Es geht los. In den letzten Wochen waren alle Interessierten aufgerufen, Vorschläge für den Anglizismus des Jahres 2011 einzureichen, jetzt sind wir, die Jury, dran, aus diesen Nominierungen einen Ausdruck auszuwählen. Zunächst einmal musste „aufgeräumt“ werden, von den ursprünglich 58 Vorschlägen blieben 24 Kandidaten — die meisten der Ausgeschiedenen waren nach unseren Recherchen entweder schon zu lange im Sprachgebrauch, ohne dass sich 2011 ein wirklich herausragender Anstieg der Verwendung hätte nachweisen lassen, oder sie wurden 2011 nur so selten verwendet, dass man nicht von einer Verankerung im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit ausgehen kann (und das war ja als Kriterium gefordert).

Nun soll es hier also um das Wort Barcamp gehen. Oder, wie man auch liest, um das Wort BarCamp. Ganz selten auch Bar-Camp. Dabei handelt es sich, und ich zitiere hier den ganz informativen Wikipedia-Artikel, um „eine offene Tagung mit offenen Workshops, deren Inhalte und Ablauf von den Teilnehmern zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet werden“.

Laut Wikipedia fand das erste Barcamp im August 2005 in den USA statt (wenn auch vergleichbare Veranstaltungen bereits in den 1990ern zu finden waren); der englische Wikipedia-Artikel datiert denn auch vom August 2005, der deutsche Artikel wurde erst etwa ein Jahr später angelegt. Das Pons-Onlinewörterbuch enthält einen Artikel zu Barcamp, ebenso Dudens Szenesprachenwiki, letzteres seit dem 16.02.2009 und in … individueller … Orthographie. Das Online-Wörterbuch auf duden.de, Wiktionary und Woxikon haben keinen entsprechenden Artikel. Im Deutschen Referenzkorpus DeReKo findet man via COSMAS II 2007 einen ersten Zeitungsbeleg, im Google-Newsarchiv im selben Jahr zwei. Mehr zur Verwendungshäufigkeit weiter unten.

Barcamp ist ein Kompositum, bestehend aus den Konstituenten Bar und Camp. Das Wort Camp, seinerseits ein Anglizismus, ist im Deutschen nicht selten, in den Texten des DeReKo lassen sich fast 3000 unterschiedliche Camps mit Zigtausenden von Einzelbelegen ermitteln, vom ABC-Camp über das Diabetescamp, Kindernationalparkcamp, Max-Planck-Forschercamp und Resozialisierungscamp bis hin zum Zucht-und-Ordnung-Camp. Schon 1974 heißt es beispielsweise: „Rinus Michels gewährte seinen Stars nach elf Tagen Dauerstreß im Trainingscamp über Pfingsten Freizeit“ (Die Welt, 04.06.1974, via COSMAS). Auch allgemeinsprachliche Wörterbücher wie Duden oder Wahrig führen das Camp auf. Als Kompositum hat Barcamp die gleichen grammatischen Eigenschaften wie das Grundwort Camp, insbesondere das Genus Neutrum und die Genitiv-Singular- und die Pluralbildung auf -s.

Weniger allgemeinsprachlich bekannt ist die Konstituente Bar, die sich mitnichten auf das „intime [Nacht]lokal“ (Duden) bezieht. Mit dem englischen Ausdruck bar (oder foo, das wird gleich noch wichtig, oder baz, oder ) bezeichnen Programmierer in schablonenartigen Beispiel-Quellcodes häufig eine Variable, die in einem konkreten Programm später einen anderen, sprechenden Namen bekommt. Vorbild für das Barcamp war das Foo Camp (ja genau), eine Veranstaltung des O’Reilly-Verlags, an der man aber nur mit Einladung teilnehmen darf. Während Foo neben der Anspielung auf die soeben erläuterte Variablenbezeichnung auch als Abkürzung von Friends of O‚Reilly zu verstehen ist, hat das Bar in Barcamp keine zusätzliche Bedeutung.

