Hallo liebe Kinder und Junggebliebene.

Wie Ihr alle bestimmt schon gehört habt, ist im Herbst wieder Bundestagswahl. Und wenn es dieser andere Kandidat nicht verhindert, der mit S…, wiehießerdochgleich, ach ja, Serdar Somuncu, dann wird die Frau Merkel erneut Kanzlerin werden bzw. bleiben. Ich kann mich noch erinnern, als sie sich zum ersten Mal zur Wahl gestellt hat, da frugen welche, ob sie denn jetzt „Kanzlerkandidatin“ oder „Kanzlerinkandidatin“ sei. Jetzt, ungefĂ€hr drölfzig Jahre danach, gibt es schon ganz viele zusammengesetzte Wörter, die mit „Kanzlerin…“ anfangen, oder aber auch mit „Kanzlerinnen…“. Ich habe ĂŒber COSMAS eine Liste von etwa 500 solcher Wörter gefunden (Wortform-Types, nicht lemmatisiert; etwa 350 davon treten nur ein Mal auf).

Weil ich gerade Lust darauf hatte, mal wieder ein paar kleine Tabellen zu erstellen, habe ich mir dann mal zwei Aspekte herausgesucht, nach denen sich diese Wörter schön in einer Tabelle aufteilen lassen: Der wortbildnerisch-morphologische Aspekt, ob die Zusammensetzung mit „Kanzlerin…“ oder Kanzlerinnen…“ anfĂ€ngt, und der orthographische Aspekt, ob die Zusammensetzung mit Bindestrich oder ohne geschrieben wird.

Das Ergebnis sieht so aus:

Was die Schreibung mit Bindestrich angeht, ist der Unterschied nicht so groß. Zwar werden in meiner Untersuchung mehr Wörter mit Bindestrich geschrieben, aber besonders auffĂ€llig ist das Ergebnis nicht (Tabelle 1). GezĂ€hlt werden in der Tabelle ĂŒbrigens die unterschiedlichen Wortform-Types – wenn man die Anzahl der jeweils dazugehörigen Einzelvorkommen im Text heranzieht, ergibt sich sogar ein ganz ausgewogenes VerhĂ€ltnis von 50/50 %.

ohne Bindestrich

229

46 %

mit Bindestrich

272

54 %

Summe

501

Tabelle 1: Schreibung mit/ohne Bindestrich

Was die Schreibung mit der „Singular-“ oder „Pluralform“ als Erstglied angeht, sieht die Sache ganz anders aus. Nur in etwas mehr als einem Viertel der FĂ€lle steht „Kanzlerin…“, also die Form, die mit dem Singular identisch ist. In fast drei Viertel der FĂ€lle steht dagegen „Kanzlerinnen…“ (Tabelle 2). An diesem VerhĂ€ltnis Ă€ndert sich auch kaum etwas, wenn man die einzelnen Vorkommen im Text als Grundlage nimmt. FĂŒr diese Art der Verbindung der Zusammensetzungs-Bestandteile gibt es also eine recht eindeutige Vorliebe.

Kanzlerin


139

28 %

Kanzlerinnen


362

72 %

Summe

501

Tabelle 2: Schreibung mit „Singular-“ oder „Pluralform“ als Erstglied

Schließlich habe ich dann noch beide Aspekte miteinander kombiniert, und auch da zeigen sich einige AuffĂ€lligkeiten (Tabelle 3):

‱ WĂ€hrend sich ja insgesamt gesehen kein großer Unterschied im VerhĂ€ltnis mit/ohne Bindestrich zeigt, lĂ€sst sich doch feststellen, dass innerhalb der Gruppe der Zusammensetzungen mit „Kanzlerin…“ nur 30 % (42 von 139) ohne Bindestrich geschrieben werden, 70 % (97 von 139) aber mit. Bei den Bindestrich-Schreibungen handelt es sich im Übrigen auch allerweitestgehend nicht um Koplativkomposita, bei denen man einen Bindestrich vielleicht eher erwarten wĂŒrde, sondern augenscheinlich um Determinativkomposita. Innerhalb der Zusammensetzungen mit „Kanzlerinnen…“ ist das VerhĂ€ltnis mit/ohne Bindestrich wiederum fast ausgewogen (52 % ohne / 48 % mit Bindestrich).

‱ Dass hĂ€ufiger „Kanzlerinnen…“ als Erstglied gewĂ€hlt wird und nicht „Kanzlerin…“ bleibt gleich, auch wenn man Untergruppen nach Verwendung von Bindestrichen bildet. Allerdings zeigt sich auch, dass in der Gruppe „ohne Bindestrich“ mit 18 % (42 von 229) im VerhĂ€ltnis noch deutlich seltener „Kanzlerin…“ steht als insgesamt (28 %) betrachtet. In der Gruppe „mit Bindestrich“ dagegen gibt es mit 36 % (97 von 272) einen im Vergleich relativ hohen Anteil von „Kanzlerin…“-Schreibungen.

Kanzlerin


Kanzlerinnen


Summe

ohne Bindestrich

42

187

229

mit Bindestrich

97

175

272

Summe

139

362

501

Tabelle 3: Kreuztabelle mit der Kombination beider Aspekte

Jetzt hĂ€tte ich eigentlich diesen Fall gerne noch mit anderen Zusammensetzungen verglichen, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob sich die VerhĂ€ltnisse zwischen der Wahl (k)eines Bindestrichs und der Entscheidung fĂŒr das Movierungssuffix ± Fugenelement „-in(nen)-“ als vergleichbar beweisen. Allerdings ist das gar nicht so einfach, solange Angela Merkel als Kanzlerin ein Unikat ist wie der Papst, und solange es keine PĂ€pstin-Kandidatin gibt, die es zu nennenswerter PrĂ€senz in den Corpora des Instituts fĂŒr Deutsche Sprache schafft. Ich habe es mal fĂŒr „Ministerin(nen)…“ und „PrĂ€sidentin(nen)…“ ausprobiert, da war allerdings der Anteil der Wortbildungen mit den „Singular-Formen“ als Erstglied echt gering – was möglicherweise daran liegt, dass wirklich von mehreren Ministerinnen und PrĂ€sidentinnen die Rede ist, egal ob man das „-nen-“ in „Ministerinnen…“ jetzt fĂŒr ein semantisch leeres Fugenelement hĂ€lt oder ihm doch eine pluralische Bedeutung zugesteht (die es bei „Kanzlerinnen…“ ja schlecht haben kann). Immerhin zeigt sich auch da, dass sich die Schreibungen mit und ohne Bindestrich (insgesamt gesehen) in etwa die Waage halten.

So. Ende dieser FingerĂŒbung.

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