Nach einer kurzen Weihnachtspause geht es in den Endspurt für die Kandidatenbesprechungen zum Anglizismus des Jahres 2013. Heute: die Smartwatch.

Das Wort Smartwatch (seltener auch Smart Watch oder SmartWatch) besteht aus den beiden Konstituenten smart und watch, wobei zumindest bei watch der englische Ursprung unzweifelhaft ist. Was smart angeht, so kann man den Eindruck bekommen, es gibt inzwischen kaum noch etwas, das nicht auch in einer „smarten“ Version verkauft wird: Vom smart fridge über smart socks und einen smart hat bis zur smart toothbrush. Die älteren unter uns erinnern sich vielleicht auch noch an die sog. smart bombs, die von den USA etwa im Irak eingesetzt wurden und die durchaus auch zu einer (Sprach-)Kritik hinsichtlich der Bezeichnung als „schlau“ bzw. „intelligent“ geführt haben. Obwohl der Fokus dieser Besprechung auf der Smartwatch liegt, zunächst ein paar Hinweise zu einem Bestandteil dieses Wortes, nämlich zum Ausdruck smart:

Das Adjektiv smart wird schon länger in der deutschen Sprache verwendet, wobei sich allerdings im Laufe der Zeit entweder die Bedeutung oder die Synonyme geändert haben: In Dudens Orthographischem Wörterbuch ist smart erstmals in der achten Auflage, 1905, mit der Bedeutungserklärung ’scharf, gewandt‘ aufgeführt. Die zusätzliche Angabe „engl., dtsch. Urspr.“, die in allen Nachfolgeauflagen nicht mehr steht, ist mir nicht unmittelbar nachvollziehbar; im Kluge steht nichts Entsprechendes, dort wird eine Entlehnung (ins Deutsche) des neuenglischen Wortes smart, das bereits altenglische Wurzeln hat, verzeichnet. Ich folge dem und betrachte smart daher im Folgenden ebenfalls als eindeutig englisch. Ab der 11. Aufl. des Dudens (1934) lautet die Erklärung ‚gewandt; gerieben; schneidig‘; bis zur 20. Aufl. (1991), dann lautet sie ‚modisch elegant, schneidig; clever‘. Auch in der aktuellen Online-Ausgabe ist diese Bedeutungserklärung nicht wörtlich, aber sinngemäß gleich geblieben.

Insbesondere in neuerer Zeit hat sich (im Deutschen wie im Englischen) noch eine zusätzliche, im Duden-Artikel nicht explizit angegebene Bedeutungsnuance von smart etabliert, die man aber durchaus mit ‚clever‘ in Verbindung bringen kann: Das Adjektiv wird nun häufig zur Beschreibung von Gegenständen verwendet, die in irgendeiner Weise erweiterte, elektronische, künstlich-intelligente Funktionalitäten aufweisen und in diesem Zusammenhang auch häufig mit dem Internet und/oder anderen technischen Geräten verbunden werden können; siehe schon einige der oben genannten Beispiele (am bekanntesten, und daher vermutlich auch Vorbild für weitere Bildungen, ist sicherlich das Smartphone).

Bedeutung: Die im letzten Absatz genannte Bedeutung trifft auch auf die Smartwatch zu; ich zitiere die Erklärung aus Wikipedia: „Eine Smartwatch (eng. schlaue Uhr) ist eine Armbanduhr, die über Display, Sensoren, Aktuatoren (z.B. Vibrationsmotor) sowie zusätzliche Computerfunktionalität und -konnektivität und Internetzugriff verfügt.“

Da dies durchaus eine (be)nennenswerte Erweiterung des Funktionsumfangs einer „normalen“ Uhr ist, liegt hier ein im Deutschen vorher nicht explizit bezeichneter neuer Sachverhalt und mit ihm eine lexikalische Lücke vor, die von Smartwatch gefüllt werden kann.

