anstelle von präposition adverb? noch ein beispiel für wortartenklassifikation in wörterbüchern, oder: adverben mit valenz?

Die Adverben bleiben doch neben den Partikeln die kurioseste Kategorie in der Wortartenklassifikation. Hier ein neues Beispiel:

Die Wörter anstelle, aufgrund, mithilfe, zugunsten/zuungunsten, wahrscheinlich auch schweizerisches zuhanden und evtl. auch noch andere werden üblicherweise als Präpositionen klassifiziert, was auch nachvollziehbar ist, da sie, wie bei Präpositionen üblich, den Kasus des abhängigen Ausdrucks bestimmen (= regieren). Etwa: anstelle + Genitiv ⇒ anstelle einer großen Feier, oder mithilfe + Genitiv ⇒ mithilfe zweier Sicherheitsnadeln

All die genannten Wörter können jedoch auch mit von verbunden werden: anstelle von, aufgrund von, mithilfe von … Dies ist sogar obligatorisch immer dann, wenn aus dem abhängigen Ausdruck der regierte Kasus (und es ist in den genannten Fällen immer der Genitiv) nicht klar ersichtlich ist (siehe z.B. canoo.net; in der Duden-Grammatik wird davon gesprochen, dass die “Genitiv-Regel” nicht erfüllt wird, siehe unter Randziffer 1534 neuerer Ausgaben). Die Präpositionalphrase ersetzt also die Genitiv-Nominalphrase, so wie wir das auch in anderen Bereichen kennen (meines Vaters Haus ⇒ das Haus von meinem Vater).

In Wörterbüchern wird dieser Fall von von üblicherweise stillschweigend unter der Überschrift “Präposition mit Genitiv” mitbehandelt, siehe etwa am Beispiel von anstelle:

 

Nicht aber im Hause Duden. Im Duden online ebenso wie etwa im Großen Wörterbuch der deutschen Sprache oder im Deutschen Universalwörterbuch werden zwei Lesarten angesetzt, auch hier am Beispiel anstelle:

anstelle im Duden online, Klassifikation: Präposition

anstelle im Duden online, Klassifikation: Präposition

 

anstelle im Duden online, Klassifikation Adverb

anstelle im Duden online, Klassifikation: Adverb

Da, wo ein Genitiv regiert wird, klassifiziert Duden als Präposition (oberer Fall); da, wo eine von-Phrase folgt, klassifiziert Duden als Adverb. Andere syntaktische oder semantische Unterscheidungen sind nicht ersichtlich; dies gilt auch für die anderen oben genannten Wörter.

Damit macht Duden aber nun ein anderes Fass auf: Zu den traditionellen Kriterien für die Wortart Adverb gehört, dass ein Wort, will es Adverb sein, unter anderem als eigenständiges Satzglied verwendet werden können muss. Daraus folgt bzw. das wird dadurch überprüft, dass ein Adverb (z.B. bei der Verschiebeprobe, siehe dazu allgemein) ins Vorfeld eines Aussagesatzes gestellt werden kann.

Bestehen anstelle, aufgrund, mithilfe, zugunsten/zuungunsten und schweizerisches zuhanden diese Probe? Nach meinem Empfinden nicht:

*Anstelle feierten wir im kleinen Kreis.
*Aufgrund wurde der Angeklagte verurteilt.
*Mithilfe gelang ihr der Aufstieg.
*Zugunsten wurde ein Benefiz-Konzert veranstaltet.

Sie können nur mitsamt einer von-Phrase ins Vorfeld rücken und sie können, außer mit Genitiv, überhaupt nur sinnvoll mit einer von-Phrase stehen. Damit hätten wir Adverben, die eine obligatorisch zu füllende Leerstelle aufweisen, Adverben mit Valenz. So etwas gibt es im Deutschen eher selten, würde ich mich mal aus dem Fenster lehnen zu behaupten. Eine ganz besondere Art Adverben also.

Wahlweise sind es aber gar keine Adverben, sondern doch Präpositionen? Präpositionen, die eben keine traditionelle Nominalphrase regieren, sondern eine Präpositionalphrase? Das steht so in den anderen Wörterbüchern auch nicht ganz explizit, aber es bleibt dort doch alles bei einer Wortart.

