Das Wörterbuch als ewiger Hort der politischen Unkorrektheit. Die 23. Auflage des DRAE, des Wörterbuchs der Spanischen Sprachakademie, soll, wie man hört (elpais.com, via EMLex/Scoop.it), ein ganz klein bisschen weniger „sexistisch“ sein als die aktuelle, 22. Auflage. Derzeit finden sich dort Einträge wie (Beispiele aus dem El-País-Artikel: selektive Artikelauszüge!; Übersetzung von mir):

Huérfano. Dicho de una persona de menor edad: a quien se le han muerto el padre y la madre o uno de los dos, especialmente el padre.
[Waise. Minderjährige Person, deren Vater und Mutter gestorben sind, oder einer der beiden, besonders der Vater.]

Hombre. Ser animado racional, varón o mujer. / Individuo que tiene las cualidades consideradas varoniles por excelencia, como el valor y la firmeza.
[Mann. Vernunftbegabtes Lebewesen, Mann oder Frau. / Individuum, das die als typisch männlich geltenden Eigenschaften aufweist, wie Mut und Standhaftigkeit.]

Mujer. Persona del sexo femenino. / Que tiene las cualidades consideradas femeninas por excelencia.
[Frau. Person des weiblichen Geschlechts. / Wer die als typisch feminin/weiblich geltenden Eigenschaften aufweist.]

Femenino. Débil, endeble. [Feminin/Weiblich: Schwach, kraftlos.]

Masculino. Varonil, enérgico. [Maskulin/Männlich: Mannhaft, energisch.]

Während ich die Lesart, dass ein Kind, das den Vater verloren hat, mehr Waise sein soll als ein Kind, das die Mutter verloren hat, aus meiner subjektiven und deutsch-geprägten (Sprach-)Erfahrung nicht nachvollziehen kann (dies ist einer der Fälle, die laut El País geändert werden), ist die Kritik an den weiteren Bedeutungserklärungen selbst kritisch zu betrachten.

Auch wenn man der Überzeugung ist, dass die weibliche Hälfte der Menschheit nicht das „schwache Geschlecht“ darstellt, und dies auch in der persönlichen Sprachverwendung berücksichtigt, so muss man doch — wenn auch vielleicht zähneknirschend — wahrnehmen, dass diese Bedeutung durchaus in der Sprachgemeinschaft umherspukt. Selbst in Debatten von Vertreter\inne\n größerer Geschlechtergerechtigkeit und weniger stereotypen Denkens liest/hört man gelegentlich, dass Jungen, die keine Haudraufs vor dem Herrn sind, als „feminin“ charakterisiert werden (Beispiele möge man sich selbst ergoogeln); umso mehr in weniger sensiblem Umfeld. Pedro Álvarez de Miranda (akademischer Geschäftsführer(?) der 23. Auflage des DRAE) ist also zuzustimmen, wenn er sagt (aus dem El-País-Artikel):

Se trata de que el Diccionario sea mejor, no menos machista, sino de que lo que diga sea verdad. […] [N]o se cambia por protestas sino porque no es verdad. Lo que no se puede pretender es cambiar la realidad a través del Diccionario. Si la sociedad es machista, el Diccionario la reflejará. Cuando cambia la sociedad, cambia el Diccionario.
[Es geht darum, dass das Wörterbuch [durch die Überarbeitung; MM] besser wird; nicht weniger machistisch, sondern dass das, was darin steht, die Wahrheit ist. […] Wir ändern nichts aufgrund von Protesten, sondern weil es tatsächlich so ist. Man kann nicht versuchen, die Realität durch das Wörterbuch zu verändern. Wenn die Gesellschaft machistisch ist, wird das Wörterbuch sie widerspiegeln. Wenn sich die Gesellschaft ändert, ändert sich auch das Wörterbuch.]

Das gilt im übrigen natürlich auch fürs Deutsche. Besonders perfide ist es, wenn sich Stereotype in Beispielangaben schmuggeln, die die „typische“ Verwendung demonstrieren sollen (ich hatte, glaube ich, schon irgendwann einmal auf Luise Puschs großartigen Aufsatz „Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott“ hingewiesen, der leider nicht online zugänglich ist). Hier besteht ein gewisser Ermessensspielraum und eine große Verantwortung der Lexikograph\inn\en, was die Auswahl und Formulierung von Beispielen oder Belegen angeht.