Beleglage: Das Adjektiv smart findet sich in den Wortkombinationen „Smart Bombs“ und „smart weapons“ im DeReKo seit 1991; ebenso die „Smart Card“ („das sind Plastikkarten, auf denen Daten geladen und abgegeben werden können“, Salzburger Nachrichten, 24.07.1991). Schon für 1985 finden sich Belege für „smart rocks“, womit ebenfalls Waffen bezeichnet wurden:

jeweils ein Fünftel des SDI-Geldes geht in die Entwicklung von Raketen mit herkömmlichen Antrieben sowie in „Lichtgeschwindigkeitswaffen“. zu ihnen gehören die Laser- und Teilchenstrahlen, mit denen feindliche Raketen vernichtet werden sollen. […] diese im Fachjargon smart rocks („kluge Steine“) genannten Waffen sind mit einem Infrarot-Sensor und einem kleinen Computer ausgerüstet, der ein Triebwerk steuert. […] die Abschußrampen für die smart rocks müssen im Weltraum stationiert werden, damit sie ihre Ziele noch während deren Startphase erreichen. [Die Zeit, 28.06.1985, S. 54]

Ein Beleg für Smartwatch findet sich im DeReKo erstmals bereits 1998, allerdings in einer ganz anderen als der heutigen Bedeutung — es handelt sich um eine „IT management solution that measures precise end-user response times for Windows NT, UNIX, and MVS applications“ (prnewswire.co.uk):

Das Neusser Unternehmen Landmark Systems hat mit dem Produkt Smartwatch ein Überwachungswerkzeug auf den Markt gebracht, das die End-to-end-Response-Zeit im Unix- und im NT-Umfeld ohne Eingriffe in den Sourcecode liefert. Damit können die tatsächlichen Antwortzeiten besonders an Windows-95- und -NT-Clients ermittelt werden. [COMPUTER ZEITUNG, 18.06.1998, S. 26]

Ab 2004 sind dann im DeReKo Belege für die heutige Bedeutung zu ermitteln:

„Smart Watch“ auch in Europa — Microsoft will seine intelligenten Armbanduhren, die Informationen via Funk empfangen können, auch in Europa auf den Markt bringen. Auf die Uhren können via UKW Wetterdaten, Nachrichten, Sportergebnisse oder aber auch persönliche Informationen wie Terminerinnerungen gefunkt werden. Käufer einer „Smart Watch“ können die Inhalte über ein Abonnement des Onlinedienstes MSN Direct beziehen. [Mannheimer Morgen, 14.01.2004]

Wie andere Hersteller soll Apple an einer Smartwatch basteln […] Der Wettbewerb im Smartwatch-Geschäft läuft bereits. NEW YORK — Apple arbeitet laut US-Medienberichten an einer Computer-Uhr, die einige Funktionen eines Smartphones übernehmen könnte. [Nürnberger Zeitung, 12.02.2013, S. 19]

Schon 2003 hat ein japanisches Unternehmen eine Uhr hergestellt, mit der sich selbst unter der Dusche aufs Handy zugreifen liess. […] In den Jahren darauf gab es mit Motorola, Samsung und Sony einige Firmen, die zumindest Prototypen solcher Uhren angefertigt haben. Durchgesetzt hat sich aber keine dieser Smartwatches. [St. Galler Tagblatt, 26.02.2013, S. 14]

Sogenannte Smartwatches gibt es bereits seit mehr als einem Jahr. [Nürnberger Nachrichten, 04.03.2013, S. 16]

Allerdings ist dazu zu sagen, dass für 2013 bis jetzt nur 12 (in Worten: zwölf), und insgesamt nur 20 Treffer für Smartwatch bzw. Smart Watch (keiner für Smart-Watch) zu ermitteln sind.

