Weiter geht es mit den Kandidaten zum Anglizismus des Jahres 2013, heute: Land Grabbing.

Der Ausdruck, der auch in den Varianten Landgrabbing und (seltener) Land-Grabbing, LandGrabbing (Vorschlag: #LaGra) oder land grabbing vorkommt, wird seit einer Weile im Kontext des Erwerbs (oder der Pacht) von großen Landgebieten überwiegend in den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens, Südamerikas oder in Brandenburg seitens internationaler Konzerne oder Spekulanten zum Zweck der wirtschaftlichen Nutzung zu eigenen Zwecken (besonders zum Anbau von Agrartreibstoffen oder Tierfutter) verwendet; Leidtragende ist die ortsansässige Bevölkerung, die dadurch ihr Land verliert und so mittel- oder unmittelbar vertrieben wird. Die folgenden Zitate (mittels COSMAS/DeReKo) mögen dies verdeutlichen:

„Landgrabbing“, wie die Raffgier nach Grundbesitz heute in Kenya genannt wird [Zürcher Tagesanzeiger, 23.07.1996, S. 5]

Völlig zu Recht werden im Antrag der Grünen die negativen Folgen dargelegt, die mit dem sogenannten Land-Grabbing – darunter ist eine großflächige Landaneignung zu verstehen – verbunden sind. Aber das eigentliche Problem wird zumindest in Teilen schamhaft umschrieben. Schon die englische Bezeichnung verhüllt den Skandal. Bei den vielfältigen Formen der Landnahme geht es um den Diebstahl konkreter Zukunftschancen der Entwicklungsländer. Diejenigen, die es sich leisten können, verschaffen sich eigene Chancen zulasten der ärmsten Länder. [Protokoll der Sitzung des Parlaments Deutscher Deutscher Bundestag am 07.05.2009]

Westliche Investoren fürchten zudem die Ankündigung der Opposition, im Falle eines Wahlsieges das «Land Grabbing» zu verbieten: Unter Zenawi hat Äthiopien Zehntausende Hektaren Ackerland an ausländische Firmen verkauft, die diese als Plantagen für Biosprit oder Blumen nutzen – während gleichzeitig mehr als sechs Millionen Äthiopier auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. [St. Galler Tagblatt, 22.05.2010, S. 9]

Landraub in Kolumbien    Der Mensch hat ein Recht auf Nahrung und soziale Sicherheit (Artikel 25 der Menschenrechtserklärung). Diese Basisausstattung wird immer häufiger durch „Landklau“ minimiert. Das „Landgrabbing“, wie der Fachausdruck dafür heißt, ist Thema des Films „Ein Lächeln mitten im Krieg“ [Nürnberger Nachrichten, 30.11.2010, S. 12]

Denn auch deutsche Unternehmen wie die Deutsche Bank mischen munter beim Land Grabbing mit. Angesichts der Finanzkrise suchen sie nach neuen Finanzprodukten und haben erkannt, dass neben Erdöl auch Agrarland und Wasser knappe Ressourcen sind. ///
Die Auswirkungen von Land Grabbing oder zu Deutsch „Landnahme“ in den Ländern des globalen Südens sind gravierend: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Fischer und Nomaden werden durch die Landkäufe ausländischer Unternehmen und Staaten teilweise gewaltsam von ihrem Land vertrieben. [Protokoll der Sitzung des Parlaments Deutscher Deutscher Bundestag am 02.12.2010]

Auf die Folgen dieser Entwicklung macht seit gestern die Ausstellung „Landgrabbing“ zu Deutsch „Landgrabschen“ im oberen Foyer des Gewerkschaftshauses der IG Metall aufmerksam. Weil mehr Fleisch mehr Ackerfläche für den Anbau der Futtermittel braucht, kommt es – vor allem in Dritte-Welt-Ländern – verstärkt zum „Flächenklau“. „20 Millionen Hektar Ackerland beansprucht Europa für den Anbau seiner Futtermittel in anderen Ländern“, berichtet Dietrich Höper, Vorsitzender des Verbandes Entwicklungspolitik Niedersachsen. [Braunschweiger Zeitung, 14.03.2013]

Das Phänomen spielt seit der Nahrungsmittelpreiskrise 2007–2008 international eine deutlichere Rolle. Siehe auch einen Infobrief der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags, Autor: Helmut Goeser, vom November 2011.

Verwendung, Bedeutungsschattierung: Wie man schon in den obigen Zitaten sieht, wird als biodeutscher Ausdruck gelegentlich Landnahme neben Land Grabbing genannt; außerdem Wörter wie das lautlich relativ ähnliche „Landgrabschen“ oder der „Landklau“/“Landraub“. Land Grabbing ist dabei in den Zeitungstexten durchgehend negativ besetzt. Von den „Land-Grabbern“, aber auch von den Kritikern wird wohl gelegentlich auch der Ausdruck „Offshore Farming“ verwendet, verallgemeinernd-euphemistisch auch von Agrarinvestitionen gesprochen.

