wörterbuchspaziergänge – heute: schunkeln

Schunkeln ist übrigens eine „Nebenform“ von schuckeln (duden.de), welches seinerseits wiederum eine „landschaftliche Nebenform“ von schaukeln ist (duden.de).

Schaukeln geht auf mittelniederdeutsch schocken zurück (duden.de), welches auch für den Schock Pate stand, allerdings über Umwege, da es erst einmal ins Französische (choc, choquer) entlehnt und wieder zurückentlehnt werden musste (duden.de, dwds.de). Und zum Schock gehört bekanntlich auch das Verb schockieren.

Es ist also nicht ganz abwegig, sondern nur ein bisschen (ziemlich) wortklauberisch, zu behaupten, dass schockieren ‚jemandem zum Schunkeln bringen‘ bedeutet/bedeuten könnte/hätte bedeuten können.

Man sollte bestimmte Fernsehsendungen und Großveranstaltungen mal unter diesem Gesichtspunkt betrachten.

schwachsinnige, psychopathen und sektenstiftende propheten

Ich werfe hier mal ein paar 80 Jahre alte Wörterbuchartikel in die Runde. Zum Glück ergibt sich da ja kein Bezug mehr zum Heute. Merke außerdem: Sozialer Aufstieg ist überbewertet und Eheberatung müsste mal anders definiert werden. Zum Trost: Der letzte Eintrag steht da einfach nur, weil er so schön ist.

* * *

Arbeitsscheu, zu einem erheblichen Teil durch Schwachsinn, Psychopathie, Geisteskrankheit bedingt, wie Untersuchungen an Bettlern, Landstreichern und Prostituierten ergeben haben.

asozial ist ein Mensch, der unfähig ist, sich in die Gesellschaft einzuordnen und selber zu erhalten. A. sind zum großen Teil Erbkranke und erblich Belastete, insbesondere Schwachsinnige. In einem unerfreulichen Gegensatz zu der Lebensuntüchtigkeit steht die Fortpflanzungstüchtigkeit der Asozialen und ihre überdurchschnittliche Zahl von Nachkommen.

Aufstieg, sozialer, Aufstieg einer Familie in sozial höhere Schichten, zuweilen allmählich über Generationen, zuweilen rasch durch besonders Begabte. Das Bestreben der Eltern, ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, veranlaßt sie gewöhnlich, mit Rücksicht auf die Kosten der Ausbildung, die Zahl der Kinder zu beschränken. Da in den höheren sozialen Schichten die Fortpflanzung gleichfalls eine unzureichende ist, führt der s. A. gleichzeitig zu einer allmählichen Ausmerze der aufgestiegenen Familien und – für das Volk – zu einer Ausmerze der Begabten.

Eheberatung, Beratung der Heiratswilligen […] vor der Eheschließung über ihre Erbgesundheit und die Aussicht auf erbgesunde Nachkommen. Dieses Ziel ist in den Eheberatungsstellen, die vor einigen Jahren eingerichtet wurden, nur in geringem Umfange erreicht worden. Vielmehr wurden die Stellen auch von Verheirateten aufgesucht, und die Beratung umfaßte alle möglichen Krankheiten, die vor und in der Ehe auftreten, insbesondere auch sexuelle Fragen und Geburtenverhütung. Eine Anzahl von Mütter- und Sexualberatungsstellen diente ausschließlich diesem Zweck. Eine Prüfung der erbbiologischen Ehetauglichkeit ist ein unbedingtes Erfordernis vor jeder Eheschließung; die Frage sollte bei allen Heiratswilligen so früh wie möglich, vor der Verlobung und noch ehe eine feste Bindung erfolgt geprüft werden.

Prostituierte (prostituo = zur Unzucht öffentlich preisgeben, l.), wie alle sozial Entgleisenden zu einem wesentlichen Teil aus Schwachsinnigen und Psychopathen bestehend.