Frühere Belege fürs Deutsche als im DeReKo finde ich bei Google-Books nicht. Fürs Englische ist anzumerken, dass smart watch hier im Laufe der Zeit verschiedentlich verwendet wurde: einmal eher im Sinne von ’schick, gewandt‘ (z.B. mit radioaktivem Zifferblatt); außerdem als Produktname im Bereich PC-Hardware; auch das oben bereits genannte Überwachungswerkzeug kommt vor; bis eben hin zur „schlauen Uhr“ (Beleg von 2003). Im Jahr 2000 erschien bereits ein Aufsatz mit dem Titel Application Design for a Smart Watch with a High Resolution Display. Eventuelle frühere Treffer, die in die gleiche Richtung gehen, sind nicht hundertprozentig nachzuverfolgen.

Die Produktidee selbst ist (nicht unter der Bezeichnung Smartwatch) sowohl in der Fiktion als auch in der Realität bereits deutlich älter; bekannter geworden ist die Smartwatch (als Wort) aber erst Ende 2012 und insbesondere 2013, wie auch Google Trends deutlich zeigt:

Smartwatch-GoogleTrends

Suchinteresse für den Ausdruck „Smartwatch“ (Google-Trends)

Das Maximum ist im September, und für diesen Monat liegen bei DeReKo/Cosmas noch keine Daten vor.

Auf den Internetseiten von zeit.de, spiegel.de und faz.net lassen sich mittels der Suche Treffer für Smartwatch im jeweils zweistelligen Bereich für 2013 ermitteln, und zwar tendenziell für die zweite Jahreshälfte; vor 2013 keine bzw. (bei spiegel.de) nur sehr wenige (3 aus 2012). Bei Google-News und über Google (oder zur Abwechslung auch mal Bing) als Suchmaschine lassen sich mühelos zahlreiche Fundstellen für Smartwatch auf deutschsprachigen Internetseiten finden. Ich stehe wieder einmal vor dem Dilemma, dass die Werkzeuge fehlen, um den Sprachgebrauch der letzten Monate greifen zu können.

Formeigenschaften und Wortbildung: Der Genitiv Singular lautet Smartwatch (ohne Flexiv); der Plural lautet Smartwatches. Das Wort fügt sich nicht optimal in die deutsche Flexionsmorphologie: Ein s im Plural ist im Deutschen zwar geläufig, aber die Plural-Endung -es ist nicht üblich. Das Genus ist Femininum, sehr wahrscheinlich, weil auch „die Uhr“ ein Femininum ist. In der Wortbildung wird Smartwatch bereits als Erst- und Zweitkonstituente eingesetzt, etwa in Smartwatch-Geschäft, Smartwatch-Hersteller, Pebble-Smartwatch (Produktbezeichnung).

Lexikographische Bearbeitung: Auf duden.de ist noch kein Artikel für Smartwatch zu finden, wohl aber bei Pons online mit der Bedeutungserklärung ‚Uhr mit Computerfunktionalität (und Internetverbindung)‘. Die deutschsprachige Wikipedia hat ebenfalls einen Eintrag (seit Mai 2012; in der englischen Ausgabe seit September 2010), nicht aber das Wiktionary. Auch beim VDS-Anglizismenindex fehlt die Smartwatch (noch?); mit Blick auf das dort enthaltene smartphone (‚Schlaufon, Intellifon‘) wäre so etwas wie Schlauuhr zu befürchten.

Fazit: Durchwachsen. Der Ausdruck wurde messbar häufiger verwendet und nachgesucht als vorher, allerdings bewegen sich die messbaren Zahlen auf eher niedriger Ebene. Vielleicht ist die relativ geringe Beleglage in traditionellen Medien auch ein Anzeichen dafür, dass das Thema und Wort Smartwatch bisher noch eher in technikaffinem Umfeld, aber noch nicht so sehr in der ganzen Breite der Bevölkerung angekommen ist. Andererseits scheint das Wort gerade in der zweiten Jahreshälfte stärker ins Gespräch gekommen zu sein, so dass es vielleicht doch einen brauchbaren Kandidaten zum Anglizismus des Jahres 2013 darstellt.

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