www.dictionaryportal.eu: das european dictionary portal

Im letzten Eintrag hatte ich das neue lexikographische Blog DigiLex willkommen geheißen; heute folgt noch ein Hinweis auf ein weiteres Projekt derselben Arbeitsgruppe:

Mit dem European Dictionary Portal (www.dictionaryportal.eu) ist ein zentraler Knotenpunkt für wissenschaftliche und kommerzielle Online-Wörterbuchprojekte im Entstehen. Derzeit sind Wörterbücher zu 44 Sprachen von Deutsch und Englisch über Färöisch und Mazedonisch bis Baskisch und Sorbisch aufgeführt. Diese werden nach Objekt- und Metasprache sowie nach Wörterbuchtyp (Allgemeines Wörterbuch, Lernerwörterbuch, Etymologisches Wörterbuch, Spezialwörterbuch, Historisches Wörterbuch, Wörterbuchportal) kategorisiert; zu vielen Wörterbüchern bietet das Portal auch einen direkten Zugang an.

Die Aufnahme eines Wörterbuchs in dieses Portal soll auch ein Gütezeichen für dessen Qualität sein: Die Wörterbücher werden von professionellen Lexikographinnen und Lexikographen ausgewählt und nach Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Autorität, Umfang (Lemmazahl), Detailgrad der Beschreibung u.a.m. bewertet. Noch nicht aufgelistete Wörterbücher können jedoch auch von jederlei vorgeschlagen werden. Ein „Dictionary of the moment“ auf der Startseite lädt außerdem zum Stöbern ein.

Fazit: Für Sprach- und Wörterbuchinteressierte lohnt es sich auf jeden Fall, hier ein Lesezeichen zu setzen!

welcome digilex

Es ist inzwischen mehr als an der Zeit, ein neues lexikographisches Blog in diesem Internet zu begrüßen, und zwar eines der sehr seltenen Spezies institutionell-akademischer Lexikographie-Blogs.

Seit Jahresbeginn schreiben Lexikographinnen und Lexikographen unter dem Titel DigiLex (auf digilex.hypotheses.org) und dem – bin ich der einzige, der da leichte Verständnisprobleme hat – Untertitel Legacy Dictionaries Reloaded über die Digitalisierung von Printwörterbüchern (also des gedruckten Erbes). So auch der Unter-Untertitel, der für das gemeine Volk wie mich wieder verständlich ist: „A platform for sharing tips, raising questions and discussing methods of digitizing print dictionaries“.

Bis jetzt gibt es beispielsweise (jeweils auf Englisch verfasste) Beiträge zur Digitalisierung des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm, des Schweizerischen Idiotikons, eher allgemein zur OCRbarkeit von Wörterbüchern u.a.m.

Das DigiLex-Blog ist eine gemeinschaftliche Initiative der Arbeitsgruppe 2 „Retrodigitalisierte Wörterbücher“ des European Network of e-Lexicography (ENeL) und von DARIAH, einem Netzwerk für digitale Forschung in den Geisteswissenschaften. Ich wünsche den beteiligten Bloggenden langanhaltende Motivation und bin schon gespannt auf die nächsten Beiträge!

beliebtestes wörterbuch gekürt

Herzlichen Glückwunsch: Der „chinesische Duden“, das Xīnhuá zìdiǎn (Xinhua-Wörterbuch) ist von Guinness zum „beliebtesten Wörterbuch“ und zum „meistverkauften regelmäßig aktualisierten Buch“ der Welt gekürt worden.

Quelle: Xinhua Dictionary sets two Guinness World Records (shanghaidaily.com)

Auf Youtube gibt’s auch ein Video:

Infos zum Wörterbuch auf Wikipedia.

wörterbuchkritik an einer werbeanzeige

In einer Werbeanzeige der Firma Rolex©, die mir vor Kurzem in die Hände fiel, sah ich diesen Text abgebildet, der ja offensichtlich dem äußeren Anschein nach einem Wörterbuchartikel nachempfunden ist:

Rolex-Werbung: Wörterbuchartikel

Wenn wir mal so tun, als wäre das ein „richtiger“ Wörterbuchartikel, könnten wir beispielsweise Folgendes dazu sagen:

Das Lemma Explorer ist noch relativ unspektakulär.

