frühneuhochdeutsches wörterbuch online

Bereits Anfang März ist das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch online gegangen! Die verfügbaren Artikel können unter www.fwb-online.de aufgerufen werden. Das Frühneuhochdeutsche ist die Sprachstufe von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.

Verfügbar sind allerdings noch längst nicht alle Artikel von A bis Z, sondern nur bestimmte Artikelstrecken.

„Da das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch sich noch im Entstehen befindet, kann die Online-Version des Wörterbuchs noch nicht das gesamte Alphabet abdecken. Zudem gilt für jede im Druck neu veröffentlichte Lieferung eine vierjährige Sperrfrist. Diese verhindert die Bereitstellung der Daten auf FWB-online vor Ablauf von vier Jahren.“

Teil der Online-Fassung ist auch die 1986 erschienene Lexikographische Einleitung von Oskar Reichmann, die als beispielhaft für eine wissenschaftliche metalexikographische Einleitung gilt. Sie ist allerdings auch laaaang.

Mehr allgemeine Information zum Frühneuhochdeutschen Wörterbuch findet man auf den Internetseiten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

das versaleszett auf dem weg ins establishment

Ein unerwartetes Nikolausgeschenk hat der Rat für deutsche Rechtschreibung da noch leicht verspätet aus dem Sack gelassen: In seinem Bericht über die Wahrnehmung seiner Aufgaben in der Periode 2011 bis 2016 (PDF) ist unter I) A) 2. der Vorschlag enthalten, das „große ß“ (Versal-Eszett, ) in die amtliche Rechtschreibregelung zu übernehmen.

Bislang war dort in § 25 E3 der Notbehelf angegeben, das „ß“ aufgrund eines fehlenden „großen“ Gegenstücks bei kompletter Großschreibung eines Wortes durch „SS“ zu ersetzen („Straße“ wurde zu „STRASSE“ – in der Praxis aber häufig doch zu „STRAßE“).

Inzwischen sind jedoch nach Auffassung des Rates Voraussetzungen dafür gegeben, den Großbuchstaben „ẞ“ auch amtlich „zuzulassen“. Zum einen werde das Zeichen bereits öffentlich verwendet (als Einsatzbereich genannt wird insbesondere die Werbung), zum anderen werde die Ersatzschreibung mit „SS“ unter anderem bei Behörden aufgrund mangelnder Eineindeutigkeit nicht durchgeführt. Das „ẞ“ füllt hier also eine Lücke. Außerdem haben heute viele, auch verbreitete, Schriftarten das Versal-Eszett aufgenommen – nicht zuletzt angefeuert durch dessen Integration in den Unicode-Standard (U+1E9E) im Jahr 2008 –, so dass die Möglichkeit, dieses Zeichen zu verwenden, auch praktisch gegeben ist.

So fällt, wenn dieser Vorschlag des Rechtschreibrates umgesetzt wird, die Ersetzung durch „SS“ zwar nicht weg, aber der Einsatz von „ẞ“ ist immerhin erlaubt. Das nimmt dann auch endlich all den Obrigkeitshörigen den Wind aus den Segeln, die sich damit bis jetzt nicht anfreunden konnten („In den Rechtschreibregeln steht aber …“, „Gibt’s nicht, weil: steht nicht im Duden …“).

Verwendet wurde das Zeichen im übrigen auch früher schon, wenn auch nicht gerade flächendeckend. Ein häufig zitiertes Beispiel ist aber zufälligerweise gerade eines „im Duden“: die Titelblätter früherer (Leipziger) Duden-Ausgaben zierte das typographisch schönere Versal-Eszett.

Was ich mir jetzt noch wünschen würde, ist, dass Word dieses Zeichen auch berücksichtigt, wenn man Text als Kapitälchen auszeichnen will. Aber das kommt ja vielleicht noch an Weihnachten oder Ostern …

Weitere Lesetipps:

Großartig

syntax mit schusswaffe

Die soundsovielte Variation eines Grammatik-Klassikers: Wer hatte denn nun die Schusswaffe – Händler oder Räuber?