Damit wird mit der Bezeichnung Barcamp also auch durch ihre Bestandteile das ausgedrückt, was die Wikipedia-Beschreibung ja schon sagte: Es ist ‚ein Camp mit vielen variablen Parametern, die erst im konkreten Fall noch festgelegt werden‘. (Kleine persönliche Anmerkung: Diese Wortherkunft gefällt mir wirklich gut.) Außerdem weist Bar auch darauf hin, wo der Ursprung des Ausdrucks zu suchen ist: Die ersten Barcamps wurden zu Themen aus dem Software- und Programmierumfeld abgehalten. Inzwischen gibt es aber auch Barcamps zu anderen Themen, etwa das BibCamp zu bibliothekarischen Themen oder das Tourismuscamp, Hotelcamp etc. (siehe wiederum den Wikipedia-Artikel).

Das so zusammengesetzte Wort wird auch zur Bildung von wiederum anderen Komposita verwendet, etwa Barcamp-Prinzip, Barcamp-Szene, Barcamp-Veranstaltung, Themen-Barcamp, BarCamp-Konferenz u.a.m. Und auch andere Ausdrücke werden in Analogie zu Camp/campen gebildet, z.B. Barcamper, Barcampen oder Barcamping. Ob die Bezeichnungen BibCamp, Tourismuscamp, Hotelcamp etc. unmittelbar in Anlehnung an Barcamp oder, ähnlich wie Barcamp selbst, analog zu anderen Camps gebildet wurden, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, eine Anlehnung an Barcamp ist aber nicht unwahrscheinlich, insbesondere, wenn man sich — wie BibCamp — selbst als „eine Art Barcamp“ bezeichnet. Dies würde noch deutlicher heißen, dass Barcamp nicht isoliert in der deutschen Sprache steht, sondern bereits als Ausgangspunkt wiederum neuer Ausdrücke aktiv ist.

Die variierende Orthographie, die oben angesprochen wurde, ist dagegen ein Anzeichen dafür, dass das Wort noch neu im Deutschen ist, sie soll aber auch nicht überstrapaziert werden. Die „BinnenGroßschreibung“ kennt man auch von anderen Beispielen, etwa von der BahnCard. Ist ein Barcamp/BarCamp, wie die BahnCard, ein Produkt irgendeines Unternehmens? Nach meinen Quellen ist das im Deutschen nicht der Fall, Barcamp wird hierzulande als Gattungsbezeichnung und ohne Bezug auf eine übergeordnete Institution verwendet. Im Widerspruch dazu steht, dass in der englischen Wikipedia von einem „Netzwerk“ die Rede ist, das auch ein Logo hat, und dass eine Formulierung gewählt wird, die auf einen Markennamen hindeutet: „BarCamp makes their organizational process freely available, codifying it in a publicly available wiki.“ Gleich im Anschluss heißt es aber: „In addition to the BarCamp-branded network, it is also a model for user-generated conferences in other fields and for more specialized applications […]“ — diese Lesart ist offensichtlich die in Deutschland häufigere oder sogar alleinige.

Ein weiteres Neuheitsmerkmal neben der Orthographie ist die Verwendung von Anführungszeichen oder die Redeweise von sogenannten Barcamps. Beides kommt beim Umgang mit dem Wort vor, jedoch überwiegt die formal unmarkierte Verwendung. Allerdings passiert es auch 2011 noch, dass im Text explizit erläutert wird, was ein Barcamp überhaupt ist, etwa:

Bei der Tagungsform „Barcamp“ handelt es sich um eine offene Veranstaltung, bei der die Teilnehmer den Programmverlauf mit entwickeln und überwiegend am Tag der Veranstaltung erst gestalten. (innovative-verwaltung.de, 05.10.2011)