In eckigen Klammern wird in vielen Wörterbüchern die Aussprache angegeben, entweder mittels des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) oder (seltener) mittels einer selbst ausgedachten Verschriftungsweise. Ins IPA transkribiert ist das nicht, was da zwischen den Klammern steht; es scheint eher gar nicht die Aussprache zu sein, die da durch [Ex|plo|rer] abgebildet wird: Die Großschreibung am Anfang wäre seltsam, da sie bei der Aussprache keine Rolle spielt; den [ks]-Laut in einer Ausspracheangabe durch „x“ wiederzugeben, wäre zumindest unorthodox; es wird keine Betonung angezeigt – die Striche markieren die Silbengrenzen, und die Anzeige der Silbentrennung scheint denn auch die einzige Funktion dieser Komponente zu sein (andere Wörterbücher machen das gleich im Lemma). Es ist natürlich nicht verboten, die Silbentrennung innerhalb eckiger Klammern anzugeben, aber man sollte sich schon bewusst sein, dass man dadurch Gefahr läuft, die Gewohnheiten seiner Leserschaft zu durchkreuzen und sie (Letztere) damit zu verwirren.

Der folgende Block, der den Anschein einer Bedeutungserklärung macht, ist durch die sieben Ziffern 1. bis 7. gegliedert. In anderen Wörterbüchern dienen solche Ziffern bei polysemen – mehrdeutigen – Wörtern zur Unterscheidung von verschiedenen Lesarten, also Einzelbedeutungen. Hier nicht. Hier werden unter den Ziffern 1. bis 6. einzelne „Fakten“ genannt, die man dem enzyklopädischen Wissen zuschlagen könnte; schließlich wird der Artikel mit 7. und einem – pardon – platten Slogan ohne Informationswert abgeschlossen (wobei, 6. ist auch schon richtig grausig; unter 4. der Vergleich von „Zeigern und Stundenindizes mit Chromalight [Chromawas!? Hexenwerk!]“ mit „herkömmlicher phosphoreszierender Masse“ ist echt schräg; und dass unter 5. niemand „Manufaktu(h)rwerk“ gekalauert hat, hilft auch nicht mehr viel). Die siebte „Nicht-Lesart“ ist außerdem farblich durch sattes Schwarz hervorgehoben, während der Text von 1. bis 6. in einem etwas helleren Grauton gehalten ist. Auch diese Abgrenzung ist eher unüblich.

Zu erwähnen ist noch, dass diese „Nicht-Lesarten“ nicht systematisch in einer neuen Zeile beginnen, sondern da, wo der vorherige Satz eben jeweils aufhört. Der Artikel ist also nicht – in der Terminologie von Wiegand (z.B. Wiegand 2000) – mikroarchitektonisch ausgebaut. Durch diese Vorgehensweise wurde eine Chance vergeben, die „Inhalte“ leichter zugänglich aufzubereiten. Der Vorteil dieses Vorgehens ist etwas Platzeinsparung, aber solche Knausrigkeit sollte Rolex doch wohl nicht nötig haben.

In der Lexikographie tut sich Rolex (oder die von ihnen beauftragte Agentur) also nicht besonders hervor. Stellt sich noch die Frage, wieso eine Firma, die lächerlich teure Armbanduhren verkauft, mit einem „Wörterbuchartikel“ wirbt. Vielleicht, weil Wörterbücher auch „höchste Präzision und Zuverlässigkeit“ ausstrahlen und Rolex sich in dieser Ausstrahlung mitsonnen will?

Vielleicht aber auch, weil Wörterbücher eben einfach cool sind.

– – –

Literaturhinweis:

  • Wiegand 2000 = Herbert Ernst Wiegand: Über Suchbereiche, Suchzonen und ihre textuellen Strukturen in Printwörterbüchern. Ein Beitrag zur Theorie der Wörterbuchform. In: Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Wörterbücher in der Diskussion IV. Vorträge aus dem Heidelberger Lexikographischen Kolloquium (Lexicographica. Series Maior 100). Tübingen 2000, 233–301.

jean, die; pl. -’s

Ich weiß ja, Apostrophe sind so 90er-Jahre, aber ach, ich komme nicht aus meiner Haut, und der war so schön:

Jean's

Eine Jean kostet nur 24,90! Wir haben aber auch mehrere Jean’s! Je auch nur 24,90!

