status, statusse

Wegen des großen Erfolgs: Ich bereite jetzt auch einen Volksentscheid vor, und zwar, um den Plural des Wortes „Status“ offiziell in „Statusse“ ändern zu lassen. So wie „Autobus, Autobusse“. Gleichzeitig wird die Verwendung der Form „Stati“ mit drei Wochen Kerker bei Wasser und Brot bestraft. „Statuuus“, mal ehrlich – wer’s richtig sagt, klingt lächerlich, und wer’s falsch sagt, meistens auch. Wir sind hier doch keine Provinz des Römischen Reichs!

Hätte auch den Vorteil, dass Duden gleich mal diesen sehr seltsamen Passus aus seinem Wörterbuch streichen könnte:

Das aus dem Lateinischen stammende Substantiv lautet im Genitiv und im Plural gleich wie im Nominativ Singular, also des Status und die Status. Ein Unterschied besteht lediglich in der Aussprache. Im Plural wird das u lang gesprochen.

Es lautet also gleich, aber die Aussprache ist anders … To-hu-wa-bo-hu.

Weitere Statusmeldungen bei Gelegenheit natürlich an dieser Stelle.

 

[+++ Aus gegebenem Anlass +++ Disclaimer: Dieser Beitrag ist nicht ernst gemeint +++]

der dumme-jungen-punct.

In einer freien Minute habe ich mit Altavista nach Geocities-Homepages gesucht und bin über eine sprachkritische Internetseite aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert gestolpert, die akut einsturzgefährdet schien und deshalb von mir ins Lexikographieblog gerettet wurde:

* * *

Werthe Herren,

flanirt einer heutzutage durch unſere Städte und Dörfer, bemerket er unweigerlich nach kurzer Zeit eine Unſitte, die aller Orten Einzug gehalten zu haben den Anſchein macht. Ich ſpreche davon, daß Illiterate und Stümper nach jedem einzelnen Worte einen Punct ſetzen, als hätten ſie gleichſam einen gantzen Satz beendet. Ich habe derlei Exempla aufgezeichnet und führe ſie anſchließend auf:

Kleinkinder-Schule.

Kleinkinder-Schule.

Schule.

Schule.

Wie mag wohl unſer Nachwuchs gerathen, wenn er bereits in jungen Jahren mit derlei Unfug „belehret“ wird? Über dieſe Ausländiſche Antiqua ließe ſich ebenfalls gar trefflich ſtreiten! Doch nicht nur vor dem Nachwuchse, ſelbſt vor der Würde unſerer Todten macht man nicht Halt:

Grabſteine

Auch die Hohe Cultur entblöhdet ſich nicht und ſpringt auf das Dampfroß auf – meint man etwa, bereits einen Satz gebildet zu haben, nur weil man auf den Bindeſtrich verzichtete? Ich ſehe kommen, daß man ſich auch mit dieſem Thema zukünftig wird zu beſchäftigen haben – :

Wiener Konzert Haus.

Wiener Konzert Haus.

Und abſchließend:

Peters Platz.

Peters Platz.

Man mag überdieß anmerken, daß bei „Peters Platz.“ der Apoſtroph fehlt, wenngleich Jacob Grimm vor Kurtzem gegen deſſen doch längſt eingeſpielten Gebrauche eifrig wetterte.

Die Gründe für dieſerlei Dummheiten bleiben mir verſchloſſen. Mag es die überall ſprießende Engländerei ſein oder trägt der Frantzos die Schuldt daran? Außer Frage bleibt doch, daß nur dumme Jungen in Frage kommen, dieſen Punct ſetzen zu pflegen. Ich tauffe ihn daher auf den Namen: der Dumme-Jungen-Punct; und ich empfehle dem werthen Dr. Duden die Aufnahme dieſes Ausdruckes in ſein neues Wörtherbuche mit einem abſchreckenden Commentario, alldieweil ich nicht umhin komme, dieſen Punct ſcharf zu verurtheilen.

Ein beſorgter Unterthan.

 

variationen mit spargel. und so.

Schmeckt der Spargel nur anders? Oder besser? Oder schmeckt er überhaupt?

Variationen anhand eines Titels auf sueddeutsche.de:

So hat Spargel noch nie geschmeckt

So hat Spargel noch nie geschmeckt.