Wahrscheinlich sind wir in diesem Fall mal wieder dabei, dem Sprachwandel (und der Grammatikalisierung) über die Schulter zu schauen. Es gibt ja auch ganz vergleichbar gebildete komplexe Präpositionen wie infolge und inmitten, aber auch andere Fälle wie oberhalb/unterhalb, nördlich/südlich/westlich/östlich (mit gegenüber finde ich sogar mal eine Präposition mit Dativ), die ebenfalls mit Nominalphrase oder mit von-Präpositionalphrase funktionieren, bei denen man aber relativ schnell Beispiele findet (= ergoogeln kann), in denen sie auch alleine im Vorfeld stehen (mal mehr, mal weniger kontextabhängig). Hier fällt es leichter, das Fass “Adverb” aufzumachen — auch wenn das in Übersichten zu Adverben (noch) nicht zu passieren scheint. <scherz>Man käme glatt in Versuchung, das Kopulativkompositum Präpositionaladverb zu bilden — wenn’s das Wort nicht schon anderweitig gäbe</scherz>.

Abschließende Bemerkung: Ich hätte zu dem Thema jetzt natürlich noch ein Dutzend Grammatiken (mindestens aber Eisenberg und die IDS-Grammatik) studieren können — habe ich aber nicht. Es ist ein halbwegs spontaner Blogbeitrag, keine wissenschaftliche Abhandlung (die vielleicht jemand anders längst geschrieben hat). Hinweise sind natürlich trotzdem willkommen. Und es ist vor allem natürlich ein weiteres Beispiel dafür, wozu einen das anregen kann, was man in einem Wörterbuch so findet …

Siehe auch im Lexikographieblog: Partikularitäten, Njam njam!

wie man “lexikographieblog” ausspricht

Gerade erst entdeckt: Im kollaborativen Aussprachewörterbuch “Forvo” gibt es einen Eintrag für “Lexikographieblog”.

Ich danke dem Aussprachespender “Bartleby” für seinen Beitrag!

eu-kommission will wikipedia zerschlagen

Nachdem die Online-Enzyklopädie Wikipedia zu einem Monopolisten zu werden droht – andere Enzyklopädien wie der deutsche Brockhaus oder die englische Encyclopædia Britannica sind bereits marginalisiert oder gänzlich vom Markt verdrängt worden –, gibt es jetzt innerhalb der EU-Kommission Überlegungen, die freie Enzyklopädie zu zerschlagen. Damit soll der Wettbewerb wieder angeregt werden.

Im Gespräch ist, wie dem Lexikographieblog exklusiv zugetragen wurde, eine Aufsplittung von Wikipedia in sechs Einzelprojekte: (1) A bis Ha, (2) bis Pi, (3) > Pi bis Z aber ohne Y, (4) nur Y, (5) alle Wörter, die mit komischen Sonderzeichen anfangen und (6) Tierkinder.

Die sechs Projekte sollen komplett unabhängig voneinander agieren und dürfen auch nicht mit Links in den Artikeln aufeinander verweisen. Der diensthabende EU-Hauptkommissar hat gestern bereits mit den Worten „Ja, jaja, genau!“ seine Unterstützung für diese Pläne angekündigt.

[Eig. Ber.]

Wikipedia zerschlagen

wiewort eigentlich über geld geredet?

Über Geld redet man nicht? Über Geld redet man natürlich. In der Top-10000-Liste des Leipziger “Wortschatz”-Projekts liegt “Geld” deutlich vor “Arbeitslosigkeit”, und schon über Arbeitslosigkeit wird dauernd geredet. Aber wie wird “Geld” eigentlich mit einem Adjektiv ausgedrückt? Man kennt “monetär”, “pekuniär”, “finanziell”, aber gibt es auch so etwas eigentlich Naheliegendes wie “geldlich”?

