Vorbemerkung für diejenigen, die nicht den ganzen Tag auf Facebook und Twitter verbringen: Die ARD hat mit ihrer Themenwoche Toleranz einen Shitstorm entfacht, der sich gegen verwendete Bild-Text-Motive sowie gegen den Begriff der Toleranz an sich richtet.

Zunächst, da dem Blogthema nahestehend: die Auseinandersetzung um den Begriff der Toleranz. Bereits seit einigen Jahren gehört es in manchen Kreisen zum guten Ton, nicht mehr „nur“ Toleranz von sich und anderen zu fordern, sondern Akzeptanz — im Sinne von Goethe, der (wie im Deutschen Wörterbuch in Grimm’scher Orthographie nachzulesen ist) vor ±200 Jahren einmal geschrieben hat:

toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende gesinnung sein; sie musz zur anerkennung führen.

Dies rührt von der lateinischen Herkunft (lat. tolerantia) des Wortes her, das auf Deutsch mit „Duldsamkeit“ übersetzt wird; und so kommen von manchen Beschwerden auf, man wolle nicht nur „erduldet“ werden (taz.de). Auf der ARD-Seite steht das obige Goethe-Zitat in einer erweiterten Form; dort ist es fortgeführt mit: „Dulden heißt beleidigen.“ Das Gefühl, lediglich erduldet zu werden, dürfte tatsächlich nicht sehr schön sein, und darauf auch in der Wortwahl Rücksicht zu nehmen, ist durchaus eine Überlegung wert.

Im heutigen Sprachgebrauch bedeutet Toleranz allerdings weit mehr als nur Duldsamkeit. Im Duden online sind unter „Synonyme“ mehr als ein Dutzend Ausdrücke genannt, von denen ich die meisten hier einmal nach eigenem Empfinden auf einer Skala zwischen reinem „Dulden“ und maximaler „Aufgeklärtheit“ aufreihe (es fehlen Menschlichkeit und Humanität, die hier m.E. nicht einzuordnen sind, sowie Indulgenz und Konnivenz, die ich für frei erfunden halte [Ironiemarker]):

Bedeutungsspektrum von "Toleranz" anhand der Synonyme von duden.de (Grafik modizifiert nach einer Grafik von Marian Müller, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0)

Bedeutungsspektrum von Toleranz anhand der Synonyme von duden.de (Grafik modizifiert nach einer Grafik von Marian Müller, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0)

Wenn Toleranz also nur im Sinne von „Duldsamkeit, Nachsicht“ verstanden wird, ist das eine sehr kleine und pessimistische Auswahl aus dem Bedeutungsspektrum. Dies mag bei einigen Betroffenen durch persönliche sprachlich-weltliche Erfahrungen begründet sein — ob der Ausdruck Toleranz aber im Sprachgebrauch insgesamt überwiegend solch eine „beleidigende“ Konnotation hat, wäre nur durch umfassende Corpusrecherchen zu ermitteln, die ich hier nicht durchführen kann. Wenn ich davon ausgehe, dass die Duden-Synonyme gründlich und auf empirischer Grundlage systematisch ermittelt wurden, kann ich die Forderung nach Aufgabe des Ausdrucks Toleranz nur sehr bedingt nachvollziehen. (Aber ich bin ja auch ein nicht-diskriminierter Mittelschichts-CIS-Mann, mögen jetzt einige sagen.)

Einen anderen Punkt hat ein auf dieses Thema bezogener taz-Artikel noch angesprochen, nämlich den, dass (nach Wendy Brown) „Tolerieren“ ein „Machtgefälle“ impliziere:

Wer andere toleriert, glaubt, dass es ihm oder ihr zusteht, sich zu entscheiden, marginalisierte Gruppen trotz ihrer „Andersartigkeit“ zu dulden. (taz.de)

Auch dieser Punkt ist sehr auf eine einzige Lesart von Toleranz bezogen (ein kontrastiver Vergleich der Bedeutung/Verwendung englisch-deutsch würde sich anbieten) — und ganz abgesehen davon: Natürlich entscheidet jede\r einzelne von uns (je nach Erziehung, Reflexionsvermögen und Ausprägungsgrad des Mitläufercharakters mehr oder weniger) am laufenden Band, welchen Sachverhalt, welches Ding, welches Individuum und welche Personengruppe (Migranten, Queer-Menschen, Banker, Polizisten, alte weiße Männer) er/sie in welchem Ausmaß duldet oder akzeptiert. Diese „Macht“ haben wir alle, nicht nur was marginalisierte Gruppen angeht. Wer das abschalten will, wird vermutlich die Einnahme von gigantischen Mengen fröhlich machender Pillen großflächig zwangsverordnen müssen.

Der zweite Punkt betrifft die Wahl der Bild-Text-Motive der ARD-Themenwoche; das Motiv wird u.a. in dem oben bereits verlinkten taz-Artikel gezeigt. Mit Sprache und Wörterbüchern hat das nun gar nichts mehr zu tun, aber ich möchte doch anmerken: Als nicht-diskriminierter Mittelschichts-CIS-Mann kann ich die Motivwahl der ARD zumindest verstehen. Es ist doch schlicht und ergreifend gesellschaftliche Realität, dass die durch die Portraitierten symbolisierten Personengruppen (hat sich eigentlich schon jemand darüber aufgeregt, dass keine Frauen gezeigt werden?) im Mittelpunkt von teilweise lautstark und ruppig geführten Disputen darum stehen, ob da nun ein Kindergarten oder eine Flüchtlingsunterkunft NEBEN MEINEM HAUS!!1! gebaut werden dürfen, ob Menschen mit Behinderung MIT MEIIIINEM KIND gemeinsam in eine Klasse gehen sollen oder ob schwule oder lesbische Paare geMEIIINsam Kinder adoptieren dürfen. Wenn diese gesellschaftliche Problematik nicht symbolisch und nicht im Bild gezeigt und am besten nicht mal mehr angesprochen werden darf, wie will man ihr in der breiten Öffentlichkeit denn begegnen? Nicht so, wie der HR, das ist schon mal klar, dessen Ankündigungstext finde ich auch unsäglich. Aber, wie gesagt, als nicht-diskriminierter Mittelschichts-CIS-Mann fand ich die ARD-Motive auch nicht so problematisch, die gute Absicht war deutlich zu erkennen, und deshalb bitte ich dafür … nicht um Toleranz … um Nachsicht. Es IST doch eine gute Sache (verdammt).