Psychopathen, schizoide (schizo = spalten, g.) sind verschlossene, in sich gekehrte (autistische, von autos = selber, g.), ungesellige, humorlose Sonderlinge, bei denen sich Überempfindlichkeit und kühle Unempfindlichkeit mischt (psychaesthetische Proportion). Je nach der Mischung neigen sie mehr nach der Seite: schüchtern, scheu, feinfühlig, nervös, aufgeregt, oder nach der anderen Seite: lenksam, gutmütig, gleichmütig, stumpf, dumm. Sie stehen in der Mitte zwischen den schizothymen Gesunden und den schizophrenen Geisteskranken mit allen Übergängen nach der einen oder anderen Seite. Der feinfühlige, träumerische Natur- und Bücherfreund, der Sammler reicht noch in die Breite des Gesunden, der mürrische, menschenfeindliche Sonderling, der verbohrte Erfinder, der sektenstiftende Prophet reicht schon in die Krankheit hinein. Kalte, gefühllose Despoten, Jähzornig-Stumpfe, eigensinnige Querulanten gehören zu den sch. Ps. (nach Kretschmer).

Aus: Wörterbuch zur Erblehre und Erbpflege (Rassenhygiene). Bearbeitet von Medizinalrat Dr. Erich Jeske. Berlin: Alfred Metzner, 1934.

status, statusse

Wegen des großen Erfolgs: Ich bereite jetzt auch einen Volksentscheid vor, und zwar, um den Plural des Wortes „Status“ offiziell in „Statusse“ ändern zu lassen. So wie „Autobus, Autobusse“. Gleichzeitig wird die Verwendung der Form „Stati“ mit drei Wochen Kerker bei Wasser und Brot bestraft. „Statuuus“, mal ehrlich – wer’s richtig sagt, klingt lächerlich, und wer’s falsch sagt, meistens auch. Wir sind hier doch keine Provinz des Römischen Reichs!

Hätte auch den Vorteil, dass Duden gleich mal diesen sehr seltsamen Passus aus seinem Wörterbuch streichen könnte:

Das aus dem Lateinischen stammende Substantiv lautet im Genitiv und im Plural gleich wie im Nominativ Singular, also des Status und die Status. Ein Unterschied besteht lediglich in der Aussprache. Im Plural wird das u lang gesprochen.

Es lautet also gleich, aber die Aussprache ist anders … To-hu-wa-bo-hu.

Weitere Statusmeldungen bei Gelegenheit natürlich an dieser Stelle.

 

[+++ Aus gegebenem Anlass +++ Disclaimer: Dieser Beitrag ist nicht ernst gemeint +++]

der dumme-jungen-punct.

In einer freien Minute habe ich mit Altavista nach Geocities-Homepages gesucht und bin über eine sprachkritische Internetseite aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert gestolpert, die akut einsturzgefährdet schien und deshalb von mir ins Lexikographieblog gerettet wurde:

* * *

Werthe Herren,

flanirt einer heutzutage durch unſere Städte und Dörfer, bemerket er unweigerlich nach kurzer Zeit eine Unſitte, die aller Orten Einzug gehalten zu haben den Anſchein macht. Ich ſpreche davon, daß Illiterate und Stümper nach jedem einzelnen Worte einen Punct ſetzen, als hätten ſie gleichſam einen gantzen Satz beendet. Ich habe derlei Exempla aufgezeichnet und führe ſie anſchließend auf:

Kleinkinder-Schule.

Kleinkinder-Schule.

Schule.

Schule.

Wie mag wohl unſer Nachwuchs gerathen, wenn er bereits in jungen Jahren mit derlei Unfug „belehret“ wird? Über dieſe Ausländiſche Antiqua ließe ſich ebenfalls gar trefflich ſtreiten! Doch nicht nur vor dem Nachwuchse, ſelbſt vor der Würde unſerer Todten macht man nicht Halt:

Grabſteine

Auch die Hohe Cultur entblöhdet ſich nicht und ſpringt auf das Dampfroß auf – meint man etwa, bereits einen Satz gebildet zu haben, nur weil man auf den Bindeſtrich verzichtete? Ich ſehe kommen, daß man ſich auch mit dieſem Thema zukünftig wird zu beſchäftigen haben – :

Wiener Konzert Haus.

Wiener Konzert Haus.

Und abſchließend:

Peters Platz.

Peters Platz.

Man mag überdieß anmerken, daß bei „Peters Platz.“ der Apoſtroph fehlt, wenngleich Jacob Grimm vor Kurtzem gegen deſſen doch längſt eingeſpielten Gebrauche eifrig wetterte.