Ja, gibt es [duden.de]. Bereits das Mittelhochdeutsche Handwörterbuch von Matthias Lexer listet ein Adjektiv geltlich mit Beleg aus dem Jahr 1482 auf, auch im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm gibt es einen Eintrag geldlich. In Dudens Orthographischem Wörterbuch steht “geldlich” seit der 9. Auflage (1915). Trotzdem hat man ja (und man = ich) den Eindruck, dass dieses Wort nicht besonders häufig verwendet wird, weshalb ich mal wieder ein paar Zahlen aus dem DeReKo/COSMAS geleiert habe. Im Folgenden wird immer die Anzahl der Texte zugrundegelegt, in denen ein oder mehrere Vorkommen des jeweiligen Adjektivs enthalten sein können (Corpusauswahl: Alles außer Wikipedia, Suche nach allen Wortformen mittels Lemmatisierungsoperator):

Adjektiv Anzahl Texte
geldlich 242
pekuniär 2.135
monetär 8.051
finanziell 568.919
“in Geld” 2.888

Wir sehen: Der Eindruck hat nicht getäuscht, “geldlich” wird tatsächlich bei Weitem am seltensten verwendet; eindeutig am häufigsten sprechen wir von “finanziellen” Angelegenheiten. Ich habe noch nach der Formulierung “in Geld” gesucht, die in vergleichbarer Funktion verwendet wird, z.B. “jemanden in Geld entschädigen” (§ 251 BGB) — aber wie man sieht, wird das auch nicht allzu häufig verwendet, und dabei sind noch Formulierungen wie “in Geld schwimmen” usw. in den Zahlen enthalten.

Dabei steht “geldlich” in der obigen Tabelle sogar — man möchte es kaum glauben — gut da. Das liegt an der Corpuszusammenstellung. Ein Blick auf die Textsortenverteilung zeigt nämlich, dass “geldlich” da leicht aus der Reihe tanzt. Gezeigt wird die Verteilung auf die Textsorten “Bericht”, “Plenarprotokoll” und “Kommentar”, die die drei am häufigsten belegten Kategorien sind (Einschränkung: Die größte Kategorie ist eigentlich “undefiniert” mit 60–80% aller Texte, aber das hilft uns ja nicht viel weiter):

Textsortenverteilung für geldlich etc.

Textsortenverteilung für geldlich etc. im DeReKo (außer Wikipedia)

Während seine Synonyme jeweils am häufigsten in (Zeitungs-)Berichten vorkommen, wird “geldlich” in 26% der Fälle in Plenarprotokollen verwendet — einer doch eher speziellen und nicht gerade alltäglichen Textsorte. “Geldlich” ist also nicht nur insgesamt selten, sondern scheint auch, wenn es denn verwendet wird, eher auf bestimmte Kontexte konzentriert zu sein. — Ein bisschen erstaunlich, aber sicherlich Zufall ist, dass von den anderen Adjektiven jeweils 14% in Bericht-Texten stehen.

Ein paar Beispiele für die Verwendung von “geldlich” in Plenarprotokollen, die auch klarmachen, dass “geldlich” im Großen und Ganzen tatsächlich ein Synonym zu “finanziell” (da dadurch ersetzbar) ist:

Wir werden alles dafür tun, dass in Zukunft nicht nur die Qualität der Bildungsabschlüsse sehr gut ist, sondern dass jeder junge Mensch in die Bildungsbereiche gehen kann, die seinem geistigen, nicht seinem geldlichen Vermögen entsprechen. [Protokoll der Sitzung des Parlaments Bayerischer Landtag am 25.01.2012]

Ich vermute einmal, dass es nur wenige Bereiche gibt, wo man Emotionen, wo man vor allem öffentliche Emotionen und wo man auch Skandalisierung fast automatisch und treffsicher erreichen kann, wie wenn man über geldliche Leistungen an Politiker und Mandatsträger redet. [Protokoll der Sitzung des Parlaments Bremische Bürgerschaft am 20.09.2007]

Die Diskussion hat gezeigt, dass eine nachhaltige Entwicklung etwas anders aussieht und nicht unbedingt nur mit einer geldlichen Förderung zu tun hat. [Protokoll der Sitzung des Parlaments Hessischer Landtag am 16.05.2002]

Ich will über Strukturen reden, und bei Strukturveränderungen sind wir einiges angegangen. Wir haben diese mehrjährige Zuwendungsgarantie gemacht. Wir haben sogar geldlich draufgesattelt. [Protokoll der Sitzung des Parlaments Hamburgische Bürgerschaft am 19.05.1999]

Die Interpretation, warum “geldlich” im Vergleich zu “finanziell”, “monetär” oder “pekuniär” so spärlich verwendet wird, überlasse ich lieber anderen. Das Bankwesen ist ja eigentlich eher vom Italienischen geprägt als von französisch-lateinischen Ausdrücken. Vorläufiges Ergebnis bleiben daher die oben stehenden Zahlen.

anglizismen und technische redaktion

In einem Beitrag für das doctima-Blog behandle ich die Frage: Anglizismen und Technische Redaktion – passt das zusammen?

