🐧❀ wortbildung und rechtschreibung mit der bundeskanzlerin 🐦 🐞 🌷

Hallo liebe Kinder und Junggebliebene.

Wie Ihr alle bestimmt schon gehört habt, ist im Herbst wieder Bundestagswahl. Und wenn es dieser andere Kandidat nicht verhindert, der mit S…, wiehießerdochgleich, ach ja, Serdar Somuncu, dann wird die Frau Merkel erneut Kanzlerin werden bzw. bleiben. Ich kann mich noch erinnern, als sie sich zum ersten Mal zur Wahl gestellt hat, da frugen welche, ob sie denn jetzt „Kanzlerkandidatin“ oder „Kanzlerinkandidatin“ sei. Jetzt, ungefähr drölfzig Jahre danach, gibt es schon ganz viele zusammengesetzte Wörter, die mit „Kanzlerin…“ anfangen, oder aber auch mit „Kanzlerinnen…“. Ich habe über COSMAS eine Liste von etwa 500 solcher Wörter gefunden (Wortform-Types, nicht lemmatisiert; etwa 350 davon treten nur ein Mal auf).

Weil ich gerade Lust darauf hatte, mal wieder ein paar kleine Tabellen zu erstellen, habe ich mir dann mal zwei Aspekte herausgesucht, nach denen sich diese Wörter schön in einer Tabelle aufteilen lassen: Der wortbildnerisch-morphologische Aspekt, ob die Zusammensetzung mit „Kanzlerin…“ oder Kanzlerinnen…“ anfängt, und der orthographische Aspekt, ob die Zusammensetzung mit Bindestrich oder ohne geschrieben wird.

Das Ergebnis sieht so aus:

Was die Schreibung mit Bindestrich angeht, ist der Unterschied nicht so groß. Zwar werden in meiner Untersuchung mehr Wörter mit Bindestrich geschrieben, aber besonders auffällig ist das Ergebnis nicht (Tabelle 1). Gezählt werden in der Tabelle übrigens die unterschiedlichen Wortform-Types – wenn man die Anzahl der jeweils dazugehörigen Einzelvorkommen im Text heranzieht, ergibt sich sogar ein ganz ausgewogenes Verhältnis von 50/50 %.

ohne Bindestrich

229

46 %

mit Bindestrich

272

54 %

Summe

501

Tabelle 1: Schreibung mit/ohne Bindestrich

Was die Schreibung mit der „Singular-“ oder „Pluralform“ als Erstglied angeht, sieht die Sache ganz anders aus. Nur in etwas mehr als einem Viertel der Fälle steht „Kanzlerin…“, also die Form, die mit dem Singular identisch ist. In fast drei Viertel der Fälle steht dagegen „Kanzlerinnen…“ (Tabelle 2). An diesem Verhältnis ändert sich auch kaum etwas, wenn man die einzelnen Vorkommen im Text als Grundlage nimmt. Für diese Art der Verbindung der Zusammensetzungs-Bestandteile gibt es also eine recht eindeutige Vorliebe.

Kanzlerin…

139

28 %

Kanzlerinnen…

362

72 %

Summe

501

Tabelle 2: Schreibung mit „Singular-“ oder „Pluralform“ als Erstglied

Schließlich habe ich dann noch beide Aspekte miteinander kombiniert, und auch da zeigen sich einige Auffälligkeiten (Tabelle 3):

• Während sich ja insgesamt gesehen kein großer Unterschied im Verhältnis mit/ohne Bindestrich zeigt, lässt sich doch feststellen, dass innerhalb der Gruppe der Zusammensetzungen mit „Kanzlerin…“ nur 30 % (42 von 139) ohne Bindestrich geschrieben werden, 70 % (97 von 139) aber mit. Bei den Bindestrich-Schreibungen handelt es sich im Übrigen auch allerweitestgehend nicht um Koplativkomposita, bei denen man einen Bindestrich vielleicht eher erwarten würde, sondern augenscheinlich um Determinativkomposita. Innerhalb der Zusammensetzungen mit „Kanzlerinnen…“ ist das Verhältnis mit/ohne Bindestrich wiederum fast ausgewogen (52 % ohne / 48 % mit Bindestrich).

