Immer noch nehmen wir fleißig die Kandidaten zum Anglizismus des Jahres 2014 unter die Lupe, heute: Smartwatch. Ich hatte dieses Wort bereits für den Anglizismus des Jahres 2013 begutachtet und erlaube mir daher, wo passend fleißig aus meinen letztjährigen Ausführungen zu zitieren. Damals hatte ich als Fazit geschrieben: „Durchwachsen. Der Ausdruck wurde messbar häufiger verwendet und nachgesucht als vorher, allerdings bewegen sich die messbaren Zahlen auf eher niedriger Ebene.“ Heute werde ich also insbesondere prüfen, ob die Verwendungshäufigkeit (als Maßzahl für die Bekanntheit) sich gesteigert hat.

Doch zunächst einige grundsätzliche Bemerkungen: Wie schon im letzten Jahr, so besteht Smartwatch — wer hätte das gedacht — auch jetzt noch aus zwei Konstituenten, nämlich smart und watch, wobei watch die Grundbedeutung (Armband-)Uhr beisteuert und das vorangestellte smart verdeutlicht, dass es sich um eine spezielle Art Armbanduhr handelt.

Das aus dem Englischen stammende Adjektiv smart wird schon länger in der deutschen Sprache verwendet, in Dudens Orthographischem Wörterbuch ist es erstmals 1905, in der achten Auflage, mit der zeitgenössischen Bedeutungserklärung ‘scharf, gewandt’ aufgeführt. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung bzw. die Beschreibung etwas geändert; auf Duden online erhält man derzeit folgende Erklärungen:

  1. clever, gewitzt
  2. von modischer und auffallend erlesener Eleganz; fein

Diese Bedeutungserklärungen treffen allerdings nur bedingt auf die Bedeutung von smart in Smartwatch zu — und das, obwohl Duden die treffendere Bedeutung bereits kennt: Schlägt man nämlich im Artikel Smartboard nach, liest man dort unter „Herkunft“: „aus: smart = mit künstlicher Intelligenz arbeitend“. Dieser Bedeutungsaspekt, verbunden außerdem mit dem Aspekt der Verbindung mit dem Internet, liegt auch bei smart in Smartwatch vor (und in zahllosen anderen Ausdrücken: „Vom smart fridge über smart socks und einen smart hat bis zur smart toothbrush„, wie ich vor einem Jahr schrieb). Wikipedia erklärt das dann so:

Eine Smartwatch (englisch für schlaue Uhr) ist eine Armbanduhr, die über Display, Sensoren, Aktuatoren (z. B. Vibrationsmotor) sowie zusätzliche Computerfunktionalität und -konnektivität und Internetzugriff verfügt. Aktuelle Smartwatches können neben der Uhrzeit weitere Informationen darstellen und lassen sich meist über zusätzliche Programme (sogenannte Apps) vom Anwender individuell mit neuen Funktionen aufrüsten.

Und ich konstatierte im letzten Jahr:

Da dies durchaus eine (be)nennenswerte Erweiterung des Funktionsumfangs einer “normalen” Uhr ist, liegt hier ein im Deutschen vorher nicht explizit bezeichneter neuer Sachverhalt und mit ihm eine lexikalische Lücke vor, die von Smartwatch gefüllt werden kann.

Dem ist auch aus heutiger Sicht nichts hinzuzufügen.

