Wie schon bei der Wahl zum Anglizismus des Jahres 2010 hat es auch diesmal die Cloud wieder in die engere Wahl geschafft. Und wie schon vor einem Jahr kümmere ich mich auch heuer um diesen Ausdruck. Man möge mir verzeihen, dass ich einiges wortwörtlich aus dem Vorjahresbeitrag übernehme.

Zunächst einmal: Als die Cloud wird, wie schon im vergangenen Jahr, ein großflächiges Computernetzwerk verstanden (manche sagen auch einfach: das Internet), in dem Dienste „erledigt“ werden, für die früher der eigene, lokale Rechner herhalten musste. Zu diesen Diensten gehören etwa die „reine“ Datenspeicherung (etwa Online-Backups) und die Datenverwaltung, webbasierte E-Mail-Angebote (wie web.de, Hotmail oder Google-Mail) und andere webbasierte Dienste wie Datenbanken, Blogsysteme, Text- und Bildbearbeitung u.v.a.m., bei denen Software und Prozessorleistung nicht vom eigenen Computer, sondern von im Netzwerk, der Cloud, eingebundenen Servern zur Verfügung gestellt werden.

Wikipedia hat eine Abbildung, die dieses Verhältnis veranschaulicht, und die (obgleich neueren Datums) auch andeutet, wie es zum Ausdruck Cloud gekommen ist. Dazu auch der Text aus dem letzten Jahr:

Warum Cloud? — Die Wolkenmetapher stammt aus der Telefonie-Branche, wo in den 1990ern auf grafischen Darstellungen mit einer Wolke die Abgrenzung des Verantwortungsbereichs von Anbieter und Nutzer markiert wurde.

Und zur Verwendung:

Die erste Erwähnung des Ausdrucks cloud computing in wissenschaftlichem Kontext (im Englischen) ist auf das Jahr 1997 zurückzuführen (laut Wikipedia).

Als eigenständiger Ausdruck, losgelöst vom Ausdruck cloud computing, wird Cloud auf das Unternehmen Amazon zurückgeführt:

»Wir geben Unternehmen die Wahlfreiheit, wenn sie sich in die Cloud bewegen«, erklärt Ray Ozzie, Microsofts Chief Software Architect. Die Entwicklung stünde noch ganz am Anfang, werde aber dazu führen, dass die IT-Infrastukturen zunächst in unternehmensübergreifende Grids und im nächsten Schritt dann ganz ins Netz, also in die Cloud verlagert werden, wie der von Amazon schon vor einigen Jahren geprägte Begriff lautet. (crn.de, 10.03.2008)

Erste Treffer für den freien Ausdruck Cloud habe ich für das Deutsche 2007/2008 finden können. Was die Zahlenverhältnisse angeht, so schrieb ich dann letztes Jahr:

Im Google-News-Archiv steigt der Wert für „die Cloud“ und (in/mit) „der Cloud“ von ungefähr 56 (2008) über 399 (2009) auf 2110 (2010) relativ stark an.

Wenn ich heute die gleiche Suche durchführe, erhalte ich für 2009 357 Treffer im Google-Newsarchiv, für 2010 erhalte ich 2310 Treffer, also einmal etwas weniger, einmal mehr Treffer als vor einem Jahr. Google hat also vermutlich entweder etwas an der Datengrundlage oder an der Datenabfrage geändert – wenn auch nicht derart, dass alles Bisherige Makulatur würde. Dennoch ist es ja mit vertretbarem Aufwand möglich, sich einmal die Entwicklung anhand der aktuellen Werte anzusehen. Zunächst die absoluten Zahlen für „die Cloud“ und (in/aus/mit/…) „der Cloud“ (jeweils ohne „Cloud Computing“), und „Cloud Computing“:

„die Cloud“ „der Cloud“ „Cloud Computing“ gehen sehen
2009 156 156 1470 279000 175000
2010 843 1160 2790 391000 239000
2011 2390 3210 5660 644000 395000

Da diese Zahlen aber nur bedingt aussagekräftig sind (siehe auch Kristin im Schplock), habe ich, ähnlich wie Anatol im Sprachlog (s.a. die Diskussion in den dortigen Kommentaren), die Entwicklung von Cloud in Bezug gesetzt mit der Entwicklung der sich vermutlich über die Jahre, über die Datengrundlage und über die Modifikationen an den Abfragealgorithmen hinweg konstant verhaltenden „Alltags-“ und Kontrollwörter gehen und sehen (in allen Flexionsformen):