• Dass häufiger „Kanzlerinnen…“ als Erstglied gewählt wird und nicht „Kanzlerin…“ bleibt gleich, auch wenn man Untergruppen nach Verwendung von Bindestrichen bildet. Allerdings zeigt sich auch, dass in der Gruppe „ohne Bindestrich“ mit 18 % (42 von 229) im Verhältnis noch deutlich seltener „Kanzlerin…“ steht als insgesamt (28 %) betrachtet. In der Gruppe „mit Bindestrich“ dagegen gibt es mit 36 % (97 von 272) einen im Vergleich relativ hohen Anteil von „Kanzlerin…“-Schreibungen.

Kanzlerin…

Kanzlerinnen…

Summe

ohne Bindestrich

42

187

229

mit Bindestrich

97

175

272

Summe

139

362

501

Tabelle 3: Kreuztabelle mit der Kombination beider Aspekte

Jetzt hätte ich eigentlich diesen Fall gerne noch mit anderen Zusammensetzungen verglichen, um zu überprüfen, ob sich die Verhältnisse zwischen der Wahl (k)eines Bindestrichs und der Entscheidung für das Movierungssuffix ± Fugenelement „-in(nen)-“ als vergleichbar beweisen. Allerdings ist das gar nicht so einfach, solange Angela Merkel als Kanzlerin ein Unikat ist wie der Papst, und solange es keine Päpstin-Kandidatin gibt, die es zu nennenswerter Präsenz in den Corpora des Instituts für Deutsche Sprache schafft. Ich habe es mal für „Ministerin(nen)…“ und „Präsidentin(nen)…“ ausprobiert, da war allerdings der Anteil der Wortbildungen mit den „Singular-Formen“ als Erstglied echt gering – was möglicherweise daran liegt, dass wirklich von mehreren Ministerinnen und Präsidentinnen die Rede ist, egal ob man das „-nen-“ in „Ministerinnen…“ jetzt für ein semantisch leeres Fugenelement hält oder ihm doch eine pluralische Bedeutung zugesteht (die es bei „Kanzlerinnen…“ ja schlecht haben kann). Immerhin zeigt sich auch da, dass sich die Schreibungen mit und ohne Bindestrich (insgesamt gesehen) in etwa die Waage halten.

So. Ende dieser Fingerübung.

lexikographielexikon, band 2

Frisch erschienen: Der zweite Band (D – H) des Wörterbuchs zur Lexikographie und Wörterbuchforschung (Dictionary of Lexicography and Dictionary Research), herausgegeben von Herbert Ernst Wiegand, Michael Beißwenger, Rufus H. Gouws, Matthias Kammerer, Michael Mann, Angelika Storrer und Werner Wolski und veröffentlicht bei De Gruyter:

Siehe auch: Lexikographielexikon

hinweis: europaweite umfrage zur wörterbuchbenutzung

Vom European Network of E-Lexicography wird derzeit eine groß angelegte „Befragung zur Wörterbuchkultur und -benutzung“ durchgeführt.

Zum Umfrageformular kommt man über die entsprechende Internetseite des Netzwerks:
http://www.elexicography.eu/events/european-survey-on-dictionary-use/

Die Startseite ist auf Englisch, die Umfrage kann aber auf Deutsch durchgeführt werden. Sie dauert nach Angaben der Aufgabensteller ca. 10 bis 15 Minuten.

Das European Network of E-Lexicography ist ein Zusammenschluss von Lexikographinnen und Wörterbuchforscherinnen aus Wissenschaft und Praxis.

wörterbuchwatch

Ich wollte nur mal anmerken: Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, standen unter anderem folgende Ausdrücke noch nicht im Pons-Onlinewörterbuch – jetzt schon:

  • Bartöl
  • Hofkamarilla
  • Koleoptile
  • Mesh
  • Riemenpedal

oder

  • Öffi

frühneuhochdeutsches wörterbuch online

Bereits Anfang März ist das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch online gegangen! Die verfügbaren Artikel können unter www.fwb-online.de aufgerufen werden. Das Frühneuhochdeutsche ist die Sprachstufe von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.

Verfügbar sind allerdings noch längst nicht alle Artikel von A bis Z, sondern nur bestimmte Artikelstrecken.

„Da das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch sich noch im Entstehen befindet, kann die Online-Version des Wörterbuchs noch nicht das gesamte Alphabet abdecken. Zudem gilt für jede im Druck neu veröffentlichte Lieferung eine vierjährige Sperrfrist. Diese verhindert die Bereitstellung der Daten auf FWB-online vor Ablauf von vier Jahren.“

Teil der Online-Fassung ist auch die 1986 erschienene Lexikographische Einleitung von Oskar Reichmann, die als beispielhaft für eine wissenschaftliche metalexikographische Einleitung gilt. Sie ist allerdings auch laaaang.