Dass dies notwendig ist, liegt daran, dass das Wort vielleicht doch noch nicht so weit verbreitet ist, wie man zunächst meinen möchte. An dieser Stelle kann auch einmal gesagt werden, dass mir das Wort bis zu dieser Beschäftigung damit nicht bekannt war. Eine ganz unkritische Google-Suche für Seiten aus Deutschland ergibt zwar ganz ordentliche „Ungefähr 276.000“ Treffer für das Jahr 2011, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr, da werden „Ungefähr 135.000“ ermittelt. Eine Suche im Archiv von Google News ergibt für das Jahr 2011 aber nur noch 86 Treffer, und die reduzieren sich sogar auf nur 38, wenn man die Suche auf die „Seiten auf Deutsch“ beschränkt (2010: 18 Treffer). Sehr viele der Google-Suchmaschinentreffer stammen aus Blogs — wer sich aber nicht in der Bloggerszene herumtreibt, der hatte folglich kaum eine Chance, dem Barcamp in den Nachrichten zu begegnen. Auch in den Texten des DeReKo lassen sich nicht sehr viele Treffer ermitteln: für 2010 19 Funde, die aber in nur 2 (!) Texten auftreten, für 2009 28 Funde in 6 Texten, und früher sieht es nicht besser aus. Immerhin (man wird ja fast schon bescheiden) wird das Wort 2011 schon in 7 Texten verwendet, obwohl die Corpustexte nur die erste Jahreshälfte abdecken. Das könnte tatsächlich auf eine breitere Verwendung im vergangenen Jahr hinweisen, wobei aber ja die Zahlen aus dem Google-Newsarchiv nur mäßig berauschend ausfallen.

Bliebe noch zu erwähnen, dass im Zusammenhang von Barcamp auch der Ausdruck Unkonferenz verwendet wird:

Der Ablauf eines „BarCamp“, von den Teilnehmern auch „Unkonferenz“ genannt, soll so dem fortlaufend aktualisierten Internet ähneln. (Hannoversche Allgemeine, 25.02.2008, via COSMAS)

Ein BarCamp ist eine offene Unkonferenz. Oder konkreter: Eine Art Tagung, die sich in bewusster Abwendung von traditionellen Organisationsformen ohne zuvor festgelegtes Thema und ohne Trennung zwischen Publikum und Vortragenden entwickelt. (Die Südostschweiz, 23.10.2009, via COSMAS)

Der Ausdruck scheint meist synonym zu Barcamp verwendet zu werden, auch wenn auf der Diskussionsseite der entsprechenden Weiterleitung auf Wikipedia (eingerichtet im Januar 2009) kritisiert wird, dass Unkonferenz der Oberbegriff sei. Die Trefferzahlen bei Google, Google News und im DeReKo sind allesamt kleiner als diejenigen für Barcamp. Eine Erklärung wie „Ein BarCamp ist eine offene Unkonferenz“ scheint mir auch relativ wenig zielführend, da nach meinem Eindruck die wenigsten sich etwas unter einem nicht weiter kommentierten Ausdruck Unkonferenz vorstellen können. Der zweite Ausdruck, der noch genannt wird, Ad-hoc-Nicht-Konferenz, kommt noch seltener vor.

Als Fazit möchte ich erst einmal feststellen, dass ich ganz angenehm überrascht war von der vielfältigen Verwendung, die das doch relativ neue Wort Barcamp bereits gefunden hat, insbesondere als Ableitungsbasis für Barcamper oder Barcamping, was natürlich durch die bestehenden Formen Camper und Camping stark begünstigt wird, oder als wahrscheinlicher Ausgangspunkt für Bildungen wie BibCamp, Hotelcamp etc. Wenn sich diese Organisationsform noch etwas stärker durchsetzt, rechne ich mit einem hohen Entwicklungspotential. Womit wir auch schon beim „Aber“ angekommen wären: In manchen Bloggerkreisen und eher technikaffinen Gruppen mag dieses Wort bereits angekommen sein, nicht aber in der breiten Öffentlichkeit: Die immer noch sehr geringe Verwendung in Massenmedien (siehe Google News) spricht leider dagegen, dass Barcamp tatsächlich große Chancen auf den Titel Anglizismus des Jahres 2011 hat.

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