Erlanger Münzhändler vertreibt Räuber mit Schusswaffe (nordbayern.de)

Erlanger Münzhändler vertreibt Räuber mit Schusswaffe (nordbayern.de)

Wir wissen es nicht – wir können es nur anhand der Schlagzeile nicht sicher wissen. Vom Sachverhalt ist aber abhängig, ob „mit Schusswaffe“ als adverbiale Bestimmung und mithin als Satzglied analysiert werden muss (Mit [einer] Schusswaffe vertreibt ein Erlanger Münzhändler einen/mehrere Räuber), oder ob „mit Schusswaffe“ als Attribut zum Substantiv und Akkusativobjekt „Räuber“ gehört ([Einen/mehrere] Räuber mit Schusswaffe vertreibt ein Erlanger Münzhändler).

Solch ein Fall wird als „syntaktische Ambiguität“ bezeichnet; eine eindeutige syntaktische Analyse ist nur mit mehr Kontextwissen möglich. In diesem Fall war es übrigens der Münzhändler, der eine Schusswaffe hatte. Wie im Wilden Westen.

hier wohnt der tod

Die Redensart „Aussehen wie der Tod von [Ortsname]“ wird mit unterschiedlichen Ortsnamen verwendet. Hier eine Übersicht*:

Aussehen wie der Tod von XXX (auf die Karte klicken zur Großansicht)

Aussehen wie der Tod von … (auf die Karte klicken zur Großansicht)

  • „Der schaut aus wie der Tod von Eding“ (Altötting) (Quelle)
  • „Du siehst ja aus wie der Tod von Forchheim“ (Quelle)
  • „Du siehst aus wie der Tod von Ippern!“ (oder: Ypern) (Quelle)
  • „He süht ut as de Dood van Lübeck“ (Er sieht aus wie der Tod von Lübeck) (Quelle)
  • „Er sieht aus wie der Tod von Guntau“ (Quelle: Preußische Sprichwörter) [nicht in der Karte]
  • „Er sieht aus wie der Tod von Eylau“ (Quelle: Preußische Sprichwörter)
  • „Du siehst ja aus wie der Tod von Kiwte!“ (Quelle: Ermländischer Wortschatz)
  • „Die Arme sieht ja aus wie der Tod von Basel!“ (Quelle)
  • „Er siehet aus, wie der Tod von Warschau“ (Nachtrag; Quelle)
  • „[Er siehet aus] wie der Tod von Dirschau“ (Nachtrag; Quelle)

* Hinweis: Für diese Orte habe ich mindestens einen Treffer ergoogelt und diesen dann gar nicht erst weiter verifiziert.

der neue ikea-katalog ist da

Ja, das ist immer noch das Lexikographieblog, und nein, das ist keine Werbung.

Allerdings ist dieser Beitrag mal wieder inspiriert durch Werbung, nämlich den genannten Katalog, den ich gerade im Briefkasten fand.

Sein Motto lautet: „Entworfen für dich, nicht für irgendwen“.

Klar, ein Einrichtungshaus, das unaufgefordert allen, die sich nicht explizit dagegen wehren, seinen Katalog nachwirft, produziert natürlich nicht „für irgendwen“. Durch diesen Quatsch neugierig geworden, und weil IKEA ja ein in vielen Ländern aktives Unternehmen ist, habe ich mal recherchiert, ob das aktuelle Motto in anderen Sprachen und Ländern vergleichbar schwachsinnig ist.

Die erste Überraschung ist Österreich mit „Für mein Leben gern zuhause“. Man hat nicht einfach den bundesdeutschen Spruch genommen, sondern einen anderen gewählt, der zwar immer noch ein Werbeslogan, aber immerhin kein gänzlich sinnbefreiter mehr ist.

Im (US-)Englischen lautet das Motto „Designed for people, not consumers“. Das weicht zwar um eine Nuance vom deutschen Motto ab, ist aber auf einem Verkaufskatalog ähnlich dämlich.

