Im Sprachlog stellt Anatol Stefanowitsch gerade die Verbindung zwischen Schrippen und leichter Sprache her. Im letzten Absatz schreibt er: „Schrippen sind kleine Brote.“ Manchmal braucht man so Augenöffner, die den Blick auf Alltägliches lenken:

Ich denke, wir sind uns alle darüber einig, dass Schrippen irgendeine Art von Brötchen sind. Und Brötchen sind, der Form nach, kleine Brote: Die Endung -chen wird schließlich zur Bildung von Verkleinerungsformen (Diminutiva) verwendet. So wie in Kästchen ‚kleiner Kasten‘, Mäntelchen ‚kleiner Mantel‘ usw. Noch im Deutschen Wörterbuch heißt es für Brötlein (= Brötchen): „ein brotlaibchen“. Aber sind Brötchen wirklich kleine Brote? Wenn ich zum Bäcker gehe und ein „kleines Brot“ verlange, erwarte ich kein Brötchen. Mein Sprachgefühl ist verwirrt.

Aktuellere Wörterbucherklärungen zu Brötchen helfen auch nicht viel weiter:

(vom Bäcker hergestelltes) rundes oder längliches Gebäck (in vielerlei spezieller Ausformung) aus Weizenmehl (auch Roggenmehl, Kleie), Hefe und Milch; Semmel (duden.de)

kleines rundes oder längliches Gebäck aus Weizen- oder Roggenmehl, Wasser oder Milch und Hefe; Syn. 〈bayr., österr.〉 Semmel, 〈berlin.〉 Schrippe (wissen.de/Störig)

bekömmliches und billiges, meist weißes Gebäck aus Hefe, Semmel (dwds.de)

Das könnte so ziemlich alles sein, was es beim Bäcker gibt — wenn das Synonym Semmel nicht gegeben wäre, das im übrigen dann wieder als ‚Brötchen‘ erklärt wird. Gerade einmal bei wissen.de/Störig wird das Attribut „klein“ genannt, das ich auch genannt hätte. Im Vergleich dazu die Erklärungen zu Brot:

aus Mehl, Wasser, Salz und Sauerteig oder Hefe durch Backen hergestellte Backware, die als Grundnahrungsmittel gilt (duden.de)

Gebäck aus Mehl, Salz, Wasser (mit Sauerteig oder Hefe als Treibmittel) (wissen.de/Störig)

sättigendes, bekömmliches und billiges Gebäck größeren Umfanges, das aus Roggenmehl und Sauerteig oder Hefe hergestellt und in Scheiben aufgeschnitten wird und das das wichtigste Nahrungsmittel vieler Völker bildet, Brotlaib (dwds.de)

Im Gegensatz zum Brötchen gibt hier dwds.de den größeren Umfang an. Ist die Tatsache, dass Brot als Grundnahrungsmittel gilt, ausreichend, um es vom Brötchen zu unterscheiden?

Ich will das alles mal so stehen lassen. Sprachgeschichtlich sind Brötchen wahrscheinlich kleine Brote und die Herstellungsweise ist ja zumindest ähnlich. Aber liegen nicht doch schon genug Unterschiede vor, um zu sagen, dass die Bedeutung von Brötchen über die von kleines Brot hinausgeht? So wie die von Herrchen oder Frauchen, die ja auch nicht wirklich kleine Herren und Frauen sind. Ich meine: ja — aber was wären die Eigenschaften, die das Brötchen vom Brot unterscheidet? Denken Sie mal über das Wochenende darüber nach.

Brötchen

Kleine Brote?

Spaßhalber könnte man zukünftig auch mal so Redewendungen verwenden wie:

Womit verdienst du eigentlich deine kleinen Brote? — oder:
Nach der Niederlage muss er jetzt lernen, kleinere kleine Brote zu backen.

(Abbildung: aus Wikimedia Commons unter Lizenz CC BY-SA 3.0)

NACHTRAG, 28.11.:

So. Jetzt hatten wir alle länger als ein Wochenende Zeit, uns Brötchengedanken zu machen. Während gnaddrig weiter vom Brötchen als „kleinem Brotlaib“ ausgeht, bringt C. Päper den Gedanken ins Spiel, dass durch die Suffigierung eine „Konventionalisierung“ begünstigt wird — wofür ich allerdings nicht nur das Suffix verantwortlich machen würde, denn Bedeutungsveränderungen gibt es bei allen Arten von Wörtern. re2tko2vski nennt in der ihm eigenen Liebenswürdigkeit den Terminus Lexikalisierung, der aber meine eigentliche Frage auch nicht beantwortet: Sind Brötchen „nur“ kleine Brote, und wenn nicht, was unterscheidet sie von kleinen Broten? Zutaten? Zubereitungsweise? Verwendung? Denn das war eine tatsächliche, konkrete Frage. Tatsächlich gibt es Brötchen, die nur kleine Versionen größerer Laibe sind, es gibt aber auch Brötchen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob ich sie, in fünffach vergrößerter Form, dann als Brote bezeichnen würde. Je länger ich darüber nachdenke … vielleicht schon. Was die Lexikalisierung angeht, so scheint mir Brötchen damit irgendwo zwischen doch noch analysierbar (als Brot + Diminutivsuffix) und schon etwas bedeutungsverschoben-lexikalisiert zu stehen. Das konkret festzumachen, bleibt aber schwierig.