Siehe auch: National Grammar Day 2013 und Apostrophe

schlauchapfel reloaded – oder: total banane

Seit ich in einem früheren Beitrag dem Wort Schlauchapfel einige Zeilen gewidmet habe, finden gar nicht so wenige Leute über diesen Suchbegriff ihren Weg zum Lexikographieblog. Es findet sich nämlich auch ständig jemand, der/die behauptet, Schlauchapfel sei – wahlweise im „Dritten Reich“ oder in der DDR – die offizielle Bezeichnung bzw. Verdeutschung für Banane gewesen. Da wird es doch Zeit, diesem Wort endlich einen eigenen Eintrag zu widmen und einen Klärungsversuch zu starten, ob sich tatsächlich Belege für diese Behauptungen finden lassen.

Kurzfassung für Lesefaule und gleichzeitig Teaser für den ganzen, etwas längeren Text: Weder für die Zeit des Nationalsozialismus noch für die DDR habe ich einen Beleg auftreiben können, wonach tatsächlich Schlauchapfel für Banane verwendet wurde. Aber immerhin gibt es tatsächlich Treffer für Schlauchapfel in allem Anschein nach vollkommen ironiefreier Verwendung – jedoch nicht im „Dritten Reich“ und auch nicht in der DDR. Und auch nicht für Banane, sondern für … *Trommelwirbel*: Äpfel.

° ° °

Die tatsächlichen, ganz echten Fundstellen für Schlauchapfel finden sich in einem Band mit dem Titel Abbildung und Beschreibung der Aepfel, welche in der Königl. Obstbaum-Plantage zu Herrnhausen gezogen werden, der auf ca. 1830 datiert wird (Äpfel-Herrnhausen 1830):

"Rother Schlauch-Apfel"

„Rother Schlauch-Apfel“ (um 1830)

Gelber Schlauch-Apfel

„Gelber Schlauch-Apfel“ (um 1830)

Ganz eindeutig sind damit tatsächlich Äpfel gemeint. Einen weiteren Treffer finde ich in Band 2 von Oken 1839, einer „Allgemeinen Naturgeschichte“, die ebenfalls aus dieser Zeit stammt. Allerdings ist mir dort der Bezug etwas unklar; als „Schlauch- oder Nußapfel“ wird von Oken ein Typ von „Kelchfrucht“ bezeichnet. Ziemlich sicher ist aber, dass auch hier der Schlauchapfel nichts mit Bananen zu tun hat, denn die werden an ganz anderer Stelle (in Band 3 und unter dem Namen Banane bzw. Paradiesfeige) ausführlich beschrieben.

Was die Banane angeht, so ist zu ihr allgemein zu sagen, dass für den Namen der Frucht zum Ende des 16. Jhs. der Ausdruck „Bananas“ ins Deutsche kommt; der Ausdruck Banane ist “[i]n der heutigen Form im Dt. erst seit Beginn des 19. Jhs. belegt” (dwds.de). Häufig findet man in älteren Texten auch das malaiische Wort für Banane, Pisang, als Fremdwort im Deutschen. Und auch eine (naja) „deutsche“ Bezeichnung taucht häufiger auf, jedoch nicht etwa der Schlauchapfel, sondern die oben schon genannte Paradiesfeige (und auch: Adamsfeige), wie auch folgende Übersicht über Einträge zu Banane in unterschiedlichen Wörterbüchern (darunter viele Verdeutschungswörterbücher) zeigt:

Quelle Eintrag für Banane Eintrag für Schlauchapfel Anmerkungen
Adelung 1793–1801 nein nein Aber: Paradiesfeige
Heyse 1804 ja ‘Paradiesfeige, Adamsfeige’ nein Link
Campe 1813 ja ‘Adamsfeige, Paradiesfeige’ nein Link
Heigelin 1819 ja ‘Gurken- oder Paradies-Feigenbaum / Gurken- oder Paradies-Feige, Adams-Feige (Frucht dieses Baums)’ nein Link
Vollbeding 1819 ja nein Link
Meynier 1821 ja ‘der Paradiesfeigen- oder Gurkenbaum / die gurkenähnliche Frucht dieses Baums’ nein Link
Rumpf 1824 nein nein Link
Oertel 1830 ja nein Link
Beer 1838 nein nein Aber: s.v. Pisang ‘Paradiesfeige’
DWB nein nein Aber: Paradiesfeige
Hoffmann 1865 ja ‘Paradiesfeige, Adamsfeige’ nein Link
Duden 1880 ja nein
Kiesewetter 1890 ja ‘Paradies- oder Adamsfeige’ nein Link
Duden 1891 ja ‚Paradiesfeige’ nein s.v. Pisang ‘Banane’; so bis inkl. 10. Aufl.
Kluge 1895 nein nein Kein Wörterbuch, bei Durchsicht weder Banane noch Schlauchapfel gefunden
Dunger/Lößnitzer 1900 nein nein
Lohmeyer 1915 nein nein
Engel 1929 nein nein
Matschoss 1931 nein nein

Tab. 1: Banane/Schlauchapfel in Wörterbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts vor 1933 [Anordnung chronologisch]

Neben der Feige bringen etwa Heigelin 1819 oder Meynier 1821 noch die Gurke mit ins Spiel (Zonen-Gaby lässt grüßen). In den Verdeutschungswörterbüchern des ADSV zur „deutschen Speisekarte“ (Dunger/Lößnitzer 1900) und zur „Umgangssprache“ (Lohmeyer 1915) taucht das Wort Banane gar nicht auf – es wurde wohl nicht mehr als Fremdwort (oder zumindest nicht als unbedingt zu ersetzendes) eingestuft. Auch in Matschoss 1931, einem Wörterbuch zu „Scherz, Spott und Hohn in der lebenden Sprache“, finden Banane und Schlauchapfel keine Erwähnung – trotz Einträgen wie Beamtenlachs für ‘Hering’ oder Kuhscheuche für ‘Lokomotive’.

Wozu diese Übersicht? Um zu ermitteln, ob Schlauchapfel vor den 1930er Jahren als Bezeichnung für Banane bekannt gewesen ist und man deshalb in der Nazi-Zeit darauf hätte zurückgreifen können. Sieht nicht so aus. Allerdings sieht es auch nicht so aus, als hätte überhaupt jemand in relevanter Weise vom Schlauchapfel gesprochen:

Quelle Eintrag für Banane Eintrag für Schlauchapfel Anmerkungen
Duden 1934 ja ‘Frucht’ nein (= 11. Auflage)
Matthias 1935 ja ‘Paradiesfeige’ nein
Bertsch 1938 nein nein
Duden 1941 ja ‘Frucht’ nein
Duden 1942 ja ‘Frucht’ nein

Tab. 2: Banane/Schlauchapfel in Wörterbüchern aus der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) [Anordnung chronologisch]

Bertsch 1938 ist ein „Wörterbuch der Kunden- und Gaunersprache“, aber in diesem Jargon spielte die Banane wohl keine Rolle. Der Rest der Wörterbücher sind allgemeine (Rechtschreib-)Wörterbücher, in denen Banane jeweils ohne weitere Absonderlichkeiten verzeichnet ist, Schlauchapfel jedoch in keinem Fall.

Auch prinzipiell ist die Verwendung von Schlauchapfel anstelle von Banane in dieser Zeit sehr unwahrscheinlich, da zum einen Paradiesfeige noch als mögliche Alternative vorhanden gewesen wäre und zum anderen künstliche Verdeutschungen – entgegen mancher heutigen Meinung – politisch nicht erwünscht waren (das entsprechende Zitat hatte ich im früheren Artikel bereits aufgeführt).

Bleibt noch die DDR als weiterer Verdächtiger; auch hier die Suche in den Wörterbüchern:

Quelle Eintrag für Banane Eintrag für Schlauchapfel Anmerkungen
Duden-Ost 1951 ja ‘Frucht’ nein
Duden-Ost 1963 ja ‘Frucht’ nein
Duden-Ost 1969 ja ‘Frucht’ nein
WDG 1961–1977 ja nein
Duden-Ost 1976 ja ‘Südfrucht’ nein
Kinne/Strube-Edelmann 1980 nein nein
Dückert/Kempcke 1984 nein nein
Ahrends 1986 nein nein nur via Google Books durchsucht: Link
Duden-Ost 1989 ja (ohne Erklärung) nein
Oschlies 1989 nein nein Kein Wörterbuch, bei Durchsicht weder Banane noch Schlauchapfel gefunden
Wort und Wortgebrauch nein nein
Constantin 1994 nein nein Dafür: Bonzograd ‘Pankow’, Rostlaube ‘Kleinwagen Moskwitsch’
Wolf 2000 ja nein Link

