Charles Francis Richter, 1900–1985, Nordamerikaner, hat zweifelhaften Ruhm erlangt: Obwohl sein Nachname meist mehrmals im Jahr zu prominenter Sendezeit in Radio und Fernsehen zu hören und in Zeitungen zu lesen ist, hält sich das Interesse der Marketingstrategen an seiner Person in Grenzen, denn wann immer sich auf Herrn Richter berufen wird, geschieht dies im Umfeld von zerstörten Häusern, obdachlos gewordenen Familien und Sachschäden in vielstelligen Beträgen.

Charles Francis Richter, 1900–1985, Nordamerikaner, erforschte Erdbeben und entwickelte (mit Beno Gutenberg) die nach ihm benannte Skala zur Messung von deren Stärke. Und so lautet der Satz, der ihn vermutlich auch in mehreren Generationen noch im öffentlichen Gedächtnis unvergessen sein lassen wird: „Das Erdbeben erreichte eine Stärke von … auf der nach oben offenen Richter-Skala.“

Die nach oben offene Richter-Skala. Fast schon eine Art Redewendung, ist es doch erstaunlich, dass gerade bei der Richter-Skala so oft darauf hingewiesen wird, dass sie nach oben unbegrenzt ist. Selten hört man: „Die Temperaturen erreichten heute 34 Grad auf der nach oben offenen Celsius-Skala.“ Oder: „Nachdem das Erdbeben die Decke zum Einsturz gebracht hatte, schauten die Menschen verdutzt aus der nach oben offenen Mailänder Scala …“ Man verzeihe mir mein Faible für Kalauer.

Und nicht nur bei Skalen ist die Nach-oben-Offenheit selten eine besondere Erwähnung wert. „Tonnenweise Lava floss aus dem nach oben offenen Ätna“ –? „Der Oktoberfestbesucher zahlt heuer 10 Euro für den Liter Bier im nach oben offenen Maßkrug“ –? „Bei der abrupten Bremsung wurde der Chihuahua aus dem nach oben offenen Cabriolet geschleudert“ – vielleicht …

Dabei ist die Offenheit gar nicht mal der interessanteste Aspekt. Nun gut, wenn die Richter-Skala nach oben offen ist (dazu unten), dann kann man theoretisch auch ein Erdbeben der Stärke (oder: Magnitude) 100 nach ihr bestimmen – sollte es in einem solchen Fall dann praktisch noch Apparaturen geben, die die Messung erlauben. Viel interessanter als die Offenheit der Skala ist nämlich ihre Logarithmizität.

Eine Temperatur von 6 Grad Celsius (die Eingeweihten schreiben „6°C“) ist im Vergleich zu einer Temperatur von 5°C eine Einheit wärmer, eine Hundertstel-Stufe auf der linearen Celsius-Skala vom Gefrier- bis zum Siedepunkt von Wasser. Ein Beben der Stärke 6 auf der nach oben offenen Richter-Skala (die Eingeweihten schreiben ML = 6; ML = Lokalbeben-Magnitude oder local magnitude) ist im Vergleich zu einem Beben der Stärke 5 nicht einfach „eine Einheit“ stärker, es ist zehnmal so stark. Ein Beben der Stärke 7 wäre demnach 100mal so stark wie eines der Stärke 5. Die letzten nennenswerten Erdbeben in Deutschland waren leichte bis mittelstarke Erdbeben (Magnitude zwischen 4 und 6); das Erdbeben vor Japan (Stichwort Fukushima) aus dem Jahr 2011 hatte die Stärke 9.

Bei einem Beben der Stärke 100 (nur der Vollständigkeit halber: das wäre die Stärke eines gerade so „starken“ Erdbebens von ML = 6 mal 10^94 oder, weil es so beeindruckend aussieht und ich für diese Zahl keine -illionen- oder -illiarden-Bezeichnung kenne: 10.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000mal stärker) würde es wahrscheinlich – dies ist nur eine nicht überprüfte Vermutung, aber angesichts der vielen Nullen schon ganz glaubhaft – unsere Mutter Erde in Stücke reißen. Skala offen oder geschlossen, dann wäre Herr Richters Ruhm dahin. Dann flögen wir mitsamt Maßkrug, Hund und Cabrio durch das Universum, von dem eher strittig ist, ob es überhaupt ein „Oben“ hat und ob es offen ist. Und wo es sowohl nach der Skala von Anders Celsius, 1701–1744, Schwede, als auch nach der von Daniel Gabriel Fahrenheit, 1686–1736, Deutscher, und der von Sir William Thomson, Lord Kelvin, 1824–1907, Brite, seien sie nun offen oder nicht, ziemlich ungemütlich sein soll. Was auch ein Erdbebenforscher wie Charles Francis Richter, 1900–1985, Nordamerikaner, unumwunden zugeben würde.

Einschränkung: Wenn die Richter-Skala nach oben offen ist, schreibe ich oben — dem Sprachgebrauch nach ist das ja der Fall, auch wenn die Skala laut Wikipedia messtechnisch eigentlich auf Erdbebenstärken bis 6,5 beschränkt ist (danach findet eine andere Skala Anwendung). Eine solche Beschränkung ist mir für die Celsius-Skala nicht bekannt. Eigentlich müsste man daher gerade bei Temperaturangaben sagen (können): „Die Temperaturen erreichten heute 34 Grad auf der nach oben offenen Celsius-Skala.“ Irgendwie hat sich diese Sprechweise aber gerade bei der Richter-Skala, für die der Sachverhalt wohl gar nicht gilt, durchgesetzt. Für den Fall, dass die Temperaturen heute aber sogar noch 36 Grad auf der nach oben offenen Celsius-Skala erreichen sollten, bin ich jedoch ganz froh, dass diese „nur“ linear und nicht logarithmisch ist.

[Dieser Beitrag stammt ursprünglich aus dem Jahr 2005 und wird hier in etwas veränderter Form wiedergegeben.]