Der Kleiber ist ein Vogel aus der Ordnung der Sperlingsvögel, putzig und auch aus sprachlicher Perspektive einen Blick wert.

Etymologisch hängt Kleiber mit (ver-)kleben zusammen. Nach Duden und dem Etymologischen Wörterbuch von Kluge heißt der Vogel so, „weil der Vogel den Eingang zu seiner Bruthöhle mit Lehm enger macht“ (duden.de). Kleiber war auch einmal eine Berufsbezeichnung, die etwa noch in Adelungs Grammatisch-Kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart festgehalten ist:

Der Kleiber, […] die Kleiberinn, eine Person, welche kleibet; besonders in der zweyten Bedeutung des Activi, wo Kleiber und Kleiberinnen diejenigen Personen sind, welche die hölzernen Wände mit Lehm ausfüllen, oder solche kleiben. In einigen Gegenden werden sie Leimklicker oder vielmehr Lehmklicker genannt. (2. Ausgabe, 1793–1801)

Wer, wie ich, diesen Vogel einmal an einer Hauswand senkrecht hat hochspazieren sehen, könnte auf den Gedanken kommen, dass die Bezeichnung Kleiber daher kommt, dass der Vogel am Baum oder – im angesprochenen Fall – an der Hauswand zu kleben scheint (man ist ja vor Volksetymologie nicht ganz gefeit). Duden und Kluge unterstützen diese Interpretation nicht, aber im Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer auf dwds.de liest man:

der Name läßt sich daraus erklären, daß der Vogel die Öffnung seines Nestes bis auf ein kleines Flugloch mit Lehm und Speichel verklebt; doch ist auch eine Anknüpfung an die intransitive Bedeutung ‘festkleben, sich anklammern’ (vgl. anord. klīfa ‘klettern’) denkbar, so daß Kleiber als ‘Kletterer’ gedeutet werden kann […].

Kleiber, Fotograf: Francesco Veronesi, Quelle: Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA-2.0

Kleiber, Fotograf: Francesco Veronesi, Quelle: Wikimedia Commons unter Lizenz CC-BY-SA-2.0

Im Wörterbuchartikel lesen wir, dass der Kleiber „zu den Spechtmeisen“ gehöre. Laut Duden und Wikipedia bezeichnet Spechtmeise dasselbe wie Kleiber:

Der Kleiber wird auch „Spechtmeise“ genannt, da seine Lebensweise und sein Aussehen an beide Vögel – Spechte und Meisen – erinnert.

Adelung, aus dessen Wörterbuch oben bereits zitiert wurde, kennt Kleiber übrigens nur als Berufsbezeichnung. Wenn man in demselben Wörterbuch aber unter Spechtmeise nachschlägt, liest man dort: „in einigen Gegenden ein Nahme des Nußhackers, weil er einer Meise ähnlich ist, aber wie ein Specht auf die Bäume klettert.“ Und der Nusshacker bringt uns nun ins Englische, denn dort heißt der Kleiber (Eurasian) Nuthatch – „probably so called from its habit of breaking open and eating nuts; from nut + second element related to hack (v.) and hatchet.“ (etymonline.com).

Im Deutschen scheint Nusshacker aber inzwischen nicht mehr gebräuchlich zu sein; ebensowenig Blauspecht, wie der Kleiber in anderen, älteren Nachschlagewerken auch noch genannt wird (z.B. Deutsches Wörterbuch, Meyers Großes Konversationslexikon 1905–1909; in Dudens Rechtschreib-Wörterbuch letztmalig in der zehnten Auflage von 1929). Letztere Bezeichnung, die laut Wikipedia früher auch für den Eisvogel verwendet wurde, findet sich kurioserweise aber noch als Kompositum im Eintrag zu Specht in Langenscheidts Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache und hat es so auch irgendwie in The Free Dictionary geschafft.

Abschließend noch ein Zitat aus Wikipedia zur „Stimme“ des Kleibers. Das Zitat sollten Sie sich auf jeden Fall laut selbst vorlesen, vor allem, wenn Sie gerade mit Kolleg\inn\en in einem Büro sitzen:

Der Gesang besteht aus mehreren, lauten Strophen unterschiedlichen Typs, die von einer erhöhten Sitzwarte aus vorgetragen werden. Meist sind es langsame Folgen gleicher Pfeiftöne, die etwas an- oder absteigen können, etwa wie „wuih wuih wuih wuih…“ oder „wiiü wiiü wiiü wiiü …“. Manche Varianten der Strophen können auch schnell, klar und trillernd, etwa wie „wiwiwiwiwiwi…“, oder langsamer und rhythmischer gereiht, wie „djüdjüDJÜ djüdjüDJÜ“, klingen.

Dieser Beitrag ist dem Kleiber – oder seinem Zwilling oder seiner Nachkommenschaft in soundsovielter Generation – gewidmet, der seit Jahren allzeit fröhlich den Baum vor meinem Fenster hinauf und hinab klettert, während ich, am Schreibtisch sitzend, ihm ebenso fröhlich dabei zusehe.