Mehr allgemeine Information zum Frühneuhochdeutschen Wörterbuch findet man auf den Internetseiten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

das versaleszett auf dem weg ins establishment

Ein unerwartetes Nikolausgeschenk hat der Rat für deutsche Rechtschreibung da noch leicht verspätet aus dem Sack gelassen: In seinem Bericht über die Wahrnehmung seiner Aufgaben in der Periode 2011 bis 2016 (PDF) ist unter I) A) 2. der Vorschlag enthalten, das „große ß“ (Versal-Eszett, ) in die amtliche Rechtschreibregelung zu übernehmen.

Bislang war dort in § 25 E3 der Notbehelf angegeben, das „ß“ aufgrund eines fehlenden „großen“ Gegenstücks bei kompletter Großschreibung eines Wortes durch „SS“ zu ersetzen („Straße“ wurde zu „STRASSE“ – in der Praxis aber häufig doch zu „STRAßE“).

Inzwischen sind jedoch nach Auffassung des Rates Voraussetzungen dafür gegeben, den Großbuchstaben „ẞ“ auch amtlich „zuzulassen“. Zum einen werde das Zeichen bereits öffentlich verwendet (als Einsatzbereich genannt wird insbesondere die Werbung), zum anderen werde die Ersatzschreibung mit „SS“ unter anderem bei Behörden aufgrund mangelnder Eineindeutigkeit nicht durchgeführt. Das „ẞ“ füllt hier also eine Lücke. Außerdem haben heute viele, auch verbreitete, Schriftarten das Versal-Eszett aufgenommen – nicht zuletzt angefeuert durch dessen Integration in den Unicode-Standard (U+1E9E) im Jahr 2008 –, so dass die Möglichkeit, dieses Zeichen zu verwenden, auch praktisch gegeben ist.

So fällt, wenn dieser Vorschlag des Rechtschreibrates umgesetzt wird, die Ersetzung durch „SS“ zwar nicht weg, aber der Einsatz von „ẞ“ ist immerhin erlaubt. Das nimmt dann auch endlich all den Obrigkeitshörigen den Wind aus den Segeln, die sich damit bis jetzt nicht anfreunden konnten („In den Rechtschreibregeln steht aber …“, „Gibt’s nicht, weil: steht nicht im Duden …“).

Verwendet wurde das Zeichen im übrigen auch früher schon, wenn auch nicht gerade flächendeckend. Ein häufig zitiertes Beispiel ist aber zufälligerweise gerade eines „im Duden“: die Titelblätter früherer (Leipziger) Duden-Ausgaben zierte das typographisch schönere Versal-Eszett.

Was ich mir jetzt noch wünschen würde, ist, dass Word dieses Zeichen auch berücksichtigt, wenn man Text als Kapitälchen auszeichnen will. Aber das kommt ja vielleicht noch an Weihnachten oder Ostern …

Weitere Lesetipps:

Großartig

syntax mit schusswaffe

Die soundsovielte Variation eines Grammatik-Klassikers: Wer hatte denn nun die Schusswaffe – Händler oder Räuber?

Erlanger Münzhändler vertreibt Räuber mit Schusswaffe (nordbayern.de)

Erlanger Münzhändler vertreibt Räuber mit Schusswaffe (nordbayern.de)

Wir wissen es nicht – wir können es nur anhand der Schlagzeile nicht sicher wissen. Vom Sachverhalt ist aber abhängig, ob „mit Schusswaffe“ als adverbiale Bestimmung und mithin als Satzglied analysiert werden muss (Mit [einer] Schusswaffe vertreibt ein Erlanger Münzhändler einen/mehrere Räuber), oder ob „mit Schusswaffe“ als Attribut zum Substantiv und Akkusativobjekt „Räuber“ gehört ([Einen/mehrere] Räuber mit Schusswaffe vertreibt ein Erlanger Münzhändler).

Solch ein Fall wird als „syntaktische Ambiguität“ bezeichnet; eine eindeutige syntaktische Analyse ist nur mit mehr Kontextwissen möglich. In diesem Fall war es übrigens der Münzhändler, der eine Schusswaffe hatte. Wie im Wilden Westen.