Von Duden gibt es ein neues Wörterbuch zur deutschen Sprache. Es heißt schlicht Die deutsche Sprache, ist im September erschienen, und bevor hier ein anderer Eindruck entsteht: Ich hatte es noch nicht in den Händen. Bei Duden will man damit wohl einen Weg weiter beschreiten, den ich nicht für ganz falsch halte: Einerseits gibt es die Informationen kostenlos im Internet, andererseits gab es bereits in den vergangenen Jahren immer mal wieder Spezialausgaben in Printform und hochwertigem Design für das sprachinteressierte Publikum, das solch ein Nachschlagewerk auch als ästhetisch ansprechendes Schmuckstück begreifen möchte. Das neue Wörterbuch ist offensichtlich für dieses Publikum gedacht: Drei Bände im dezent gestalteten Schuber machen schon etwas her, sind aber für 99 Euro auch nicht unbedingt ein Schnäppchen.

Laut Verlagsangaben sind die Lemmata im neuen Dreibänder „belegt mit Beispielen aus der Hochliteratur“, wie auch die Lemmata im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ (3. Aufl. in 10 Bänden, 1999). Das neue Wörterbuch enthält außerdem „ausführliche Sonderteile zu Sprachthemen wie Grammatik oder Sprachgeschichte“. Auch einen Text zur Sprachgeschichte gab es bereits in der dritten Auflage des „Großen Wörterbuchs“ (Printfassung); in der CD-ROM-Version fehlt dieser ebenso wie in der neuen, 4. Auflage, die nur auf CD-ROM erschienen ist. Zu prüfen wäre, ob der gut 15 Jahre alte Text aus dem „Großen Wörterbuch“ und der Sonderteil zur Sprachgeschichte im neuen Dreibänder große Überschneidungen aufweisen.

Im Folgenden das neue Wörterbuch rein quantitativ im Vergleich zu anderen Duden-Wörterbüchern:

  • Duden. Die deutsche Sprache. Wörterbuch in drei Bänden. Bd. 1: A–GELD. Bd. 2: GELE–PEKO. Bd. 3: PEKO–ZZ. 1. Auflage. Erschienen 2013. Nach Verlagsangaben rd. 150.000 Lemmata. Preis: rd. 100 Euro.
  • Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. 4. Auflage, nur auf CD-ROM. Erschienen 2012. Nach Verlagsangaben 230.000 Lemmata (das klingt halbwegs realistisch: für die 3. Aufl. (1999) hatte ich einmal 208.000 Lemmata hochgerechnet; für die 2. Aufl. (1993–95) 195.000). Preis: rd. 200 Euro.
  • Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. Erschienen 2011. Vermutl. rd. 140.000 Lemmata (für 6. Aufl. 135.000 hochgerechnet). Preis: rd. 40 Euro (Buchausgabe).
  • Duden. Das Bedeutungswörterbuch. 4., aktualisierte und erweiterte Auflage. Erschienen 2010. Rd. 20.000 Lemmata. Preis: rd. 22 Euro (Buchausgabe).
  • Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 26., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Erschienen 2013. Nach Verlagsangaben 140.000 Lemmata. Preis: rd. 25 Euro.

Mit seinen 150.000 Lemmata ist der neue Dreibänder rein quantitativ kein adäquater Nachfolger des früheren Zehnbänders und keine Printversion der neuen CD-ROM-Ausgabe des „Großen Wörterbuchs“. Das wird aber auch nirgendwo behauptet. Die 20.000 Lemmata des „Bedeutungswörterbuchs“ (aus der Reihe Duden 1–12) sticht das neue Wörterbuch locker aus. Knapper wird es beim „Universalwörterbuch“: Hier müsste man ganz genau hinsehen, um zu entscheiden, ob sich die 60 Euro „Aufpreis“ bei nur ca. 10.000 zusätzlichen Lemmata aus reiner Anwendungssicht wirklich lohnen, d.h. ob die Artikel insgesamt ausführlicher, differenzierter oder anderweitig „mehrwertiger“ sind als im „Universalwörterbuch“. Oder ob man hier überwiegend fürs Design zahlen soll. Das Rechtschreibwörterbuch bewegt sich bei der Lemmazahl in ähnlichen Dimensionen, ist aber eben ein Rechtschreibwörterbuch und hat als solches deutlich weniger Bedeutungserklärungen und andere Angaben.

Für eine genauere Analyse müsste mir natürlich jemand das Wörterbuch schenken :-) … Aber da ich gedruckte Nachschlagewerke auch gerne als Schmuckstücke begreife, stehe ich diesem neuen Wörterbuch zunächst einmal wohlwollend gegenüber.

Und weil in diesem Post jetzt so oft das Wort Duden gefallen ist: Ein sehr schön gestaltetes Wörterbuch ist auch das einbändige „Wahrig. Illustriertes Wörterbuch. 2., aktualisierte Auflage. Erschienen 2004.“ Schon ein bisschen älter, aber, wie gesagt, sehr schön: gutes Papier, farbige Abbildungen, und die Artikel von Wahrig. So viel als Ausgleich.

NACHTRAG 04.12.:

In der Bayern-2-Sendung Sozusagen! vom 29.11. gibt es ein ca. zehnminütiges Interview mit Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht über dieses neue Wörterbuch.