Spargel hat noch nie so geschmeckt.

Spargel hat so noch nie geschmeckt.

Noch nie hat Spargel so geschmeckt.

Geschmeckt hat Spargel so noch nie.

www.dictionaryportal.eu: das european dictionary portal

Im letzten Eintrag hatte ich das neue lexikographische Blog DigiLex willkommen geheißen; heute folgt noch ein Hinweis auf ein weiteres Projekt derselben Arbeitsgruppe:

Mit dem European Dictionary Portal (www.dictionaryportal.eu) ist ein zentraler Knotenpunkt für wissenschaftliche und kommerzielle Online-Wörterbuchprojekte im Entstehen. Derzeit sind Wörterbücher zu 44 Sprachen von Deutsch und Englisch über Färöisch und Mazedonisch bis Baskisch und Sorbisch aufgeführt. Diese werden nach Objekt- und Metasprache sowie nach Wörterbuchtyp (Allgemeines Wörterbuch, Lernerwörterbuch, Etymologisches Wörterbuch, Spezialwörterbuch, Historisches Wörterbuch, Wörterbuchportal) kategorisiert; zu vielen Wörterbüchern bietet das Portal auch einen direkten Zugang an.

Die Aufnahme eines Wörterbuchs in dieses Portal soll auch ein Gütezeichen für dessen Qualität sein: Die Wörterbücher werden von professionellen Lexikographinnen und Lexikographen ausgewählt und nach Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Autorität, Umfang (Lemmazahl), Detailgrad der Beschreibung u.a.m. bewertet. Noch nicht aufgelistete Wörterbücher können jedoch auch von jederlei vorgeschlagen werden. Ein „Dictionary of the moment“ auf der Startseite lädt außerdem zum Stöbern ein.

Fazit: Für Sprach- und Wörterbuchinteressierte lohnt es sich auf jeden Fall, hier ein Lesezeichen zu setzen!

welcome digilex

Es ist inzwischen mehr als an der Zeit, ein neues lexikographisches Blog in diesem Internet zu begrüßen, und zwar eines der sehr seltenen Spezies institutionell-akademischer Lexikographie-Blogs.

Seit Jahresbeginn schreiben Lexikographinnen und Lexikographen unter dem Titel DigiLex (auf digilex.hypotheses.org) und dem – bin ich der einzige, der da leichte Verständnisprobleme hat – Untertitel Legacy Dictionaries Reloaded über die Digitalisierung von Printwörterbüchern (also des gedruckten Erbes). So auch der Unter-Untertitel, der für das gemeine Volk wie mich wieder verständlich ist: „A platform for sharing tips, raising questions and discussing methods of digitizing print dictionaries“.

Bis jetzt gibt es beispielsweise (jeweils auf Englisch verfasste) Beiträge zur Digitalisierung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm, des Schweizerischen Idiotikons, eher allgemein zur OCRbarkeit von Wörterbüchern u.a.m.

Das DigiLex-Blog ist eine gemeinschaftliche Initiative der Arbeitsgruppe 2 „Retrodigitalisierte Wörterbücher“ des European Network of e-Lexicography (ENeL) und von DARIAH, einem Netzwerk für digitale Forschung in den Geisteswissenschaften. Ich wünsche den beteiligten Bloggenden langanhaltende Motivation und bin schon gespannt auf die nächsten Beiträge!

beliebtestes wörterbuch gekürt

Herzlichen Glückwunsch: Der „chinesische Duden“, das Xīnhuá zìdiǎn (Xinhua-Wörterbuch) ist von Guinness zum „beliebtesten Wörterbuch“ und zum „meistverkauften regelmäßig aktualisierten Buch“ der Welt gekürt worden.

Quelle: Xinhua Dictionary sets two Guinness World Records (shanghaidaily.com)

Auf Youtube gibt’s auch ein Video:

Infos zum Wörterbuch auf Wikipedia.

wörterbuchkritik an einer werbeanzeige

In einer Werbeanzeige der Firma Rolex©, die mir vor Kurzem in die Hände fiel, sah ich diesen Text abgebildet, der ja offensichtlich dem äußeren Anschein nach einem Wörterbuchartikel nachempfunden ist:

Rolex-Werbung: Wörterbuchartikel

Wenn wir mal so tun, als wäre das ein „richtiger“ Wörterbuchartikel, könnten wir beispielsweise Folgendes dazu sagen:

Das Lemma Explorer ist noch relativ unspektakulär.