Tab. 3: Banane/Schlauchapfel in Wörterbüchern zur Sprache der DDR [Anordnung chronologisch]

Und auch hier ist kein Beleg zu finden; auch in den Corpora auf dwds.de gibt es keine Treffer für Schlauchapfel. Nun ist das noch kein Beweis dafür, dass dieser Ausdruck nicht vielleicht doch mal verwendet worden ist, aber zumindest daran, dass Schlauchapfel in irgendeiner Form eine „offizielle“ Verdeutschung war, darf man doch starke Zweifel haben. [Leicht einschränkend: Fußnote Oschlies 1989. Wünschenswert wäre natürlich, neben den Wörterbüchern auch auf Datenbanken/Corpora mit Texten der damaligen Zeit zugreifen zu können – was das angeht, sieht die Situation aber leider ziemlich mau aus.]

Bliebe noch ein kurzer Blick auf die heutige Zeit: Den Eintrag für Schlauchapferl im Wörterbuch auf ostarrichi.org hatte ich bereits im letzten Beitrag erwähnt; sonst ist die Beleglage in Österreich aber eher mau.

Eher interessant kommt mir die Schweiz vor. Zum einen sind von (kaum beeindruckenden) vier Zeitungsbelegen, die ich über das DeReKo/COSMAS finde, drei aus Schweizer Quellen; hier zwei Beispiele:

Das erinnert an Hitlers Zeiten, in denen die Banane zum Schlauchapfel gemacht wurde. (St. Galler Tagblatt, 03.09.2013, S. 9; Klapprechner statt Laptop)

Die Nase etwa nannte er [Friedrich Ludwig Jahn] Gesichtserker und die Banane Schlauchapfel. (Neue Zürcher Zeitung, 22.06.2011, S. 47; Der Vater aller Turnplätze)

Man sieht aber auch hier gleich, dass der Schlauchapfel typisch widersprüchlich einsortiert wird – mal waren es die Nazis, mal „Turnvater“ Jahn. Zum anderen findet sich der Schlauchapfel auch in einem Schulhilfsmittel eines privat-gewerblichen Schweizer Bildungsunternehmens (PDF-Datei) – wenn auch als falsche Antwort. Wenn sich da auch der/die eine oder andere Schweizer Lehrer\in bedient, wäre das eine Erklärung dafür, weshalb gefühlt gar nicht so wenige Google-Treffer für Schlauchapfel aus Schweizer Tastaturen stammen.

Im Schweizer Textkorpus finde ich allerdings keinen Treffer dafür; auch nicht im Schweizerischen Idiotikon, und keinen Eintrag zu Banane oder Schlauchapfel hat auch das Variantenwörterbuch (Ammon 2004).

Fazit: Es drängt sich der Eindruck auf, der Schlauchapfel und der Meuchelpuffer [Eigenwerbung: dazu hab ich auch mal was geschrieben] seien Brüder im Geiste: Vielleicht mal von irgendwem verwendet, aber dann als kurios-amüsantes Beispiel zum Selbstläufer geworden. Die Kategorie „Spaß-Metaphern“ des „Nervsprech-Lexikons“ auf spiegel.de meint mir tatsächlich der beste Platz für dieses Wort zu sein. Und – mal ehrlich: Wie realistisch ist es, dass dieses Wort tatsächlich ernsthaft Verwendung hätte finden können?

° ° °

[Fußnote Oschlies]

Jedoch schreibt Oschlies (1989, S. 104/105) zur Frage, inwieweit Ausdrücke der Fachsprache bzw. des Behördenjargons (um solche handelt es sich augenscheinlich bei den genannten Beispielen) Aufnahme in die DDR-Wörterbücher gefunden haben:

[…] weil es seit etwa 1980 in der DDR einen Trend gibt, gewisse Lexeme übers Knie zu brechen: Noch am 21. Juni 1987 klagte Dietrich Lade zur besten Sendezeit über Radio DDR I: “Mit etwas Wehmut beobachte ich, daß versucht wird, Wörter, die uns seit der Kindheit lieb und vertraut sind, wie Unkraut auszurotten. Aus dem Kinderlätzchen wurde ein Frottiervorbinder, aus dem Schneebesen eine Handschlagrute, aus dem Wasserhahn ein Auslaufventil, aus dem Schraubenzieher ein Schraubendreher, aus der Verkehrsampel eine Richtsignalanlage, aus dem Leutturmwärter ein Seezeichenmechaniker”.