In den deutschen Texten (zur Beleglage weiter unten) wird Land Grabbing in der angesprochenen Bedeutung mit Bezug auf Landerwerb in der jüngsten Zeit als Ressourcenerwerb mit explizit industriell-wirtschaftlichen Zwecken verwendet. Der Artikel der englischen Wikipedia befasst sich fast ausschließlich mit dem aktuellen Phänomen; im deutschen Artikel ist auch eine historische Perspektive (der Sache, nicht des Ausdrucks) angedeutet. Der Ausdruck Landnahme dagegen, auf den hier als mögliche Alternative kurz eingegangen werden soll, hat ein weiteres Bedeutungsspektrum: Er bezeichnet jede Art der „Inbesitznahme fremden Grund und Bodens unabhängig von Eigentumsverhältnissen, Zustimmung bzw. Duldung“ (Wikipedia, dort nach Brockhaus). Abweichend vom Land Grabbing im obigen Sinne sind insbesondere Landnahmen im explizit physisch-kriegerischen Kontext, aber auch die Inbesitznahme menschenleerer Gebiete, zum Zweck der Besiedlung und Bewohnung (und nicht der rein industriellen Ausbeutung). Land Grabbing bezieht sich also auf einen, aktuell besonders relevanten, Bedeutungsaspekt von Landnahme und kann diesen dadurch eindeutiger bezeichnen. Damit schließt Land Grabbing vielleicht nicht gerade eine klaffende lexikalisch-semantische Lücke, dient aber positiv der sprachlichen Differenzierung.

Beleglage: Die ersten Belege für Land Grabbing [oder eine Variante; da Land Grabbing insgesamt am häufigsten vorkommt, verwende ich im Folgenden diese Schreibweise] finden sich im DeReKo in Texten des Zürcher Tagesanzeigers aus dem Jahr 1996, dann kommt aber erstaunlicherweise erst einmal eine Lücke bis 2009; seitdem sind jedes Jahr Verwendungen belegt. Ein Maximum lässt sich bis jetzt für das Jahr 2011 ausmachen, das 2013 (für das bis jetzt überwiegend Texte der ersten Jahreshälfte vorliegen) allerdings wieder erreicht werden könnte, wenn man davon ausgeht, dass sich die Verwendung in gleichem Maße fortsetzt (Google-News zeigt immerhin wenigstens einige Treffer für November und Dezember 2013). Je nun — die absoluten Zahlen sind hier nicht sehr beeindruckend: Insgesamt gibt es weniger als 200 Treffer (inkl. Wikipedia-Fundstellen und inkl. Komposita mit Land Grabbing als Erstglied); ohne Wikipedia-Fundstellen sind es nur 56 Treffer insgesamt (viele davon in Bundestagsprotokollen) und 2013 bis jetzt 14 (2011: 26). Der Ausdruck Landnahme kommt dagegen alleine in dieser Grundform auf fast 2200 Belege. Auffällig ist das krasse Maximum, ebenfalls beim Jahr 2011, mit 1368 Treffern in 1080 Texten — zum Vergleich: im Jahr davor, 2010, gab es nur 186 Treffer in 122 Texten; ein Jahr danach, 2012, nur 20 Treffer in 18 Texten, und in allen anderen Jahren waren die Zahlen auch nur zweistellig. Auf Normalmaß zurückgestutzt wird die Zahl für 2011, wenn die Wikipedia- (und Wikipedia-Diskussions-)Treffer ausgeschlossen werden: Nun lauten die Zahlen für 2010 43/26, für 2011 nur noch 52/32, für 2012 20/18 und für 2013 (unvollständig) 13/12; allerdings sind hier auch sämtliche Treffer enthalten, in denen Landnahme, wie oben schon angesprochen, auf mehr oder weniger explizit kriegerische Siedelungsaktivitäten, aber auch im übertragenen Sinn verwendet wird (z.B. „Pioniere ins Un-Erhörte, Landnahme des musikalisch Unbetretenen“, Niederösterreichische Nachrichten, 25.04.2013).

Bei Google-Books lassen sich frühe englische Belege für Land Grabbing feststellen (so etwa im Kontext eines Urteils zu vier Monaten Gefängnis „for public speeches against land-grabbing“ im Jahr 1889, leider nur als Snippet und erstaunlicherweise datiert auf das Jahr 1888, also mit Vorsicht zu genießen), und zwar ebenfalls sowohl für zusammengeschriebene, getrennt geschriebene und Bindestrich-Formen. Für eine detaillierte Untersuchung auf mögliche Bedeutungsveränderungen hin fehlt jedoch der notwendige Kontext. Die Beleglücke zwischen ca. 1900 und ca. 1970 versuche ich gar nicht erst zu erklären. Spätere Treffer lassen vermuten, dass Land Grabbing auch im Englischen im Kontext kriegerischer Siedlungsbestrebungen verwendet wird (wie dt. Landnahme); eine größere Rolle spielt außerdem die Situation in Indien, wo 1982 der Land Grabbing Prohibition Act verabschiedet wurde. Den ersten Treffer (von sehr wenigen) für einen Beleg in deutschsprachigem Kontext kann ich erst in einem (italienischen) Buch von 2012 ausmachen, in dem ein 2010 publizierter Titel genannt wird: „T. Prien, Landgrabbing: Symptom einer postneoliberalen Rechtsordnung?, in ‚Juridikum‘, 2010, n. 4, pp. 425-435“. Wie wir gesehen haben, gab es erste Verwendungen in Tageszeitungen bereits früher. Google-Books ist hier also nicht sehr hilfreich; auch ist die Belegdichte nicht sehr hoch: Die Liste aller Ergebnisse (inkl. der englischen) enthält (je nach Lust, Laune und Sucheinstellungen von Google) nur 100 bis 130 Titel.