Die Gründe für dieſerlei Dummheiten bleiben mir verſchloſſen. Mag es die überall ſprießende Engländerei ſein oder trägt der Frantzos die Schuldt daran? Außer Frage bleibt doch, daß nur dumme Jungen in Frage kommen, dieſen Punct ſetzen zu pflegen. Ich tauffe ihn daher auf den Namen: der Dumme-Jungen-Punct; und ich empfehle dem werthen Dr. Duden die Aufnahme dieſes Ausdruckes in ſein neues Wörtherbuche mit einem abſchreckenden Commentario, alldieweil ich nicht umhin komme, dieſen Punct ſcharf zu verurtheilen.

Ein beſorgter Unterthan.

 

variationen mit spargel. und so.

Schmeckt der Spargel nur anders? Oder besser? Oder schmeckt er überhaupt?

Variationen anhand eines Titels auf sueddeutsche.de:

So hat Spargel noch nie geschmeckt

So hat Spargel noch nie geschmeckt.

Spargel hat noch nie so geschmeckt.

Spargel hat so noch nie geschmeckt.

Noch nie hat Spargel so geschmeckt.

Geschmeckt hat Spargel so noch nie.

www.dictionaryportal.eu: das european dictionary portal

Im letzten Eintrag hatte ich das neue lexikographische Blog DigiLex willkommen geheißen; heute folgt noch ein Hinweis auf ein weiteres Projekt derselben Arbeitsgruppe:

Mit dem European Dictionary Portal (www.dictionaryportal.eu) ist ein zentraler Knotenpunkt für wissenschaftliche und kommerzielle Online-Wörterbuchprojekte im Entstehen. Derzeit sind Wörterbücher zu 44 Sprachen von Deutsch und Englisch über Färöisch und Mazedonisch bis Baskisch und Sorbisch aufgeführt. Diese werden nach Objekt- und Metasprache sowie nach Wörterbuchtyp (Allgemeines Wörterbuch, Lernerwörterbuch, Etymologisches Wörterbuch, Spezialwörterbuch, Historisches Wörterbuch, Wörterbuchportal) kategorisiert; zu vielen Wörterbüchern bietet das Portal auch einen direkten Zugang an.

Die Aufnahme eines Wörterbuchs in dieses Portal soll auch ein Gütezeichen für dessen Qualität sein: Die Wörterbücher werden von professionellen Lexikographinnen und Lexikographen ausgewählt und nach Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Autorität, Umfang (Lemmazahl), Detailgrad der Beschreibung u.a.m. bewertet. Noch nicht aufgelistete Wörterbücher können jedoch auch von jederlei vorgeschlagen werden. Ein „Dictionary of the moment“ auf der Startseite lädt außerdem zum Stöbern ein.

Fazit: Für Sprach- und Wörterbuchinteressierte lohnt es sich auf jeden Fall, hier ein Lesezeichen zu setzen!

welcome digilex

Es ist inzwischen mehr als an der Zeit, ein neues lexikographisches Blog in diesem Internet zu begrüßen, und zwar eines der sehr seltenen Spezies institutionell-akademischer Lexikographie-Blogs.

Seit Jahresbeginn schreiben Lexikographinnen und Lexikographen unter dem Titel DigiLex (auf digilex.hypotheses.org) und dem – bin ich der einzige, der da leichte Verständnisprobleme hat – Untertitel Legacy Dictionaries Reloaded über die Digitalisierung von Printwörterbüchern (also des gedruckten Erbes). So auch der Unter-Untertitel, der für das gemeine Volk wie mich wieder verständlich ist: „A platform for sharing tips, raising questions and discussing methods of digitizing print dictionaries“.

Bis jetzt gibt es beispielsweise (jeweils auf Englisch verfasste) Beiträge zur Digitalisierung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm, des Schweizerischen Idiotikons, eher allgemein zur OCRbarkeit von Wörterbüchern u.a.m.

Das DigiLex-Blog ist eine gemeinschaftliche Initiative der Arbeitsgruppe 2 „Retrodigitalisierte Wörterbücher“ des European Network of e-Lexicography (ENeL) und von DARIAH, einem Netzwerk für digitale Forschung in den Geisteswissenschaften. Ich wünsche den beteiligten Bloggenden langanhaltende Motivation und bin schon gespannt auf die nächsten Beiträge!

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