Das ist kein Witz, sondern O-Ton DDR-Handel! Bereits 1982 publizierte die NDP [Neue deutsche Presse. Zeitschrift für Presse, Funk und Fernsehen der DDR] entsprechende Leserklagen, 1983 machte sich Ernst Röhl über diese Neologismen grausam lustig […], 1986 erregte sich sogar der Stellvertretende Kulturminister der DDR Klaus Höpcke über diesen Schwachsinn, der aus einem Sarg ein Erdmöbel und aus einer Kuh eine rauhfutterverzehrende Großvieheinheit (RGV) machte […].

1985 erschien in Leipzig die 18. Auflage des DDR-Dudens, deren 75000 Stichwörter diese Neologismen souverän ignorieren – also gar nicht erst suchen nach Kulturmaßnahme (Veranstaltung), […] Fruchtstielbonbon (Dauerlutscher) […] und all den anderen.

Im Wörterbuch gibt es die Begriffe nicht, in Schaufenstern immer noch. […]

[zurück]

° ° °

Quellen:

  • Adelung 1793–1801 = Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen. 2., vermehrte und verbesserte Ausgabe. Leipzig, 1793–1801 [Nachdruck Hildesheim/New York: Olms, 1970, via woerterbuchnetz.de].
  • Ahrends 1986 = Trabbi, Telespargel und Tränenpavillon. Das Wörterbuch der DDR-Sprache. Hrsg. von Martin Ahrends. München: W. Heyne, 1986. [https://books.google.de/books/about/Trabbi_Telespargel_und_Tr%C3%A4nenpavillon.html?id=bAoeAQAAIAAJ]
  • Ammon 2004 = Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol von Ulrich Ammon [und vielen anderen]. Berlin/New York: De Gruyter, 2004.
  • Äpfel-Herrnhausen 1830 = Abbildung und Beschreibung der Aepfel, welche in der Königl. Obstbaum-Plantage zu Herrnhausen gezogen werden. Hannover [?], ca. 1830. [http://digitale-sammlungen.gwlb.de/index.php?id=6&no_cache=1&tx_dlf[page]=1&tx_dlf[pointer]=0&tx_dlf[id]=606]
  • Beer 1838 = Neuestes Fremdwörterbuch zur Verteutschung und Erklärung aller in Sprache und Schrift vorkommenden nicht teutschen Wörter, Redensarten, Kunstausdrücke und Abkürzungen […] Hrsg. von Eduard Beer. 2 Bände. Weimar: Bernhard Friedrich Voigt, 1838.
  • Bertsch 1938 = Wörterbuch der Kunden- und Gaunersprache von A. Bertsch. Berlin: Junker und Dünnhaupt, 1938.
  • Campe 1813 = Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke. Ein Ergänzungsband zu Adelung’s und Campe’s Wörterbüchern. Neue starkvermehrte und durchgängig verbesserte Ausgabe von Joachim Heinrich Campe. Braunschweig: Schulbuchhandlung, 1813.
  • Constantin 1994 = Plaste und Elaste. Ein deutsch-deutsches Wörterbuch. Zusammengestellt von Theodor Constantin. Mit 10 Cartoons von Erich Rauschenbach. 6. Aufl. Berlin [?]: Haude & Spener, 1994.
  • Dückert/Kempcke 1984 = Wörterbuch der Sprachschwierigkeiten. Zweifelsfälle, Normen und Varianten im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch. Hrsg. von Joachim Dückert und Günter Kempcke. Leipzig: VEB Bibl. Institut, 1984.
  • Duden 1880 = Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache von Konrad Duden. Leipzig: Bibl. Institut, 1880. [Faksimile 1980]
  • Duden 1891 = Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache mit etymologischen Angaben, kurzen Sacherklärungen und Verdeutschungen der Fremdwörter von Konrad Duden. 3., umgearbeitete und vermehrte Aufl. Neuer Abdruck. Leipzig/Wien: Bibl. Institut, 1891.
  • Duden 1934 = Der große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter […]. Bearb. von Otto Basler. 11, neubearb. und erweiterte Aufl. Leipzig: Bibl. Institut, 1934.