Eine reine Google-Suche nach „Land Grabbing“ OR „Landgrabbing“ site:.de — also ohne zeitliche Beschränkung — führt zu rd. 79.000 Treffern, zeigt also, dass über das Thema durchaus gesprochen und geschrieben wird. Auch Google-Trends zeigt, dass Land Grabbing seit einem Maximum Ende 2012 mit Unterbrechungen auch 2013 ein Thema war, insbesondere wurde das Schlagwort häufiger gesucht als der deutsche Ausdruck Landnahme. Ob das nun daran liegt, dass der Anglizismus erklärungsbedürftiger ist als das deutsche Kompositum, oder daran, dass der Anglizismus die Debatte stärker geprägt hat, kann von hier aus nicht beurteilt werden.

Morphologisch ist festzustellen, dass der Genitiv Singular in den Corpustexten fast immer ohne Flexiv gebildet wird; über Google lassen sich jedoch auch viele Formen mit -s finden. Als Wortbildungselement kommt Land Grabbing als Erstglied vor, etwa in Bildungen wie Land-Grabbing-Problematik, Land-Grabbing-Flächen, Land-Grabbing-Fälle, Landgrabbing-Gesetz oder Land-Grabbing-Deals.

Lexikographische Bearbeitung: Bei duden.de gibt es noch keinen entsprechenden Eintrag vor Landgräfin; zu Landnahme ist jedoch ein Artikel aufgenommen (bezogen auf die oben angesprochene, eher allgemeine Bedeutung). Auch bei Pons online wird für Landgrabbing/Land Grabbing nichts gefunden — und zwar auch nicht im Deutsch–Englisch-Wörterbuch. Verlässlich ist einmal mehr die Wikipedia: seit Juni 2010 gibt es einen Artikel, und zwar für die Schreibweise Land Grabbing:Land Grabbing (engl.) bzw. Landnahme ist ein Begriff für die Aneignung von Land durch wirtschaftlich oder politisch durchsetzungsstarke Akteure“. In der englischen Wikipedia existiert das Pendant übrigens erst seit Januar 2011, der Artikel ist aber ausführlicher als der deutsche. Das Wiktionary bleibt diesmal eine Antwort schuldig. Schließlich noch der VDS-Anglizismenindex: Dort wird land grabbing (in Kleinschreibung) aufgeführt, und zwar als — immerhin — „differenzierender“, also nicht gänzlich abgrundtief böser Ausdruck (dem Bereich Wirtschaft zugeordnet), und mit dem Verdeutschungsvorschlag Landaneignung (bei Wikipedia wird von „Landaneignung“ auf „Land Grabbing“ weitergeleitet; in duden.de ist „Landaneignung“ nicht enthalten). In englischen Wörterbüchern (Macmillan Dictionary, Merriam-Webster, Collins, Chambers oder Longmans LDOCE) fehlt ein Artikel zu land grabbing.

Fazit: Die Beleglage zu Land Grabbing zeigt uns zweierlei: (1) Sie ist in Quellen mit zeitlich halbwegs zuverlässig datierten Texten nicht sehr umfangreich; (2) sie nähert sich derzeit dem Stand von 2011 möglicherweise an, es kann aber nicht auf seriöser Grundlage behauptet werden, dass sie diesen erreichen oder übertreffen wird. Damit sieht es für das wichtige Kriterium „zum ersten Mal (??) ins Bewusstsein und den Sprachgebrauch einer breiten (??) Öffentlichkeit gelangt“ gleich auf zwei Ebenen schlecht aus. Auf Google alleine kann man sich nicht verlassen; Google Trends lässt immerhin noch etwas Spekulationsraum. Alles in allem glaube ich, dass der Ausdruck Land Grabbing durchaus noch Potential hat: Er ist spezifischer als Landnahme und hat sich in der Diskussion (laut Google-Ergebnissen) eher durchgesetzt als Landaneignung (was ich als Vorschlag aber sogar gar nicht so schlecht finde). Wenn das Thema — vielleicht in einem Nicht-Wahl-Jahr, oder weil die Entwicklungsländer anfangen, sich zu wehren, oder weil vielleicht auch noch mehr deutsche Gebiete davon betroffen werden — einmal prominenter auf die Tagesordnung gelangt, können wir einen neuen Versuch wagen. 2013 ist wohl noch etwas zu früh.

Übrigens: Eine verlinkte Übersicht zu allen Anglizismenkandidatenvorstellungen gibt es auf anglizismusdesjahres.de!

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