Anglizismen? Ja: zur besseren Verständlichkeit!

“blackfacing” ist der anglizismus des jahres 2014

Der Anglizismus des Jahres 2014 lautet Blackfacing!

Alles weitere dazu liest man am besten

Und ab sofort ist 2015 dran …

emoji: kandidat zum anglizismus des jahres 2014

Noch einmal setze ich mich an den 💻, um einen Kandidaten für den Anglizismus des Jahres 2014 unter die 🔎 zu nehmen. Heute: Emoji. Emojis, das sind die kleinen Symbole, inzwischen mehrere Hundert an der Zahl, die als Piktogramme oder Ideogramme bildlich für ein Ding oder Konzept stehen und, mal bunt, mal einfarbig, immer häufiger in der elektronischen Kommunikation via Chat/Messenger o.Ä. auftreten.

“停止! ちょっと待って!”, höre ich da schon die ersten rufen (oder so ähnlich). Und dann: “Emoji ist doch nicht englisch, das ist ein japanischer Ausdruck!” Das ist tatsächlich der erste wichtige Punkt, der hier zu klären ist: Steht Emoji überhaupt richtig bei den Kandidaten zum Anglizismus des Jahres?

Question face

Zunächst einmal ist unstrittig, dass die Ursprünge von Emoji tatsächlich im Japanischen liegen. Das Unicode-Konsortium erklärt: “The word emoji comes from the Japanese 絵 (e ≅ picture) 文 (mo ≅ writing) 字 (ji ≅ character).” Erfunden wurden die Emojis, über die wir heute reden, wie man so hört 1995 von Shigetaka Kurita, einem Mitarbeiter des japanischen Mobilfunkanbieters NTT DoCoMo. Das Wort wäre also ein guter Kandidat für den Japanismus des Jahres, würden wir den denn suchen. Damit das Wort überhaupt als Anglizismus gelten kann, bräuchten wir Hinweise darauf, dass es durch Vermittlung des Englischen ins Deutsche gekommen ist. Dafür sehe ich zwei Indizien: die Beleglage und die Aussprache.

Erste Belege für emoji im Englischen finde ich via Google Books im Jahr 2002 (Beleg1, Beleg2, Beleg3); die Lexikographinnen des Oxford English Dictionary haben aber auch für 1997 und 2001 Beispiele entdeckt. In den Folgejahren fristet das Wort aber eher ein Schattendasein mit ein, zwei Belegen pro Jahr. Erst 2011 werden es mehr als eine buchstäbliche “Handvoll” (das liegt sicherlich auch daran, dass 2010 zahlreiche Emojis in Unicode 6.0 aufgenommen wurden und 2011 Apples iOS 2.2 erschien; siehe auch How emoji conquered the world), und richtig viele Belege werden es bei Google Books bis zum heutigen Zeitpunkt nicht; bei Google News finden sich aber etliche Belege neueren und neuesten Datums. Das Corpus of Contemporary American English ist leider keine Hilfe (keine Belege). In der ACM-Bibliothek findet sich 2008 ein erster Treffer in einem Fachartikel taiwanesischer Forscher. Auf Twitter gibt es Belege ab 2007, die dem Anschein nach von Nutzer\inne\n mit japanischem Hintergrund geschrieben wurden; 2008 wird von einer Nutzerin die Einbindung von Emojis in Googles Gmail angekündigt, explizit mit dem Hinweis auf deren Beliebtheit in Japan:

Für das Deutsche finde ich einen ersten Beleg, den Google Books auf das Jahr 2003 datiert; Emoji wird hier aber nicht in einem deutschen Satz verwendet, sondern steht in der Literaturangabe für einen japanischen Ausstellungskatalog von 1996, in dem es (u.a.) um “Mischformen von Bild und Schrift” geht:

Seite 41

Den ersten “richtigen” und mit Datum belegten Treffer im Deutschen finde ich erst 2007/2008: Für 2007 in einem auf dieses Jahr datierten Adobe-GoLive-Handbuch (PDF); 2008 werden in einem Artikel über die Apple-Firmware “›emoji‹-Emoticons” zwar als “bereits länger bekannt” bezeichnet, so recht belegen lässt sich diese Bekanntheit aber schlecht. Auch gibt es 2008 erste Tweets in deutscher Sprache, wie hier:

Im Deutschen Referenzkorpus/COSMAS sind erstmals für das Jahr 2010 Belege (aus der Süddeutschen Zeitung) zu finden:

An jenem Morgen hatte die Frau aus Gründen, die sie später nicht wirklich erklären konnte, das kleine blaue Zeichen „kostenlos” berührt auf ihrem iPhone und damit die Applikation „Emoji Free” heruntergeladen. Dann hatte sie einige E-Mails und SMS verschickt, für die sie sich heute schämt, weil diese Botschaften mit kleinen Herzchen verziert waren, mit kleinen Fäustchen, die den Daumen nach oben halten oder auch mal nach unten, und auch mit diesen gelben Gesichtchen, den Ikonographen der Chatroom-Stummelsprache und des zeitgenössischen Infektivs: schrei, kreisch, wein, würg, grins, zwinker. [Süddeutsche Zeitung, 30.01.2010, S. ROM5; Das Smiley]

In Japan sind Smartphones fast schon zusätzliche Organe, die per „Augmented Reality“ genaue Zusatzinformationen über die Umgebung liefern oder an der Kasse zum Geldtransfer eingesetzt werden. Und als Weltprothese führen sie dazu, dass das Schreiben von Text kaum mehr auf der Ebene gemeinsam gekannter und verwendeter Symbole abläuft. Die japanischen Smiley-Emoticons etwa, „Emoji“, erweitern die Ausdruckspalette derart expressiv, dass sie außerhalb der jeweiligen Subkultur nicht mehr verstanden werden können. [Süddeutsche Zeitung, 26.10.2010, S. 12; Däumlinge auf Reisen]

Während im ersten Beleg Emoji noch Teil eines (englischen) Produktnamens ist, steht das Wort im zweiten Beleg (mit Anführungszeichen, die auf den Charakter als fremdsprachliches Zitatwort hinweisen können) eindeutig für die entsprechenden Zeichen. Die Beleglage im Deutschen ist in der über das DeReKo recherchierbaren allgemeinen Presse im Übrigen schwach: von 2010 bis 2014 nur 25 Treffer in 17 Texten (ohne Wikipedia: 17 Treffer in 12 Texten) zeugen nicht gerade von häufiger Verwendung, weshalb es auch zweifelhaft ist, dass das Wort Emoji inzwischen allgemein bekannt ist.

In Google Books ist der erste deutsche Treffer nach dem oben genannten Sonderfall im Übrigen erst 2011 in einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung von Esther Stratz auszumachen. Via Google News lassen sich schließlich mehr Treffer ermitteln, und hier zeigt sich dann auch, dass Emoji 2014 deutlich eingeschlagen hat — auch ohne genaues Herausklamüsern einer absoluten Zahl (wahrscheinlich mehr als 500) ist der Anstieg 📈 im Vergleich zu 2013 schnell ersichtlich. Dazu beigetragen hat beispielsweise, dass es 2014 neue Emojis für Facebook gegeben hat, dass es eine Debatte um die Hautfarbe von Gesichts-Emojis gab oder dass die App Emojili ein gewisses Aufsehen erregt hat, mit der man ausschließlich durch Emojis kommunizieren kann/muss. Wenn das Wort auch in den traditionellen Medien kaum verwendet wurde — bei der technik- und internetaffinen Leserschaft sollte Emoji mit dem vergangenen Jahr angekommen sein.