  • Duden 1941 = Der große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter […]. Bearb. von der Fachschriftleitung des Bibl. Instituts. 12., neubearb. und erweiterte Aufl. Leipzig: Bibl. Institut, 1941.
  • Duden 1942 = Der große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter […]. Bearb. von der Fachschriftleitung des Bibl. Instituts. Normalschriftausgabe der 12., neubearb. und erweiterte Aufl. (1941). Leipzig: Bibl. Institut, 1942.
  • Duden-Ost 1951 = Duden Rechtschreibung mit Berücksichtigung der häufigsten Fremdwörter […]. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Leipzig: Vereinigung Volkseigener Verlage/Bibl. Institut, 1951.
  • Duden-Ost 1963 = Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 15. Auflage. Hrsg. von Horst Klien. Leipzig: VEB Bibl. Institut, 1963.
  • Duden-Ost 1969 = Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 16. Auflage. Hrsg. von Horst Klien ♰. Leipzig: VEB Bibl. Institut, 1969.
  • Duden-Ost 1976 = Der Große Duden […]. 17., neubearbeitete Aufl. Leipzig: VEB Bibl. Institut, 1976.
  • Duden-Ost 1989 = Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung […]. 5., durchgesehene Aufl. der 18. Neubearbeitung. Leipzig: VEB Bibl. Institut, 1989.
  • Dunger/Lößnitzer 1900 = Deutsche Speisekarte. Verdeutschung der in der Küche und im Gasthofswesen gebräuchlichen entbehrlichen Fremdwörter […]. 4., stark vermehrte Aufl., bearb. von Herrmann Dunger und Ernst Lößnitzer (Verdeutschungsbücher des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 1). Berlin: ADSV, 1900.
  • DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: Hirzel, 1854–1961.
  • Engel 1929 = Verdeutschungsbuch. Ein Handweiser zur Entwelschung für Amt, Schule, Haus, Leben. Von Eduard Engel. 5., durchges. und stark verm. Aufl. Leipzig: Hesse und Becker, 1929.
  • Heigelin 1819 = Allgemeines Fremdwörter-Handbuch, für Teutsche […]. Von M. J. F. Heigelin. Tübingen: C. F. Osiander, 1819.
  • Heyse 1804 = J[ohann] C[hristian] A[ugust] Heyse: Allgemeines Wörterbuch zur Verdeutschung und Erklärung der in unserer Sprache gebräuchlichen fremden Wörter und Redensarten. Erster Theil von A bis K. Oldenburg: Schulz’sche Buchhandlung, 1804.
  • Hoffmann 1865 = Allgemeines Fremdwörterbuch zur Verdeutschung und Erklärung der in unserer Sprache vorkommenden fremden Ausdrücke. Von Wilhelm Hoffmann. Neue Ausgabe. Leipzig: Louis Zander, 1865.
  • Kiesewetter 1890 = Taschen-Fremdwörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der in der heutigen deutschen Sprache gebräuchlichen fremden Wörter, Redensarten, Vornamen und Abkürzungen. Bearb. v. L. Kiesewetter. 2. vermehrte und verbesserte Aufl. Glogau: Carl Flemming, o.J. [ca. 1890].
  • Kinne/Strube-Edelmann 1980 = Michael Kinne/Birgit Strube-Edelmann: Kleines Wörterbuch des DDR-Wortschatzes. Düsseldorf: Schwann, 1980.
  • Kluge 1895 = Friedrich Kluge: Deutsche Studentensprache. Straßburg: K.J. Trübner, 1895. [https://archive.org/details/deutschestudente00kluguoft]
  • Lohmeyer 1915 = Unsere Umgangssprache. Verdeutschung der hauptsächlichsten in täglichen Leben und Verkehr gebrauchten Fremdwörter. 2. Aufl., neu bearb. von Edward Lohmeyer (Verdeutschungsbücher des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 3). Berlin: ADSV, 1915.  [http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11023602_00023.html]
  • Matschoss 1931 = Scherz, Spott und Hohn in der lebenden Sprache. Ein Wörterbuch von Alexander Matschoss. Berlin/Leipzig: De Gruyter, 1931.
