Alle Jahre wieder wählt der Wörterbuchverlag mit dem gelben Einband das „Jugendwort des Jahres“. Auch 2013 wird es wieder eines geben und die 30 Kandidaten stehen auf „jugendwort.de“ zur Wahl und Einsicht.

Auch 2013 gibt es wieder mehr oder weniger spaßige Komposita (wie „Gehirnfasching“), deren Bildung Anatol Stefanowitsch im Sprachlog schon mal seziert hat. Ich habe auch nicht vor, im Folgenden zu sämtlichen 30 Kandidaten Senf zu geben, aber einige Ausdrücke finde ich doch aus dem einen oder anderen Grund nicht uninteressant.

  • Derzeit mit weitem Abstand auf Platz 1 liegt „Babo“ mit der Bedeutung ‚Boss‘. Bekannt ist das Wort mit türkischem Migrationshintergrund (das Internet munkelt, es sei zu türkisch baba ‚Vater‘ gebildet) sehr wahrscheinlich durch einen Raptitel von „Haftbefehl“: „Chabos wissen, wer der Babo ist“ (dem Text nach Prolo-Hip-Hop vom „Feinsten“). In diesem Kontext kann auf einen Spiegel-Beitrag vom Februar 2013 hingewiesen werden: „Der Babo von Frankfurt“ von Tobias Rapp über „Haftbefehl“ und dessen „polyglottes Durcheinanderquatschen“. Als Ausgleich sei auch eine „emanzipatorische Adaption“ des Haftbefehl-Tracks erwähnt: Ticktickboom — Rapper wissen wer die Zecken sind.
  • „YOLBE“ ist eine Abwandlung des Jugendworts von 2012, YOLO (‚You only live once‘), und bedeutet ‚You only live bis Elternsprechtag‘. Ersten Google-Eindrücken nach scheint der Ausdruck sogar von mindestens 500 Leuten mal wahrgenommen worden zu sein. Interessant ist hier die „hybride Zusammensetzung“ des Kurzworts aus den Initialbuchstaben englischer und deutscher Wörter. Ohne jetzt groß zu recherchieren, komme ich gar nicht auf vergleichbare Beispiele. (Etwas anderes ist die „TMI-Hose“, ‚too-much-information-Hose, enge Hose bei der mehr zu sehen ist als einem lieb ist‘. Ebenfalls hybrid gebildet, besteht hier eine Kompositionsstruktur mit englischstämmigem Kurzwort als Erstglied und deutschem Substantiv als Zweitglied; oder der „Standby-Blick“, ‚Gesichtsausdruck bei geistiger Abwesenheit‘, aus je einem englischstämmigem und deutschem Substantiv.) Außerdem ist das Wort durch den Bestandteil „Elternsprechtag“ tatsächlich relativ auf die Verwendung unter Schüler\inne\n beschränkt.
  • „Movinger“ (‚Spaziergang‘). Hier habe ich dann doch Zweifel, ob dieser Ausdruck vor der Wörterwahl auch bloß von 500 Leuten mal gehört oder gelesen, geschweige denn geäußert wurde.
  • „Hakuna Matata“ — wurde da vor Kurzem „Der König der Löwen“ (1994) im Fernsehen wiederholt? Erstaunlich, dass sich dieser medial vermittelte Modeausdruck vom Ende des vergangenen Jahrtausends zwanzig Jahre später wieder in solch einer Liste wiederfindet.
  • Noch älter als „Hakuna Matata“ und vermutlich nicht durch Funk und Fernsehen angestoßen ist „gediegen“. Auch eine Methode: Revitalisierung fast schon angestaubter Ausdrücke durch die Jugend; wäre aber auch nicht der erste Fall. Falls dem denn tatsächlich so wäre.
  • In die ganz andere Richtung geht „billow“. Soll ‚total schlecht‘ bedeuten. Möglicherweise an billig angelehnt? Der englische Ausdruck billow bedeutet nach gängigen Wörterbüchern ‚Welle, Woge‘ oder als Verb auch ’sich blähen‘. Urban Dictionary hat noch eine andere Bedeutung, die aber auch höchstens über Umwege mit ‚total schlecht‘ in Verbindung gebracht werden kann (hat mit Furzen und Analverkehr zu tun). Bin mal gespannt, ob dieser Ausdruck aus den 0% rauskommt.
  • „Oberfail“, „fotobombing“, „Eyecandy“, „in your face“ oder „spotten“ werden möglicherweise von Jugendlichen verwendet, aber ausschließlich jugendsprachlich sind sie keinesfalls. Die hab ja ich (teilweise) schon verwendet oder von Erwachsenen gehört. Ich hippes junges Ding.
  • „-Lord“ als ‚Anhängsel zur Verstärkung eines Ausdrucks, Du bist so ein Sportlord!‘ habe ich nun wiederum noch nie verwendet. Der Ausdruck wäre aus morphologischer Perspektive interessant, da hier womöglich ein neues Affixoid im Deutschen vorläge.
  • Abschließend noch „Forever-together-Beziehung“: Finde ich persönlich ganz interessant, wenn auch nicht unbedingt preiswürdig, da es einen Trend bezeichnet, über den das Feuilleton schon hie und da mal geschrieben hat — die Bedeutung ist nämlich nicht die wörtlich-erwartbare, sondern eine ironisierte: ‚übertriebene öffentlich im Netz dargestellte Freundschaft, die meist nur kurz hält‘. Reflektiert da die Jugend ihr eigenes Verhalten? Oder ein Teil der Jugend das Verhalten eines anderen Teils? Oder sind die 15 Treffer, die Google mir derzeit bieten kann, doch ein Anzeichen für die Aussagekraft dieser Wahl?

Wie in jedem Jahr wird die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ keine tiefschürfenden Einblicke in „die Jugendsprache“ geben, aber wenn sie Überlegungen zu Wortbildungen, Wortschöpfungen, Entlehnungsprozessen oder sprachlicher Kreativität im Allgemeinen anstößt, ist das ja schon ein kleiner Gewinn.

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