In eckigen Klammern wird in vielen Wörterbüchern die Aussprache angegeben, entweder mittels des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) oder (seltener) mittels einer selbst ausgedachten Verschriftungsweise. Ins IPA transkribiert ist das nicht, was da zwischen den Klammern steht; es scheint eher gar nicht die Aussprache zu sein, die da durch [Ex|plo|rer] abgebildet wird: Die Großschreibung am Anfang wäre seltsam, da sie bei der Aussprache keine Rolle spielt; den [ks]-Laut in einer Ausspracheangabe durch „x“ wiederzugeben, wäre zumindest unorthodox; es wird keine Betonung angezeigt – die Striche markieren die Silbengrenzen, und die Anzeige der Silbentrennung scheint denn auch die einzige Funktion dieser Komponente zu sein (andere Wörterbücher machen das gleich im Lemma). Es ist natürlich nicht verboten, die Silbentrennung innerhalb eckiger Klammern anzugeben, aber man sollte sich schon bewusst sein, dass man dadurch Gefahr läuft, die Gewohnheiten seiner Leserschaft zu durchkreuzen und sie (Letztere) damit zu verwirren.

Der folgende Block, der den Anschein einer Bedeutungserklärung macht, ist durch die sieben Ziffern 1. bis 7. gegliedert. In anderen Wörterbüchern dienen solche Ziffern bei polysemen – mehrdeutigen – Wörtern zur Unterscheidung von verschiedenen Lesarten, also Einzelbedeutungen. Hier nicht. Hier werden unter den Ziffern 1. bis 6. einzelne „Fakten“ genannt, die man dem enzyklopädischen Wissen zuschlagen könnte; schließlich wird der Artikel mit 7. und einem – pardon – platten Slogan ohne Informationswert abgeschlossen (wobei, 6. ist auch schon richtig grausig; unter 4. der Vergleich von „Zeigern und Stundenindizes mit Chromalight [Chromawas!? Hexenwerk!]“ mit „herkömmlicher phosphoreszierender Masse“ ist echt schräg; und dass unter 5. niemand „Manufaktu(h)rwerk“ gekalauert hat, hilft auch nicht mehr viel). Die siebte „Nicht-Lesart“ ist außerdem farblich durch sattes Schwarz hervorgehoben, während der Text von 1. bis 6. in einem etwas helleren Grauton gehalten ist. Auch diese Abgrenzung ist eher unüblich.

Zu erwähnen ist noch, dass diese „Nicht-Lesarten“ nicht systematisch in einer neuen Zeile beginnen, sondern da, wo der vorherige Satz eben jeweils aufhört. Der Artikel ist also nicht – in der Terminologie von Wiegand (z.B. Wiegand 2000) – mikroarchitektonisch ausgebaut. Durch diese Vorgehensweise wurde eine Chance vergeben, die „Inhalte“ leichter zugänglich aufzubereiten. Der Vorteil dieses Vorgehens ist etwas Platzeinsparung, aber solche Knausrigkeit sollte Rolex doch wohl nicht nötig haben.

In der Lexikographie tut sich Rolex (oder die von ihnen beauftragte Agentur) also nicht besonders hervor. Stellt sich noch die Frage, wieso eine Firma, die lächerlich teure Armbanduhren verkauft, mit einem „Wörterbuchartikel“ wirbt. Vielleicht, weil Wörterbücher auch „höchste Präzision und Zuverlässigkeit“ ausstrahlen und Rolex sich in dieser Ausstrahlung mitsonnen will?

Vielleicht aber auch, weil Wörterbücher eben einfach cool sind.

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Literaturhinweis:

  • Wiegand 2000 = Herbert Ernst Wiegand: Über Suchbereiche, Suchzonen und ihre textuellen Strukturen in Printwörterbüchern. Ein Beitrag zur Theorie der Wörterbuchform. In: Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Wörterbücher in der Diskussion IV. Vorträge aus dem Heidelberger Lexikographischen Kolloquium (Lexicographica. Series Maior 100). Tübingen 2000, 233–301.