_innen“) verwendet, der natürlich auch schwer auszusprechen ist.

Es gibt aber noch weitergehende Ansätze, einige hier sehr kurz und in Ausschnitten zusammengefasst:

  • Baumgartinger (2008) schlägt das Stern-Symbol vor, das auch anstelle eines (genusmarkierten) Pronomens stehen soll: „Statt „Liebe_r Leser_in, der_die das gerade liest“ steht dann „Lieb* Les*, * du das gerade liest“. […] In der mündlichen Sprache ist er relativ leicht zu realisieren, weil mensch ihn einfach aussprechen kann: Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest. Und im Plural einfach [schteanschtean] oder [schteane].“ (S. 35)
  • Sylvain/Balzer (2008) entwickeln die Form des „Indefinitums“ für Substantive — nicht Mann oder Frau, sondern Lim: So steht neben „der Student“ und „die Studentin“ indefinit: „din Studentnin“. Auch für Artikel, Pronomina und Adjektivendungen ist gesorgt.
  • Bei Sylvain/Balzer (2008), aber auch schon bei Behlert (1998) erhält die maskuline Form ein Suffix, so dass nicht die weibliche Form durch Anfügen eines Anhängsels an die männliche Form entsteht, sondern dass sowohl weibliche als auch männliche Form je aus einer Grundform abgeleitet werden (S. 51).
  • Heger (2013) entwickelt neue, geschlechtsneutrale Pronomina: „das Personalpronomen xier, das Possesivpronomen xieser, den Artikel und das Relativpronomen dier„.

Diese Vorschläge (und es gäbe noch weitere) klingen für unsere Ohren seltsam; noch seltsamer als „Herr Professorin“. Auch ich war zuerst etwas befremdet, als ich davon mitbekam. Es sind radikale, neue Ansätze und sie werden sich deswegen nur schwer, wenn überhaupt, durchsetzen können. Selbst in der Sprachwissenschaft werden sie — wenn ich das richtig sehe — außerhalb einer kleinen Community nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Dennoch: Gerade weil sie neu sind, sind sie frei von Männlich-Weiblich-Assoziationen und daher halte ich sie mittlerweile im Grunde „technisch“ für die beste Möglichkeit, die Diskriminierung zumindest auf sprachlicher Ebene wirklich zu beenden. Weil die Sprache aber (und darüber bin ich auch nicht unglücklich) nicht nur Technik ist, wird sich das nicht so einfach machen lassen.

Eine einfache Lösung habe ich also auch nicht. Aber dafür noch mehr Probleme.

Literatur (sofern nicht im Text verlinkt):

Baumgartinger (2008): Persson Perry Baumgartinger: Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest… Internet: http://www.liminalis.de/2008_02/Liminalis-2008-Baumgartinger.pdf.

Behlert (1998): Matthias Behlert: Die Häsis und die Igelin. 15 Grimmsche Märchen, überarbeitet und in entpatrifiziertes (gerechtes) Deutsch übertragen. Mit einer Erläuterung. Internet: http://www.nlp.li/HaesisIgelin1.pdf.

Heger (2013): Anna Heger: Pronomen ohne Geschlecht. Version 3.1 [letzte Aktualisierung am 15.5.2013]. Internet: http://annaheger.wordpress.com/pronomen/.

Sylvain/Balzer (2008): Cabala de Sylvain und Carsten Balzer:Die SYLVAIN-Konventionen – Versuch einer „geschlechtergerechten“ Grammatik-Transformation der deutschen Sprache. Internet: http://www.liminalis.de/2008_02/Liminalis-2008-Sylvain-Balzer.pdf.

NACHTRAG:

In meiner Auflistung vergessen hatte ich leider die unbedingt erwähnenswerte Luise Pusch, die eine Abschaffung der Endung -in und die Verwendung des Neutrums mit dem bekannten Artikel „das“ als Bezeichnung für nicht explizit markierte Personenbezeichnungen vorschlägt: „Warum sollen wir das Neutrum nicht aktivieren für diesen Mitteilungszweck, über Personen zu reden, deren Geschlecht nicht vorher festgelegt werden soll. Also: Wer wird das nächste Bundespräsident?“ (siehe das Interview auf dw.de).