Hinzuzufügen ist aber etwas zur Beleglage. Letztes Jahr hatte ich einen ersten Beleg für Smartwatch (in dieser Bedeutung) aus dem Jahr 2004 ausmachen können. In der Zwischenzeit scheint das Institut für Deutsche Sprache sein Corpus erweitert zu haben: Jetzt ist in den Texten nämlich bereits für das Jahr 2000 ein erster Treffer zu ermitteln:

Unter diesen Voraussetzungen lässt sich eine Zukunft, in der Multimedia allgegenwärtig ist, erahnen. […] Das Energieversorgungsproblem für die drahtlose Kommunikation löst der „Smart Shoe“ durch die Umwandlung von kinetischer Energie. Die „Smart Watch“ übernimmt die Display-Funktionen, Mikrophon und Lautsprecher sind in einem Kugelschreiber untergebracht. Das Display ist Teil der Brille. […] Quelle: Weissbuch 2000, Robert Weiss Consulting, Männedorf (www.robertweiss.ch). [Neue Zürcher Zeitung, 26.09.2000, S. 122; Findige Folien, kluge Kärtchen /Technologien und Trends im Mobile Computing]

Während in diesem Text noch über eine mögliche Zukunft gesprochen wird, behandelt ein anderer Text einige Monate später diese Geräte bereits als Realität:

Einige der gezeigten Produktstudien sind aber viel versprechend. So […] die SmartWatch von IBM: Als Armband konzipiert, soll der Mini-Organizer am Handgelenk über eine Infrarotschnittstelle E-Mails vom PC abrufen können. […] Über Infrarot kann die SmartWatch mit PCs und Handys kommunizieren. [profil, 19.03.2001, S. 136; Cyberama]

Dennoch bleibt auch bei dieser neuen Corpussituation klar, dass die Smartwatch erst 2013 einigermaßen bekannt wird; die Zahlen aus dem DeReKo/COSMAS (ohne Wikipedia) zeigen das:

Treffer Texte Jahr
1 1 2007
9 5 2012
130 56 2013
101 56 2014

Hier muss man wieder bedenken, dass für 2014 nur Texte bis zur Mitte des Jahres vorliegen. Lägen auch die Zahlen bis Ende 2014 vor, wäre die Zahl sicherlich höher — allerdings wohl auch nur im mittleren dreistelligen Bereich. Umgerechnet auf Vorkommen pro 1 Mio. Wörter zeigt sich aber, dass die Verwendung 2014 sichtlich gestiegen ist:

Häufigkeit von Smartwatch pro 1 Mio. Wörter im DeReKo (ohne Wikipedia)

Häufigkeit von Smartwatch pro 1 Mio. Wörter im DeReKo (ohne Wikipedia)

Auf spiegel.de findet man über die Suche fast 100 Treffer für „Smartphone“ in Artikeln von 2014 (für das Vorjahr nicht ganz 50) — also etwa alle vier Tage eine Meldung über dieses Thema.

Formeigenschaften: Überwiegend liegt die Form Smartwatch vor, selten auch SmartWatch, Smart Watch oder Smart-Watch. Der Genitiv Singular lautet Smartwatch (ohne Flexiv); der Plural lautet Smartwatches. Das Wort fügt sich so nicht ganz optimal in die deutsche Flexionsmorphologie: Ein s im Plural ist im Deutschen zwar geläufig, aber die Plural-Endung -es ist nicht üblich. Das Genus ist Femininum, sehr wahrscheinlich, weil auch “die Uhr” ein Femininum ist.

Lexikographische Bearbeitung: Auf duden.de ist noch kein Artikel für Smartwatch zu finden, wohl aber bei Pons online mit der Bedeutungserklärung ‘Uhr mit Computerfunktionalität (und Internetverbindung)’. Die deutschsprachige Wikipedia hat ebenfalls einen Eintrag (seit Mai 2012; in der englischen Ausgabe seit September 2010), das Wiktionary hat immer noch keinen.

Fazit: Erneut muss ich ein vorläufiges Urteil über Smartwatch fällen, aber in diesem Jahr sieht es besser aus als im letzten. Auch in traditionellen Medien ist der Ausdruck nun angekommen — nicht mit einem Paukenschlag, aber doch so, dass davon auszugehen ist, dass Smartwatch nun nicht mehr nur den Techniknerds bekannt ist. 2014 also ein solider Kandidat für den Anglizismus des Jahres.

Weitere Besprechungen für den Anglizismus des Jahres 2014:

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