Bei der Aussprache von Emoji ist insbesondere das “o” interessant: Im Japanischen liegt dessen Aussprache wohl irgendwo zwischen dem “o” in den deutschen Wörtern Motte und Mode, wie ein Youtube-Howto zeigt. Im Englischen kommt es zur typischen ou-Diphthongierung, zu hören etwa hier bei Ellen DeGeneres. Auch englische Wörterbücher verzeichnen diese Aussprache, wie etwa das Macmillan Dictionary: /ɪˈməʊdʒi/. Hört man sich nun deutsche Sätze an, in denen Emoji verwendet wird, erkennt man deutlich ebenfalls den ou-Diphthong, z.B. hier oder hier oder hier. (Man hört aber beispielsweise auch andere englisch klingende Aussprachen wie /ˈɛmɛdʒi/ (hier), oder deutsche annähernde “Leseaussprachen” wie hier /ˈe:mɔɪ/.)

Als Zwischenfazit kann man also ziehen: Emoji ist in englischsprachigen Texten wohl früher belegt als im Deutschen, auch kamen die kleinen Zeichen wohl zu einem wesentlichen Teil über Produkte amerikanischer Unternehmen (Google/Gmail, Adobe, Apple, Facebook, Apps) ins Deutsche, die zunächst für den englischen Sprachraum bzw. in englischer Sprache entwickelt wurden. Auch die Aussprache von Emoji folgt im Deutschen meist der englischen Aussprache und nicht der japanischen. Dies sind Indizien, die darauf hindeuten, dass Emoji tatsächlich durch Vermittlung des Englischen ins Deutsche gekommen ist und daher als Anglizismus angesehen werden kann. Emoji darf also Kandidat bleiben — obwohl diese Entscheidung sicherlich streitbar ist [kleiner Exkurs dazu].

no-yesNun muss noch etwas zur Bedeutung gesagt werden, und zwar genauer gesagt zur Abgrenzung von Emoji und Emoticon/Smiley. Schließlich kennen wir ja alle die Grinsegesichter, die oft gekippt :-) auf der Tastatur eingegeben werden und von vielen Programmen automatisch in Smiley-Bilder umgewandelt werden. Emoji und Emoticon klingen auch ganz ähnlich — fast so, als wäre Emoji eine liebevolle Kurzform des eindeutig englisch-basierten Emoticon. Dies ist sicherlich ein weiterer Grund dafür, dass Emoji auch im Deutschen mit dem englischen ou-Diphthong gesprochen wird (obwohl die Herkunft eine ganz andere ist, wie wir ja nun wissen). In einigen der oben genannten Beispielen konnte man auch bereits sehen, dass Emoticon und Emoji teilweise wie Synonyme verwendet werden. Ganz korrekt ist dies aber nach “offizieller” Lesart nicht. Das Unicode-Konsortium erklärt dazu (meine Hervorhebungen):

Emoticons (from “emotion” plus “icon”) are specifically intended to depict facial expression or body posture as a way of conveying emotion or attitude in e-mail and text messages. […] The emoji sets used by Japanese cell phone carriers contain a large number of characters for emoticon images, along with many other non-emoticon emoji.

Emojis sind also nicht auf Emotionen (und damit auch nicht auf Smileys) beschränkt, sondern umfassen ein sehr breites Spektrum von Symbolen für alle möglichen konkreten und abstrakten Gegenstände und Sachverhalte (siehe auch die Sektion zur Abgrenzung von Emoji und Emoticon im Wikipedia-Artikel). Um nur ein paar zu zeigen: 🎅 der Weihnachtsmann, 💾 eine historische Floppy Disk, 🎻 eine Violine, 👾 ein Alien-Monster, 🐨 ein Symbol für den Australia Day (26. Januar) und 📅 für den World Emoji Day am 17. Juli, 💢 ein hierzulande vermutlich kaum jemandem verständliches Zeichen für “Ärger”, oder der schon häufig gezeigte 💩 Kackhaufen für jede Lebenslage. In diesem Sinne füllt Emoji auch eine gewisse lexikalische Lücke, denn Emojis sind eben etwas anderes als Emoticons/Smileys (Emoji ist da eher ein Oberbegriff zu diesen), sie aber schlicht als Symbole zu bezeichnen, ist wiederum zu allgemein.

Zur Grammatik sei noch kurz angemerkt: Emoji ist ein Neutrum (ergo das Emoji) und der Plural ist meist Emojis, gelegentlich aber auch Emoji (z.B. hier).