Wenn aber aus den Daten hervorgeht, dass eine bestimmte Bedeutung/Verwendung häufig vorkommt, muss dies auch angesprochen werden. So findet sich in Dudens Großem Wörterbuch der deutschen Sprache (4. Auflage) unter männlich (Lesart 3) der Eintrag „männliche Haltung, Kraft, Stärke, Energie; ein männlicher Entschluss“ (aber auch: „die männliche Eitelkeit“) (online fehlen diese Zeilen bei derselben Lesart). Beim Thema „weiblich“ mogelt sich der Online-Duden ebenfalls etwas um den heißen Brei herum: Unter Lesart 3 heißt es als Erklärung: „von der Art, wie es (in einer Gesellschaft) für die Frau, das weibliche Geschlecht als typisch, charakteristisch gilt; feminin (1a, b)„. Den Hinweis auf den gesellschaftlichen Kontext finde ich durchaus relevant. Unter „Beispiele“ wird dann genannt: „eine typisch weibliche Eigenschaft“ — ohne jedoch eine anzugeben. Was ist denn eine typisch weibliche Eigenschaft in der Vorstellung der Duden-Redaktion? Oder der Sprachgemeinschaft? Auch im Artikel zu feminin wird man in der Online-Version nicht viel schlauer; man erfährt aber (unter 1c), dass feminin, mit Bezug auf Männer verwendet, „oft abwertend“ gemeint ist.

Auch in diesem Fall erfährt man erst im Großen Wörterbuch, in welche Richtung die Reise wohl geht, und zwar anhand von Literaturzitaten; unter weiblich (3): „ich muss es auch tun (= sticken), weil ich endlich weiblich erzogen werden soll (Keun, Mädchen 132)“. Und unter feminin (1) ‚für eine Frau charakteristisch, weiblich‘: „Ich weinte ein wenig, um Jonas auf feminine Art mein Missfallen kundzutun (Noll, Häupter 144)“. Weiblich ist also sticken und (strategisch) weinen zu können. Auch hier wird die unangenehme Wahrheit (?), oder was mancher dafür hält, in Beispielen versteckt, was in meinen Augen, wie gesagt, besonders perfide ist.

Fast schon Realsatire, und daher zu schade, um sie nicht noch einmal anzusprechen, sind dann aber die typischen Wortverbindungen, die der Online-Duden bei Mann und Frau angibt. Die stammen, was man so hört, aus einem großen Textcorpus und sind automatisch berechnet, also verhältnismäßig frei von lexikographischer Willkür. Da erfährt man dann, welche typischen Eigenschaften/Adjektive bei „Mann“ stehen, nämlich unter anderem „reich“, „stark“ und „bewaffnet“. Bei „Frau“ dagegen stehen unter anderem „schwanger“, „schön“ und „nackt“:

Duden-Kookkurrenzen: Mann/Frau

Muss man deshalb „den Duden“ kritisieren? Nein. Wie man in die Welt hineinredet und -schreibt, so schallt es aus dem Wörterbuch heraus.

Ich bin zwar durchaus der Auffassung, dass man selbst seinen Sprachgebrauch reflektieren und möglichst mit gutem Beispiel voran gehen sollte; ich halte es auch nicht für verkehrt, wenn öffentliche Institutionen versuchen, durch einen bestimmten Sprachgebrauch ihre Vorstellung von wie auch immer „gerechter“ Sprache zwanglos umzusetzen und damit vielleicht auch den einen oder die andere zum Nachdenken anregen. Ich meine aber, dass Wörterbücher auch die fragwürdigsten Auswüchse des Sprachgebrauchs aufführen und erklären, ggf. kommentieren müssen (sofern sie in einer relevanten Häufigkeit auftreten). Diese Auswüchse sind natürlich weiter zu verfolgen und zu beobachten, um nicht Gefahr zu laufen, tatsächlich überkommene Stereotype ohne Notwendigkeit länger am Leben zu erhalten. Kritik am Wörterbuch zu üben, ist daher häufig legitim und wichtig, aber nicht, wenn das Wörterbuch nur den Sprachgebrauch der Gesellschaft widerspiegelt. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn ein Wörterbuch nicht den tatsächlichen Sprachgebrauch widerspiegelt, dann ist das der Kritik würdig.

Literaturhinweise:

Nübling, Damaris: Zur lexikografischen Inszenierung von Geschlecht. Ein Streifzug durch die Einträge von Frau und Mann in neueren Wörterbüchern. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 37.2009: 593–633. [PDF auf Homepage der Autorin]

Pusch, Luise: „Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott“. Das Duden-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman. In: Pusch, Luise: Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik (edition suhrkamp 1217). Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984: 135–144.