Ein kleines Stück „besser“ machen es in dieser Hinsicht all die Sprachfassungen, die sich auf den ersten Teil konzentrieren und den das Motto ad absurdum führenden zweiten Teil einfach weglassen, so etwa die US-spanische Katalogversion oder das schwedische „Original“:

Deutsch (DE)

„Entworfen für dich, nicht für irgendwen“

Deutsch (AT)

„Für mein Leben gern zuhause“

Englisch (US)

„Designed for people, not consumers“ („Entwickelt für Menschen, nicht Konsumenten“)

Spanisch (US)

„Diseños contigo en mente“ („Design mit dir im Sinn“)

Schwedisch

„Designat för människor“ („Entwickelt für Menschen“)

Tschechisch

„Navrhujeme pro skutečné lidi“ („Wir entwerfen für echte Menschen“)

Slowakisch

„Navrhujeme pre skutočných l’udí“ („Wir entwerfen für echte Menschen“)

Ungarisch

„Valódi embereknek, valódi otthonokba“ („Echte Menschen, echte Häuser“)

Echte Menschen, echte Häuser, yeah. Andere Sprachfassungen haben wiederum relativ eigene Mottos, wobei das französische, auf seine eigene Art und Weise, dem deutschen durchaus das Wasser reichen kann:

Niederländisch

„Met aandacht gemaakt“, und am Seitenende: „Aandacht maakt alles mooier“ („Mit Aufmerksamkeit/Zuwendung/Bedacht gemacht“, und „[Das erste Wort] macht alles schöner“)

Dänisch

„Plads til livet“ („Willkommen“ [sagt der Google Übersetzer; wörtlich: ‚Platz zum Leben‘])

Norwegisch

„God design er mer enn det du ser“ („Gutes Design ist mehr als das, was Sie sehen“)

Französisch

„Le design démocratique pour tous les jours“ („Das demokratische Design für den Alltag“) [wtf?]

Also, dass die Werbung ganz eigene sprachliche Kreationen hervorbringt, das wissen wir ja längst. Aber es überrascht mich doch gelegentlich immer wieder, wozu sie wirklich in der Lage ist.

Hinweise: Die Übersetzungen entstanden überwiegend mit freundlicher Unterstützung des Google-Übersetzers. Ein Exemplar des besprochenen Katalogs wurde mir durch IKEA per Postwurfsendung zur Verfügung gestellt. Es gibt auch andere Einrichtungshäuser. Unterstützen Sie die bei Ihnen ortsansässigen Schreinereien und inhabergeführten Innenausstatter. Das Elch-Bild ist pures Klischee und damit man bei Facebook was sieht.

 

aus der Französischen Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Rechte abgelaufen / Wikimedia Commons

Aus der Französischen Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Rechte abgelaufen / Wikimedia Commons

linkshänder und noch mehr schwachsinnige

Für den heutigen Internationalen Tag der Linkshänder habe ich mir noch etwas aufgehoben:

Linkshändigkeit. Die Bewegungen der Gliedmaßen werden von Rindenfeldern der entgegengesetzten Großhirnhälften geleitet. Bei der üblichen Rechtshändigkeit ist also die linke Großhirnhälfte bevorzugt. Worauf Linkshändigkeit (etwa 5 Prozent der Bevölkerung) und die Bevorzugung der rechten Großhirnhälfte beruht, ist noch nicht bekannt. Auffallend ist, daß in den Familien von Linkshändern auch andere zentral bedingte Störungen, z. B. Sprachstörungen und Schwachsinn, häufiger als sonst auftreten.

[Aus: Wörterbuch zur Erblehre und Erbpflege (Rassenhygiene). Bearbeitet von Medizinalrat Dr. Erich Jeske. Berlin: Alfred Metzner, 1934]

Es grüßt Ihr Lexikographieblogger,
Linkshänder

– – –

Siehe auch: Schwachsinnige, Psychopathen und sektenstiftende Propheten

wörterbuchspaziergänge – heute: schunkeln

Schunkeln ist übrigens eine „Nebenform“ von schuckeln (duden.de), welches seinerseits wiederum eine „landschaftliche Nebenform“ von schaukeln ist (duden.de).

Schaukeln geht auf mittelniederdeutsch schocken zurück (duden.de), welches auch für den Schock Pate stand, allerdings über Umwege, da es erst einmal ins Französische (choc, choquer) entlehnt und wieder zurückentlehnt werden musste (duden.de, dwds.de). Und zum Schock gehört bekanntlich auch das Verb schockieren.

Es ist also nicht ganz abwegig, sondern nur ein bisschen (ziemlich) wortklauberisch, zu behaupten, dass schockieren ‚jemandem zum Schunkeln bringen‘ bedeutet/bedeuten könnte/hätte bedeuten können.

Man sollte bestimmte Fernsehsendungen und Großveranstaltungen mal unter diesem Gesichtspunkt betrachten.