„die Cloud“ „der Cloud“ „Cloud Computing“ gehen sehen
2009 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0
2010 5,4 7,4 1,9 1,4 1,4
2011 15,3 20,6 3,9 2,3 2,3

Was hier gezeigt wird, ist die Entwicklung relativ zu den Trefferzahlen des Jahres 2009 (als Beispiel: Der Wert 3,9 für 2011 bei „Cloud Computing“ bedeutet, dass 2011 3,9-mal so viele Treffer für „Cloud Computing“ in den Texten gefunden wurden wie 2009). Wie zu sehen ist, steigen die Trefferzahlen für gehen und sehen leicht an, was darauf hindeuten kann, dass die Datengrundlage insgesamt jedes Jahr größer geworden ist. „Cloud Computing“ steigt ebenfalls, aber nur wenig stärker als die Kontrollwörter. Die Ausdrücke „die Cloud“ und (in/mit/aus/…) „der Cloud“ (ohne „Computing“) steigen dagegen (ausgehend von einem relativ niedrigen Niveau) sowohl zwischen 2009 und 2010 als auch zwischen 2010 und 2011 deutlich an, was zeigt, dass die Verwendung dieser Ausdrücke auch relativ zu den Kontrollwörtern gestiegen ist.

Diese Zahlen sehen zunächst ganz beeindruckend aus. Vergleicht man die Werte von 2011 nicht mit den Werten von 2009, sondern mit den Werten des Vorjahres, ist der Faktor nicht mehr ganz so hoch:

„die Cloud“ „der Cloud“ „Cloud Computing“ gehen sehen
2010 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0
2011 2,8 2,8 2,0 1,6 1,7

Dennoch ist auch hier sichtbar, dass „die Cloud“ und (in/mit/aus/…) „der Cloud“ deutlich stärker steigen als die Kontrollwörter, die Anzahl ist jeweils fast verdreifacht; „Cloud Computing“ findet sich dagegen „nur“ doppelt so oft wie im Vorjahr und unterscheidet sich damit nicht mehr ganz so deutlich von den Kontrollwörtern (und damit, wenn dies übertragbar ist, von der allgemeinen Entwicklung im/des „Corpus“). Es ist also festzustellen, dass insbesondere die kürzere Form Cloud, die das Netzwerk bezeichnet, stetig zulegt. Die Cloud ist also dabei, es sich einzurichten.

Einen eigenen Eintrag hat das Wort im Pons-Rechtschreibwörterbuch, im Wiktionary findet sich zwar ein Artikel zu Cloud, jedoch nicht in der hier besprochenen Bedeutung. Im Duden Online steht nur das Cloud-Computing.

In seiner Verwendung bleibt das Femininum Cloud relativ unspektakulär: Es wird als Erst- oder (seltener) Zweitglied in Zusammensetzungen verwendet („Cloud-basierte Backupdienste“, „Cloud-Anwendungen“, „Google-Cloud“). Wie schon im Vorjahr festgestellt, steht das deutsche Äquivalent Wolke in mehreren Fällen neben der Cloud, eine Ersetzung, d.h. ein Text, in dem nur noch von Wolken gesprochen würde, ist aber nicht zu beobachten. Auch seltenere Fälle von Datenwolke oder Rechnerwolke oder Redeweisen wie im Netz speichern sind nach den Google-Newsarchiv-Daten eher zu vernachlässigen.

Ende 2011 titelte das Linux-Magazin „Cloud Computing in der Praxis wenig relevant“ und präsentierte eine Umfrage unter Administratoren, in der es unter anderem hieß:

Von den Befragten sagen 56 Prozent, Cloud Computing sei „ein Buzzwort ohne Einfluss auf ihre tägliche Arbeit.“

Nur 21 Prozent seien eher zustimmend. Selbst wenn diese Zahlen stimmen — die Administratoren spielen sicherlich eine wichtige Rolle in der, sagen wir mal, Cloud-Branche. Daneben gibt es aber etwa noch die Wissensvermittler, z.B. Journalisten und Blogger, und die Anwender. Und die Marketingleute, ja, auch die. Mindestens eine dieser Gruppen, so können wir am Ende konstatieren, verwendet das Wort Cloud jedenfalls durchaus, und zwar nach den hier zugrundeliegenden Daten mit steigender Häufigkeit. Cloud ist damit ein solider, wenn auch vielleicht etwas wenig glamouröser Anglizismus. Vielleicht ein Geheimfavourit für den Anglizismus des Jahres 2011 …?

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