Zur lexikographischen Bearbeitung in deutschsprachigen Nachschlagewerken ist wenig zu sagen: Weder Duden noch Pons, Sprachnudel oder das Wiktionary (dt.) haben einen Eintrag zu Emoji, immerhin die Wikipedia (dt.) hat einen (dessen Geschichte: Im Juni 2004 angelegt als Weiterleitung zu “Emoticon”, nächste Bearbeitung vier Jahre später im Juli 2008: Weiterleitung zu Untersektion “japanische Emoticons”, nächste Bearbeitung fünf Jahre später im Dezember 2013: nun erst als eigener Artikel mit Abgrenzung zu Emoticons), und auch das Kleine linguistische Wörterbuch von mediensprache.net.

Erneut ist in englischen Nachschlagewerken mehr und früher etwas zu finden: In der Wikipedia (engl.) gibt es seit März 2004 einen eigenen Artikel (keine Weiterleitung), das Wiktionary (engl.) hat seit 2009 einen Artikel. Auch das Urban Dictionary verzeichnet emoji (2 Einträge, der ältere [inhaltlich falsche] vom November 2011); neben dem oben bereits genannten OED und dem Macmillan Dictionary haben beispielsweise auch die Oxford Dictionaries einen entsprechenden Eintrag. — Was die Emojis selbst angeht: In englischer Sprache gibt es beispielsweise die Emojipedia, in der Emojis grob gruppiert und (teils nicht besonders gut) erklärt und beschrieben werden.

Fazit: Für mich war Emoji ein Top-Kandidat und eine Herausforderung — ein Top-Kandidat aber nur, bis ich mir die Beleglage in den traditionellen Medien angeschaut habe (und da gab es ja nicht viel anzuschauen). Da wir uns als Kriterium gesetzt haben, dass der Anglizismus des Jahres in dem betreffenden Jahr in den Sprachgebrauch einer breiten Öffentlichkeit gelangt sein muss, und die Verbreitung in traditionellen Medien dafür ein guter Anhaltspunkt ist, ist leider klar, dass Emoji 2014 trotz größerer Aufmerksamkeit in der technisch interessierten Presse noch nicht so weit ist. Ich tröste mich einstweilen damit, dass der Global Language Monitor das Herz-Emoji ♥ zum Wort (!) des Jahres 2014 erkoren hat, und denke, dass wir 2015 noch einiges mehr von Emojis hören werden.

[Exkurs zur Klassifizierung als Anglizismus]

Das Problem der Entscheidung, ob ein Ausdruck, der offensichtlich nicht-englischen Urspungs ist, als Anglizismus zu gelten hat, musste schon in anderen, aber vergleichbaren Kontexten angegangen werden. So enthält das Anglizismen-Wörterbuch (Broder Carstensen/Ulrich Busse, 3 Bde., Berlin/New York: De Gruyter, 1993–1996) beispielsweise Artikel zu Bumerang (“eigentlich” aus einer australischen Indigenen-Sprache, aber über das Englische ins Deutsche gekommen), Dritte Welt (“eigentlich” von französisch tiers monde, aber über das Englische third world ins Deutsche gekommen …) oder Gehirnwäsche (“eigentlich” aus dem Chinesischen, aber eben wieder über das Englische ins Deutsche gekommen). Andererseits wird Caddie in einer seiner Bedeutungen als “möglicherweise ein über das Frz. vermittelter Anglizismus” beschrieben, womit er dann aber nach den vorherigen Gepflogenheiten auch als Gallizismus gelten könnte (?). Die Klassifikation ist in solchen Fällen also schwierig und die theoretischen Ausführungen im Vorspann des Anglizismen-Wörterbuchs geben auch keine Anleitung, die man einfach so befolgen könnte. Ich bewege mich bei meiner Einschätzung aber sozusagen im Rahmen des Üblichen. [zurück]

Disclaimer: Der Autor findet zwar das Wort Emoji als Anglizismuskandidat sehr fein, verwendet die entsprechenden Symbole aber außerhalb dieses Artikels so gut wie nie. Der Autor spricht und liest desweiteren nicht Japanisch, weshalb alle Aussagen diese Sprache betreffend aus hoffentlich vertrauenswürdigen Internetquellen kopiert wurden.

Anmerkung: Der Hinweis aufs OED wurde nachträglich hinzugefügt.

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