  • Matthias 1935 =  Theodor Matthias: Das neue deutsche Wörterbuch […]. Bearb. von Karl Quenzel und Hans Volz. 7., neubearb. Aufl. Leipzig: Hesse und Becker, 1935.
  • Meynier 1821 = Neues Conversations- und Zeitungs-Lexicon für alle Stände. Enthaltend eine richtige Verdeutschung derjenigen fremden Wörter und Redensarten, welche in der Conversation, in den Zeitungen und Büchern vorkommen […] von Joh. Heinr. Meynier. Nürnberg: Friedrich Campe, 1821. [https://books.google.de/books?id=XyFCAAAAcAAJ]
  • Oertel 1830 = Gemeinnütziges Fremdwörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der in unserer Sprache vorkommenden fremden Wörter und Ausdrücke […]. Vom [!] Professor Dr. Oertel. 4., verbesserte und vermehrte Aufl., neuer Abdruck. Erster Band: A–K. Ansbach: W. G. Gassert, 1830.
  • Oken 1839 = Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände von Professor Oken. 2. Band [oder Botanik 1. Band]. Stuttgart: Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung, 1839. [Schlauchapfel: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:2-18531-p0104-7] [Banane in „Dritten Bandes erste Abtheylung“, 1841: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:2-18527-p0550-8 ff.]
  • Oschlies 1989 = Wolf Oschlies: Würgende und wirkende Wörter – Deutschsprechen in der DDR. Berlin: Gebr. Holzapfel, 1989.
  • Rumpf 1824 = Vollständiges Wörterbuch zur Verdeutschung der, in unsere Schrift- und Umgangssprache eingeschlichenen, fremden Ausdrücke […]. Von J[ohann] D[aniel] F[riedrich] Rumpf. 3., vermehrte und verbesserte Ausgabe. Berlin: G. Hayn, 1824.
  • Vollbeding 1819 = Gemeinnützliches Wörterbuch zur richtigen Verdeutschung und verständlichen Erklärung der in unserer Sprache vorkommenden fremden Ausdrücke […]. Von Joh. Christ. Vollbeding. 2. durchaus verbesserte und vermehrte Aufl. Berlin: Carl Friedrich Amelang, 1819.
  • WDG 1961–1977 = Klappenbach, Ruth; Steinitz, Wolfgang (Hrsg.): Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Berlin: Akademie-Verlag, 1961–1977. [via dwds.de]
  • Wolf 2000 = Birgit Wolf: Sprache in der DDR. Ein Wörterbuch. Berlin/New York: De Gruyter, 2000.
  • Wort und Wortgebrauch = Wörter und Wortgebrauch in Ost und West. Ein rechnergestützes Korpus-Wörterbuch zu Zeitungstexten aus den beiden deutschen Staaten. Zusammen mit einer Arbeitsgruppe im Institut für deutsche Sprache erarbeitet von Manfred W. Hellmann. Tübingen: Gunter Narr, 1992.

die beliebtesten ländernamen 2015

Die beliebtesten Vornamen 2015 sind schon bekannt, ebenfalls die beliebtesten Passwörter und das beliebteste Emoji 2015. Eine Jahresendliste fehlt aber definitiv noch: Wie wurden wohl neu gegründete Länder im ablaufenden Jahr am liebsten benannt?

Nach drei Minuten Google-Suche Anwendung hochwissenschaftlicher Analysemethoden und unter Zuhilfenahme der didaktischsten deskriptiven Statistik, die derzeit verfügbar ist, kann ich nun das Ergebnis präsentieren. Und das hält gleich eine Überraschung bereit: Den ersten Platz der Top 3 der beliebtesten Namen neu gegründeter Länder 2015 teilen sich drei Ländernamen, die jeweils genauso oft vergeben wurden, nämlich genau ein Mal:

Wollen Sie 2016 auch einen neuen Staat gründen? Lassen Sie sich doch inspirieren!

Damit allen Leserinnen und Lesern einen guten Start ins neue Jahr 2016!

Die beliebtesten Ländernamen 2015

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